US-Wirtschaft am Scheideweg

  • Blerina Uruci
  • T. Rowe Price

MÜNCHEN – Die US-Wirtschaft befindet sich in der Phase einer sich wandelnden globalen Handelslandschaft mit vorsichtigem Optimismus hinsichtlich des künftigen Wachstums, bei anhaltendem Inflationsdruck. Vor allem dürften aktuelle Entscheidungen die wirtschaftliche Entwicklung der kommenden Jahre maßgeblich prägen, mahnt Blerina Uruci von T. Rowe Price.

Die Inflation bleibe eine hartnäckige Herausforderung, sagt Blerina Uruci, Chefökonomin für die USA bei T. Rowe Price. Mit einem potenziellen Anstieg der Gesamtinflationsrate um bis zu 150 Basispunkte könnte die Inflation in den kommenden Quartalen die 4 %-Marke pro Jahr überschreiten. Als wichtigen Treiber dafür sieht sie die Zölle. Da die effektiven Zollsätze von einem historischen Durchschnitt von 2,5 % auf voraussichtlich 10 bis 20 % steigen, dürfte die Kostenbelastung vor allem die Verbraucher treffen, die 50 % oder mehr dieser Erhöhungen an der Kasse tragen müssen.

Wiederbelebung der Zölle und ihre Folgen

Die Wiederbelebung der Zölle, die weitgehend auf die strategische Kehrtwende der Trump-Regierung zurückzuführen sei, ist mehr als nur ein fiskalisches Instrument, wie Uruci betont. Es handele sich um ein geopolitisches Instrument, das darauf abzielt, die globalen Handelsströme neu zu gestalten und die wirtschaftliche Abhängigkeit von China zu verringern. Allerdings seien die Auswirkungen tiefgreifend, nicht nur für die Preise, sondern auch für Lieferketten, Unternehmensstrategien und internationale Beziehungen, so die Expertin.

Dem gegenüber würden die allgemeinen Wirtschaftsaussichten trotz inflationärer Gegenwinde und der drohenden Gefahr einer technischen Rezession vorsichtig optimistisch bleiben. Der Arbeitsmarkt, oft ein Indikator für die wirtschaftliche Gesundheit, zeige sich weiterhin widerstandsfähig. Die Arbeitslosigkeit bleibe niedrig, gekennzeichnet durch wenige Entlassungen und ein wachsendes Arbeitskräfteangebot. Die Erwerbsquote habe das Niveau vor der Pandemie übertroffen, und die Schaffung von Arbeitsplätzen sei stabil, mit durchschnittlich 150.000 neuen Stellen in den letzten drei Monaten.

Ausgewählte Sektoren wirken unterstützend

Wichtige Sektoren wie das Gesundheitswesen, das Bildungswesen und das Gastgewerbe treiben die positive Dynamik voran, erklärt Uruci. Arbeitgeber, die sich vor dem Verlust hart erkämpfter Talente hüten, würden sich mit Entlassungen zurückhalten. Das Lohnwachstum schwäche sich ab, was auf nachhaltigere Einstellungspraktiken hindeute. Andererseits deuten Frühwarnzeichen wie steigende Entlassungen im Bundes- und Dienstleistungssektor und ein rückläufiges Verhältnis zwischen Arbeitsplatzverlusten und Arbeitslosen darauf hin, dass die Arbeitnehmer vorsichtiger werden. Auch das Vertrauen der Kleinunternehmen schwinde, was die ansonsten stabile Lage auf dem Arbeitsmarkt mit einer gewissen Vorsicht trübe.

Neues Konjunkturpaket erwartet

Auf fiskalischer Ebene könnte vor der Kongresspause im August ein neues Konjunkturpaket angekündigt werden, ahnt die Expertin, was ein wichtiges Aufwärtsrisiko für die kurzfristigen Marktaussichten darstelle. Dieses könnte gezielte Steuergutschriften für Haushalte mit mittlerem Einkommen und rückwirkende Anreize zur Förderung von Unternehmensinvestitionen umfassen, was den Konsumausgaben und dem Vertrauen der Unternehmen einen willkommenen Schub verleihen könnte.

Unterdessen dürfte sich die US-Notenbank weiterhin ganz auf die Inflation konzentrieren. Mit einem unveränderten Leitzins von 4,25 % bis 4,5 % signalisiert die Fed einen geduldigen, datengesteuerten Ansatz. Trotz der Hoffnungen des Marktes auf Zinssenkungen geben die politischen Entscheidungsträger langfristiger Stabilität den Vorrang vor kurzfristigen Erleichterungen und warten auf klarere Anzeichen einer anhaltenden Desinflation, bevor sie weitere Schritte unternehmen, so die Einschätzung.

Fazit

„Die Finanzmärkte passen sich an eine neue globale Realität an“, beobachtet Blerina Uruci. Der langjährige „US-Ausnahmebonus“, der auf einer starken Verbrauchernachfrage, einem dynamischen Arbeitsmarkt und einer unterstützenden Fiskalpolitik beruhte, werde neu bewertet. Da andere Volkswirtschaften beginnen, ihre Wachstumsrückstände aufzuholen, werde der US-Dollar erneut unter Druck geraten. Auch die Renditen von Staatsanleihen würden steigen, angetrieben durch einen Anstieg der Laufzeitprämien angesichts der Unsicherheit über die Inflation und die Tragfähigkeit der Staatsfinanzen.

Allerdings wachse mit Blick auf das Jahr 2026 der Optimismus für eine robustere Erholung. Fiskalische Unterstützung, ein sich stabilisierender Arbeitsmarkt und normalere wirtschaftliche Bedingungen könnten den Weg für ein erneutes Wachstum ebnen. Dennoch bleiben Risiken bestehen: Die inflationären Auswirkungen der Zölle, eine mögliche Abschwächung des Arbeitsmarktes, Störungen der globalen Lieferketten und sich wandelnde Handelsbeziehungen erfordern weiterhin große Aufmerksamkeit.

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