Weltraumrennen 2.0: Milliardenmarkt jenseits der Atmosphäre
- Audun Wickstrand-Iversen
- DNB AM
MÜNCHEN – Um den Weltraum ist ein neues Rennen entbrannt – in erster Linie zwischen Unternehmen, während sich die geopolitischen Großmächte USA, China, Indien, die EU und Russland auf militärische und wissenschaftliche Raumfahrt konzentrieren, wie Audun Wickstrand-Iversen von DNB AM erklärt. So entsteht Zug um Zug ein stark wachsender ziviler Markt, der auch für Anleger von Interesse sei.
Aus Anlegersicht sei der fundamentale Wandel entscheidend, sagt Audun Wickstrand-Iversen, Portfoliomanager bei DNB Asset Management. Seiner Einschätzung nach generiere die Raumfahrt zunehmend stabile Cashflows. Die Geschäftsmodelle der Unternehmen im All seien profitabel – dank Satelliten, Daten und Kommunikationstechnologien, deren wirtschaftlicher Nutzen auf der Erde realisiert werde. „Damit wandelt sich die Branche von einem staatsgetriebenen, zyklischen Sektor hin zu einer Industrie mit strukturellem Wachstum“, präzisiert der Experte.
Beispiel SpaceX: 7000 Satelliten und 4,2 Milliarden Dollar Umsatz
Der Portfoliomanager führt SpaceX als Paradebeispiel an. Die Firma, die bei null gestartet war, habe mit Starlink ein globales Satelliten-Internet aufgebaut und betreibe inzwischen über 7000 LEO-Satelliten. In den ersten beiden Jahren erzielte das Unternehmen Umsätze von rund 1,3 Milliarden US-Dollar und erwartet für 2024 einen Umsatz von 4,2 Milliarden US-Dollar.
Mittlerweile zählt Starlink bereits mehr als fünf Millionen Abonnenten. Daraus ergibt sich mit Abo-Preisen zwischen 80 und 120 US-Dollar pro Monat ein skalierbares Modell mit hohen Margen. Mittelfristig peilt SpaceX bis zu 50 Millionen Nutzer an – was einem Umsatzpotenzial von 50 bis 70 Milliarden US-Dollar entspricht. Die Bewertung des Unternehmens lag im Dezember 2024 bei 350 Milliarden US-Dollar – rund das Dreifache des gesamten Börsenwerts des norwegischen Ölkonzerns Equinor.
Neue Telekom-Infrastruktur aus dem All
Noch radikaler sei das Modell von AST SpaceMobile, wie der DNB-Manager weiter ausführt. Das US-Unternehmen entwickelt Satelliten, die direkt mit Smartphones kommunizieren können – ohne Funkmasten oder Glasfasernetze. Bis Ende 2026 sollen 40 bis 50 Satelliten im Orbit sein.
Das Konzept basiert auf mobilem 5G-Internet – global verfügbar, direkt per Satellit. Und hier würden große Player der Branche bereitstehen: Apple kooperiert mit Globalstar, T-Mobile mit Starlink, zudem sind Qualcomm, Iridium, Samsung, Nokia, Ericsson und Vodafone beteiligt. Dabei sei der potenzielle Umbruch für Mobilfunkanbieter gewaltig: „Geringere Infrastrukturkosten und weltweite Abdeckung könnten die Branche neu strukturieren“, sagt Wickstrand-Iversen.
Satelliten sehen, hören und messen die Erde
Einen weiteren kommerziellen Wachstumspfad hat der Portfoliomanager im Bereich Erdbeobachtung und Datenerhebung identifiziert, wo die Qualität von Satellitenbildern kontinuierlich steige und die Kosten sinken. Ein Beispiel sei das Unternehmen Spire, das über 100 Satelliten zur präzisen Erfassung meteorologischer Daten, Schiffsbewegungen und atmosphärischer Veränderungen betreibe – nutzbar für Energie, Landwirtschaft, Logistik und Sicherheitsdienste.
Während der Bau eines Satelliten noch vor wenigen Jahrzehnten ein maßgeschneidertes Einzelstück gewesen sei, handele es sich heute um einen industriellen Prozess. Da die Lebensdauer von LEO-Satelliten etwa sechs bis neun Jahre beträgt, sei für stetige Nachfrage gesorgt – bei sinkenden Stückkosten und gleichzeitig steigender Leistungsfähigkeit, was die Raumfahrtindustrie zur Massenfertigung mit entsprechendem Skalierungspotenzial mache.
Markt für Raketenstarts wächst rasant
Ein weiteres Wachstumssegment verortet der Manager bei Raketenstarts. Noch 2014 lag das weltweite Volumen unter zwei Milliarden US-Dollar, das bis 2030 auf rund 43 Milliarden US-Dollar anwachsen dürfte. Treiber seien wiederverwendbare Raketen, bessere Materialien und eine automatisierte Fertigung.
Als Beispiel hierfür sei Rocket Lab genannt. Das neuseeländisch-amerikanische Unternehmen wurde 2006 von Peter Beck gegründet und ist auf kleine Trägerraketen spezialisiert, die mithilfe von 3D-Druck und modularer Bauweise kostengünstig gefertigt werden können. 2024 erfolgte der erste Testflug mit wiederverwendbarem Satelliten, 2025 folgt der größere Raketentyp "Neutron".
SpaceX wiederum verfolge mit Starship eine langfristige Vision: Ein vollständig wiederverwendbares Raketensystem, bestehend aus Super Heavy Booster und Starship-Raumfahrzeug, wie der Experte erläutert. Als größtes fliegendes Objekt der Welt soll es 100 Tonnen Fracht in den Orbit bringen können. Dabei sollen beide Komponenten per speziellen „Mechazilla“-Greifarmen wieder eingefangen und recycelt werden.
Laut CEO Elon Musk sollen bis 2026 bis zu zehn Starship-Flüge zum Mars durchgeführt werden – möglicherweise mit Teslas humanoidem Roboter „Optimus“ an Bord. Die Vision: ein interplanetarer Transportkorridor zwischen Erde und Mars.
Fazit: Investitionschance mit strategischer Dimension
Während der Raumfahrtsektor noch vor wenigen Jahren durch staatliche Programme geprägt war, sei daraus inzwischen ein hochdynamischer, technologiegetriebener Markt mit enormen Wachstumsperspektiven entstanden. Dabei nimmt die Anzahl der privaten Anbieter ebenso zu, wie die Breite der Anwendungsfelder.
Für Investoren bedeutet das: „Die kommerzielle Raumfahrt entwickelt sich zu einem ernstzunehmenden Infrastruktur- und Technologiethema – mit disruptivem Potenzial und langfristigen Renditechancen“, wie Wickstrand-Iversen betont. Wobei die nächsten fünf Jahre zum entscheidenden Prüfstein werden – für Unternehmen, Technologien und Kapitalgeber gleichermaßen.
