Wo sich die nächsten Börsengewinner finden lassen
- Knut Hellandsvik
- DNB AM
MÜNCHEN – Auch im ersten Halbjahr 2026 waren Aktien ein gutes Investment, erinnert Knut Hellandsvik von DNB AM. Er rechnet mit einer Fortsetzung der positiven Entwicklung, wobei er neben den bisherigen Gewinnern aus der Halbleiterindustrie insbesondere Chancen bei Software, Konsum, Gesundheit sowie Banken und Finanzdienstleistern sieht.
„Zu Jahresbeginn wurde erwartet, dass die Hyperscaler ihre Investitionen um rund 40 Prozent erhöhen würden“, sagt Knut Hellandsvik, Head of Equities bei DNB Asset Management. Nach den Ergebnissen des ersten Quartals wurden die Erwartungen sogar auf plus 80 Prozent angehoben, was zeige, mit welcher Geschwindigkeit derzeit Rechenzentren und die dazugehörige Infrastruktur aufgebaut werden. Davon würden zunächst Halbleiter- und Speicherchipunternehmen profitieren, führt der Experte weiter aus. So sei der Philadelphia Semiconductor Index, der sogenannte SOX-Index, im bisherigen Jahresverlauf um 93 Prozent gestiegen, während der Softwaresektor 14 Prozent verlor. Für Anleger sei es daher entscheidend gewesen, auf welcher Seite dieser ungewöhnlich großen Entwicklung sie positioniert waren.
Die KI-Investitionen übertreffen selbst hohe Erwartungen
Andererseits reiche die Investitionswelle inzwischen weit über die Chipindustrie hinaus. Neue Rechenzentren benötigen Strom, Stromnetze, Kühlsysteme, Kabel, Gebäude und geeignete Grundstücke. Die Nachfrage erreicht deshalb zunehmend Energieversorger, Infrastrukturunternehmen, Baukonzerne und Immobiliengesellschaften, womit die KI-Investitionen zu einer stärkeren Breite im Aktienmarkt führen. Auch handele es sich nicht mehr ausschließlich um ein amerikanisches Phänomen. Auch andere Regionen würden umfangreiche Investitionsprogramme auflegen.
Zugleich zeigen die Kursentwicklungen, wie hoch die Erwartungen inzwischen sind. So ist Samsung innerhalb eines Jahres um rund 400 Prozent gestiegen, SanDisk legte allein seit Jahresbeginn um 780 Prozent zu. Hier könnten entsprechend bereits kleinere Enttäuschungen erhebliche Kursreaktionen auslösen, warnt Hellandsvik.
Von Halbleitern zu Software und Konsum
„Nach der extremen Entwicklung im ersten Halbjahr erwarten wir, dass sich die Marktführerschaft weiter verbreitert“, betont der DNB-Manager. Besonders Softwareunternehmen würden wieder interessant erscheinen. Der Sektor sei stark zurückgeblieben, obwohl künstliche Intelligenz langfristig auch dort erhebliche Produktivitäts- und Effizienzgewinne ermöglichen dürfte. Chancenreich sei auch der Konsumsektor. „Dieser gehörte bislang zu den schwächsten Branchen des Jahres und ist inzwischen günstig bewertet“, erklärt der Experte. Gleichzeitig bestünden mehrere mögliche Katalysatoren.
Etwa wenn der Iran-Konflikt entschärft würde. Sollten die Ölpreise wieder sinken und die Inflation nachlassen, würde dies die Kaufkraft der Verbraucher verbessern. Dies gelte auch, wenn die Fed nicht an der Zinsschraube drehen würde. Und nicht zuletzt könnte das politische Umfeld vor den Zwischenwahlen in den USA diese Entwicklung unterstützen. Für die US-Regierung werde es zunehmend wichtig, sich wieder auf innenpolitische Themen und die finanzielle Belastung der Bevölkerung zu konzentrieren.
Gesundheit und Finanzwerte bieten weiteres Potenzial
„Finanzwerte gehörten bereits im ersten Halbjahr zu den Bereichen, die sich vergleichsweise gut entwickelt haben“, sagt Hellandsvik. Er rechnet damit, dass der Sektor auch in der zweiten Jahreshälfte Unterstützung erhält. Daneben erscheine auch der Gesundheitssektor als zunehmend interessant, in dem er seit einigen Wochen erste Anzeichen einer Erholung zeige. Gleichzeitig sei seine Bewertung im Verhältnis zum erwarteten Gewinnwachstum attraktiv. Als konkreten Katalysator nennt der Experte die geplante Unterstützung bestimmter Medikamente durch Medicare in den USA ab dem 1. Juli. Darüber hinaus könnte der Gesundheitssektor langfristig zu den größten Nutznießern künstlicher Intelligenz gehören. Nvidia-CEO Jensen Huang hat Gesundheit als einen der Bereiche bezeichnet, in denen AI künftig besonders große Auswirkungen haben könnte. „Die Kombination aus einer niedrigen relativen Bewertung, strukturellem Wachstum und neuen technologischen Möglichkeiten spricht dafür, dass der Sektor in der zweiten Jahreshälfte wieder stärker in den Fokus der Anleger rückt“, stellt Hellandsvik in Aussicht.
Europa und kleinere Unternehmen gewinnen an Bedeutung
Die stärkere Marktbreite zeigt sich laut der DNB-Analyse nicht nur auf Branchenebene. So habe der Russell 2000, der Index kleinerer US-Unternehmen, den S&P 500 im bisherigen Jahresverlauf deutlich übertroffen. Eine vergleichbare Entwicklung sei in Europa zu beobachten. Nach mehreren Jahren, in denen wenige große US-Technologiekonzerne den Markt dominierten, fließe Kapital zunehmend auch in andere Regionen, Branchen und Unternehmensgrößen.
Gewinne werden wichtiger als steigende Bewertungen
Für Aktienanleger zeige sich, dass ein größerer Teil der zukünftigen Rendite aus tatsächlichem Gewinnwachstum kommen müsse – und weniger aus steigenden Bewertungsmultiplikatoren. „Für das zweite Halbjahr bleiben wir daher konstruktiv“, resümiert der Experte. Die enormen Investitionen in künstliche Intelligenz, Energie, Infrastruktur und regionale Lieferketten würden wirtschaftliche Impulse weit über die bisherigen Gewinner hinaus erzeugen. Gleichzeitig dürften die großen Bewertungsunterschiede zwischen Branchen und Einzelunternehmen attraktive Möglichkeiten für aktive Anleger eröffnen. Die wichtigste Voraussetzung bleibe daher, dass die Unternehmen ihre Gewinnmargen halten und das erwartete Gewinnwachstum tatsächlich liefern können.
