Was Schwellenländeraktien jetzt antreibt

  • James Donald
  • Lazard AM

MÜNCHEN – Schwellenländeraktien ist eine robuste, wenn auch zunehmend uneinheitliche Lage, zuzutrauen, erklärt James Donald von Lazard AM. Allerdings habe der Konflikt zwischen den USA und dem Iran bestehende Unterschiede noch verstärkt. Höhere Energiepreise, gestörte Transportwege und steigende Inflationsrisiken würden sich je nach Land und Region sehr verschieden auswirken.

„Der Iran-Konflikt macht einmal mehr deutlich, dass Anleger Schwellenländer nicht als einheitlichen Block betrachten können“, betont James Donald, Leiter der Emerging Markets-Plattform bei Lazard Asset Management. Die Ölpreise seien nach Ausbruch des Konflikts zeitweise auf über 120 US-Dollar je Barrel gestiegen; Störungen in der Straße von Hormus hätten die Sorgen um die Energieversorgung zusätzlich verstärkt. Kurzfristig entstehe dadurch makroökonomischer Druck vor allem auf energieimportierende Volkswirtschaften. Allerdings blieben zugleich die langfristigen strukturellen Treiber für Schwellenländeraktien intakt – insbesondere KI-Infrastruktur, Halbleiterproduktion und die Neuordnung globaler Lieferketten.

Asien: Energieimporte als Belastungsfaktor

Energieimportierende Volkswirtschaften wie Indien, Südkorea, Indonesien, die Philippinen, Thailand und Vietnam seien besonders von anhaltender Energiepreisvolatilität betroffen. Viele Regierungen hätten zunächst mit Subventionen, Steuersenkungen, dem Einsatz strategischer Reserven oder alternativen Liefervereinbarungen reagiert. Sollte der Energiepreisdruck länger anhalten, könne der Anpassungsdruck jedoch zunehmend auf die Geldpolitik übergehen. Mehrere asiatische Zentralbanken müssten dann möglicherweise vorsichtig oder sogar leicht restriktiv bleiben, um Zweitrundeneffekte einzudämmen. Indien sei ein besonders gravierender Fall und sowohl über höhere Energiepreise direkt als auch über steigende Kosten für Düngemittel und Nahrungsmittel indirekt betroffen.

Zugleich könnten höhere Lebensmittelpreise den Druck in Ländern erhöhen, in denen Nahrungsmittel einen großen Anteil am Inflationskorb ausmachen. Dies könne beispielsweise erneut Indien, aber auch die Philippinen oder Ägypten betreffen. „Für Anleger bedeutet das: Selbst strukturell attraktive Wachstumsmärkte könnten kurzfristig durch makroökonomische Belastungen gebremst werden“, sagt Donald.

Taiwan und Südkorea profitieren vom KI-Zyklus

Der stärkste strukturelle Wachstumstreiber innerhalb der Schwellenländeraktien bleibt aus Sicht des Experten jedoch der Technologiesektor in Nordasien. Der Iran-Konflikt ändere wenig an den langfristigen Kräften, die Taiwan und Südkorea unterstützen. Der Ausbau von KI-Infrastruktur, Halbleiterproduktion und Rechenzentren trage weiterhin maßgeblich zum Gewinnwachstum in den Emerging Markets bei.

Besonders gefragt seien moderne Logikchips, Advanced Packaging, High-Bandwidth Memory und andere Komponenten für KI-Anwendungen. So bleibe etwa die Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC) ein zentraler Knotenpunkt dieser Lieferkette. Daneben profitieren Speicherhersteller von der strukturellen Neubewertung von High-Bandwidth Memory, dessen Angebot im Verhältnis zur Nachfrage von KI-Chipentwicklern weiterhin begrenzt sei.

„Taiwan und Südkorea sind längst nicht mehr nur zyklische Technologiemärkte“, sagt Donald. „Sie sind zentrale Bausteine der globalen KI-Infrastruktur und damit strategisch wichtige Bestandteile vieler Emerging Markets-Portfolios.“

Die starke Wertentwicklung der beiden Märkte im laufenden Jahr spiegele daher nicht nur eine zyklische Erholung wider, sondern auch eine Neubewertung der Ertragskraft führender Halbleiterunternehmen. In US-Dollar gerechnet hätten die Aktienmärkte in Taiwan und Südkorea laut Daten von MSCI bis Ende Juni 2026 um 62 Prozent beziehungsweise 119 Prozent zugelegt.

China bleibt relativ widerstandsfähig

China sei gegenüber direkten Energieversorgungsengpässen vergleichsweise besser geschützt als viele andere asiatische Volkswirtschaften. Große strategische Reserven, diversifizierte Importkanäle und die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Energiequellen zu wechseln, würden dem Reich der Mitte Flexibilität verschaffen.
Die wichtigsten Risiken seien indirekter Natur: schwächeres Wachstum wichtiger Handelspartner, steigende industrielle Inputkosten und mögliche Störungen bei den Lieferketten für Petrochemikalien oder anderen Vorprodukten. Aktienanleger sollten daher zwischen kurzfristigen makroökonomischen Belastungen und strukturellen Sektorthemen unterscheiden.

Lateinamerika zwischen Rohstoffen, Wahlen und Nearshoring

Auch Lateinamerika bietet nach Donalds Einschätzung Chancen, allerdings unter sehr unterschiedlichen Vorzeichen. In Brasilien stünden die Präsidentschaftswahlen im Oktober im Mittelpunkt. Der politische Kurs nach der Wahl werde für Aktien mit Binnenmarktfokus wichtig sein. Gleichzeitig sei Brasilien außenwirtschaftlich in einer günstigen Position: Das Land profitiere von robuster chinesischer Nachfrage nach Agrarrohstoffen wie Sojabohnen und Fleisch sowie von den frühen Phasen einer Neuordnung der Lieferketten in Amerika.
Ebenso wichtig wie der Wahlausgang sei der Zinspfad. Die brasilianische Zentralbank hat im März ihren Lockerungszyklus begonnen, nachdem der Leitzins Anfang 2026 bei 15 Prozent lag. Bis Juni ist der Satz auf 14,25 Prozent gesenkt worden. Höhere Energie- und Lebensmittelpreise im Zuge des Iran-Konflikts hätten die Erwartungen weiterer Zinssenkungen jedoch belastet.

In Mexiko bleibe Nearshoring ein zentraler Treiber der Aktienmarktstory. Bei der Überprüfung des USMCA-Abkommens zwischen den USA, Mexiko und Kanada verlängerten die USA das Abkommen zwar nicht in seiner bisherigen Form, kündigten es aber auch nicht auf. Bestehende Handelspräferenzen, Ursprungsregeln und Investitionsschutzmechanismen blieben intakt. Zugleich schaffe der Übergang zu jährlichen Überprüfungen bis 2036 jedoch neue Unsicherheiten für Unternehmensinvestitionen.
„Mexikanische Aktien dürften weiterhin vom Trend zum Nearshoring profitieren“, sagt Donald. „Damit die Investmentstory intakt bleibt, braucht sie jedoch einen stabilen und berechenbaren Handelsrahmen. Jede zusätzliche Unsicherheit kann die Kapitalallokation von Unternehmen belasten.“

Aktive Auswahl ist ausschlaggebend

„Schwellenländeraktien bleiben widerstandsfähig“, zieht Donald ein Resümee. Die nächste Zeit werde jedoch von stärkerer Differenzierung geprägt sein. Wer nur auf die Anlageklasse als Ganzes schaue, könne leicht die eigentlichen Chancen übersehen. Besonders interessant sind aus seiner Sicht Märkte und Unternehmen, die von strukturellen Trends wie KI-Infrastruktur, Halbleitern, Rohstoffen oder der Neuordnung globaler Lieferketten profitieren.

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