Wachstum intelligent steuern
- Thorsten Winkelmann
- AllianceBernstein
MÜNCHEN – In einem volatilen Marktumfeld wie zurzeit stehen aktive Anleger vor der Herausforderung, Wesentliches von Ablenkendem zu trennen, sagt Thorsten Winkelmann von AllianceBernstein. Gerade dann komme es darauf an, klare Prinzipien und einen langfristigen Blick zu bewahren. Im Fokus stünden unternehmerisches Denken, strukturelle Wettbewerbsvorteile und robuste Geschäftsmodelle.
Aktive Anleger müssen sich in einem Strom von Nachrichten zurechtfinden, der ihre Wahrnehmung der Unternehmen, in die sie investieren, beeinflussen und sie von den ursprünglichen Gründen für ihre Investitionsentscheidungen ablenken kann, weiß Thorsten Winkelmann aus Erfahrung. Angesichts dieser Informationsflut sei ein hoch fokussierter Ansatz erforderlich, um das Rauschen herauszufiltern und sich auf das wesentliche Anlageargument jedes einzelnen Investments zu konzentrieren, so der Chief Investment Officer European and Global Growth Equities bei AllianceBernstein weiter.
Das erste Halbjahr 2025 sei ein Paradebeispiel dafür: Zölle beherrschten die Schlagzeilen, und viele veröffentlichte Analysen konzentrierten sich stark auf die Zollrisiken von Unternehmen – oft auf Kosten anderer wichtiger Faktoren. Doch wie können Aktienanleger verhindern, vom Kurs abzukommen?
Wichtige Anker für Wachstumsinvestoren
„Unserer Ansicht nach besteht das beste Gegenmittel gegen Nachrichtenüberflutung darin, sich an zentrale Grundsätze zu halten, die die fundamentalen Treiber des Gewinnwachstums definieren“, präzisiert der Experte. Der besondere Reiz von Wachstumsaktien liege in ihrem Potenzial für ein beschleunigtes Gewinn- und Cashflow-Wachstum über einen langen Zeitraum hinweg. Daher sei es nur logisch, dass Anleger ihren Fokus auf die langfristige Entwicklung richten sollten – und nicht auf das tägliche Auf und Ab der Nachrichtenlage.
Ein langfristiger Ansatz, der ein anderes Denken erfordert – das eines Unternehmers. Ein Denken, das es ermöglicht, leichter die Eigenschaften von Unternehmen und Managementteams zu erkennen, die langfristigen Erfolg ermöglichen. Ein Nebeneffekt sei, dass mit dieser Perspektive beunruhigende Schlagzeilen und Marktturbulenzen zu Chancen werden können, etwa um hochwertige Wachstumsunternehmen zu attraktiven Preisen zu erkennen und zu erwerben.
Eigenschaften, die ein erfolgreicher Unternehmer schätzt
Hier sind zunächst die Wettbewerbsvorteile zu nennen. Großartige Unternehmen würden sich durch starke – oft unterschätzte – langfristige Wachstumspotenziale auszeichnen, beschreibt Winkelmann. Deren Vorteile häufig auf strukturellen Wachstumstreibern beruhen, die nicht direkt von der allgemeinen Wirtschaftslage abhängen, etwa technologischen Entwicklungen, Innovationen im Gesundheitswesen, industrieller Automatisierung oder dem Übergang zu nachhaltiger Energie. Zusätzlich würden diese Vorteile durch hohe Markteintrittsbarrieren verstärkt – sei es durch hohen Investitionsbedarf, technologische Führerschaft oder überlegene Qualität.
Daneben sei eine robuste Unternehmenskultur unerlässlich. Mit starken Führungskräften, die resiliente Unternehmen aufbauen sowie Verantwortung übernehmen – und gegebenenfalls für ihre Entscheidungen zur Rechenschaft gezogen werden, unabhängig vom Ergebnis. Als ein gutes Zeichen für ein gut geführtes Unternehmen wertet der Experte auch eine zentralisierte Unternehmensführung, bei der Entscheidungsbefugnisse und Verantwortung auf Geschäftseinheiten verteilt sind.
In Europa hätten bereits viele Unternehmen durch gezielte Diversifikation Maßnahmen ergriffen, um sich gegen globale Schocks – wie Zölle – abzusichern. Als Beispiele nennte Winkelmann eine weltweite Präsenz, dezentrale Entscheidungsstrukturen, diversifizierte Lieferketten über verschiedene Länder und Lieferanten sowie lokale Produktionsstätten, die innerhalb von Zollgrenzen operieren können.
Übernahmen müssen den Aktionären, nicht dem Management dienen
Wachstumsunternehmen mit Übernahmestrategien sollten durch ein umsichtiges Vorgehen überzeugen, da schlecht ausgeführte Übernahmen oft Aktionärswerte vernichten, wie der Experte weiß. Erfolgreiche Unternehmen lassen sich hingegen Zeit bei der Zielauswahl und vermeiden spektakuläre Deals, die nur kurzfristige Gewinne liefern sollen. Zielführend sei etwa in fragmentierten Märkten die Wettbewerbsposition durch eine Serie strategischer Zukäufe auszubauen – beginnend mit kleineren lokalen Anbietern bis hin zu regionalen und globalen Akquisitionen. Für Anleger könnte sich hier insbesondere ein Blick auf „Serien-Aufkäufer“ lohnen, da diese Strategie zur Skalierung, Verbesserung der Einkaufsmacht, Förderung organischen Wachstums und Vertiefung des Wettbewerbsvorsprungs beiträgt.
Langweilig kann vorteilhaft sein
Viele Unternehmen mit konstanten Erträgen würden von außen betrachtet unspektakulär wirken. Demgegenüber bieten ausgewählte Industrieunternehmen in Europa in eher unbekannten Nischenmärkten ein erstaunlich stabiles, langfristiges Wachstum, so der Experte. Als solides Fundament für nachhaltigen Erfolg sieht er „organisches Wachstum, eine kluge Übernahmestrategie mit disziplinierter Kapitalallokation und gesunde Kapitalrenditen“ – auch wenn das selten für Schlagzeilen sorge.
Das Rauschen in einer dynamischen Welt herausfiltern
Allzu oft verbreiten Finanzmedien Schlagzeilen über angeblich schwächelnde Fundamentaldaten, um Dramatik zu erzeugen und Klicks zu generieren, kritisiert Winkelmann – und dies zusätzlich zu ohnehin bestehenden Unsicherheiten. Allerdings würden Anleger, die ein Unternehmen wirklich verstehen, einen solchen Informationsnebel durchschauen und könnten mit Überzeugung eine Perspektive von fünf bis zehn Jahren einnehmen und dies als strategische Chancen für nachhaltiges Aktienwachstum nutzen.
