US-Wachstumsaktien: Halbleiterboom zeichnet die Risikolandkarte neu

  • John Fogarty
  • Alliance Bernstein

MÜNCHEN – „Die Konzentration an den US-Aktienmärkten bleibt hoch“, sagt John Fogarty von Alliance Bernstein. Sie verlagere sich jedoch zunehmend von den Magnificent Seven hin zu Halbleiterwerten. Er zeigt auf, was die aktuelle Zusammensetzung des Russell 1000 Growth Index für passive Anleger bedeutet.

„Eine hohe Konzentration an den US-Aktienmärkten ist seit mehreren Jahren ein wiederkehrendes Thema“, konstatiert John Fogarty, Co-Chief Investment Officer bei Alliance Bernstein. Nach der jüngsten Neuzusammensetzung der Indizes habe diese Konzentration jedoch eine neue Form angenommen: Der Einfluss der Magnificent Seven lasse nach, während Halbleiteraktien an Gewicht gewinnen. Damit haben im Grunde genommen Millionen passiver Anleger ein neues Portfolio erhalten, ohne selbst eine einzige Anlageentscheidung getroffen zu haben.

Die Neuzusammensetzung der wichtigsten US-Large-Cap-Indizes von FTSE Russell im Juni sei weit mehr als nur eine technische Anpassung gewesen. Durch die regelmäßige Überprüfung und Anpassung von Indexmitgliedern, Stilzuordnungen und Gewichtungen sollen die Benchmarks die Entwicklung der Märkte möglichst repräsentativ abbilden. Die diesjährigen Änderungen könnten jedoch gerade in den heutigen, stark von künstlicher Intelligenz geprägten Märkten erhebliche Auswirkungen für Anleger haben.

Deutliche Verschiebung im Russell 1000 Growth

Besonders ausgeprägt seien die Auswirkungen der jüngsten Neuzusammensetzung im Russell 1000 Growth Index – einem weithin beachteten Maßstab für die Wertentwicklung von US-Wachstumsaktien. Bei mehreren der größten Technologieunternehmen sei es zu deutlichen Veränderungen bei der Stilklassifizierung gekommen, während Halbleiterunternehmen innerhalb des Index erheblich an Gewicht gewannen. Vor der Neugewichtung machten die als „Magnificent Seven“ bezeichneten Mega-Cap-Technologieunternehmen gemessen an der Marktkapitalisierung 52,8 Prozent des Russell 1000 Growth aus und hatten damit einen überproportional großen Einfluss auf die Aktienmarktrenditen. Inzwischen ist ihr Anteil auf 43,1 Prozent geschrumpft.

„Auf den ersten Blick scheint dies eine begrüßenswerte Verringerung der Indexkonzentration zu sein“, kommentiert Fogarty. Bei genauerer Betrachtung zeige sich jedoch ein differenzierteres Bild. Etwa, weil Halbleiter- und Halbleiterausrüstungsunternehmen inzwischen ein bemerkenswertes Drittel des Russell 1000 Growth ausmachen – gegenüber zuvor 24 Prozent. Ausschlaggebend dafür sei unter anderem, dass stark gestiegene Speicherchip-Aktien aus dem entsprechenden Value-Index in den Growth-Index wechselten.

Neues Erscheinungsbild, gleiche Konzentration

Die neu gewonnene Bedeutung von Halbleiterunternehmen mag angesichts der zentralen Rolle von Chips, Speicherlösungen und Ausrüstungsanbietern beim Ausbau der KI-Infrastruktur plausibel erscheinen, räumt der Experte ein. Doch inzwischen entfallen auf Halbleiter- und Halbleiterausrüstungsaktien nicht nur ein Drittel der Marktkapitalisierung des Index, sondern auch nahezu die Hälfte seines Betas – also seines gesamten Marktrisikos. Dadurch hätten Anleger zugleich einen Referenzindex erhalten, der stärker auf Marktschwankungen reagiert als der S&P 500. Dieses Risiko habe sich auch bereits im Juli deutlich gezeigt, als die Aktien einiger der größten und volatilsten Speicherchip-Unternehmen innerhalb nur eines Monats um mehr als 25 Prozent einbrachen.

Gleichzeitig hätten sich die Gewichtungen innerhalb des Technologiesektors verschoben, wie der Experte anfügt. So gehe der Aufstieg der Halbleiterwerte mit einem anhaltenden Rückgang von Softwareaktien einher, die seit Februar angesichts von Sorgen über disruptive Auswirkungen der KI unter Druck stehen. Der Anteil von Softwareunternehmen am Russell 1000 Growth ist von einem Höchststand von 20 Prozent im August 2025 auf 9,3 Prozent im Juni 2026 gefallen.

„Zusammengenommen markieren diese Entwicklungen einen tiefgreifenden Wandel in der Zusammensetzung des Technologiesektors am Aktienmarkt“, erklärt Fogarty. Anleger stünden damit vor einem Index mit neuem Erscheinungsbild, aber einer vertrauten Herausforderung: Zwar habe sich die Marktführerschaft verändert, doch ein wachsender Anteil der Indexentwicklung hänge weiterhin von einer relativ kleinen Gruppe von Unternehmen innerhalb einer einzigen Branche ab.

Passive Entscheidungen können aktiver sein, als man denkt

Nach einer derart deutlichen Neuzusammensetzung sollten sich Anleger eine einfache Frage stellen, rät der Experte: Wie passiv ist mein passiver Index tatsächlich? Wahrscheinlich weniger, als man vermuten würde. Die Entscheidung, das Gewicht der Magnificent Seven zu reduzieren und zugleich das Engagement in Halbleiterwerten deutlich zu erhöhen, wurde nicht von Millionen einzelner Anleger getroffen. Sie ergab sich aus der Indexmethodik, die festlegt, welche Unternehmen die Voraussetzungen für eine Aufnahme erfüllen und welches Gewicht ihnen im Index zukommt. „Aus unserer Sicht können die Indexmethodik und regelmäßige Neuzusammensetzungen somit ein unerwartet aktives Element in eine ansonsten passive, indexnachbildende Strategie einbringen“, resümiert Fogarty. Die Gewichtung nach Marktkapitalisierung – ein zentraler Bestandteil der Methodik der meisten großen Indizes – verstärke diesen Effekt zusätzlich.

Halbleiter sind wichtig – Diversifikation aber ebenso

Das Gesagte bedeute nicht, dass Anleger Halbleiteraktien meiden oder das Thema KI ignorieren sollten, führt der Experte weiter aus. Die KI-Revolution sei real, und viele Halbleiterunternehmen würden von starken langfristigen Wachstumstrends profitieren. Mit der zunehmenden Verbreitung von KI könnten sich zudem Chancen im Gesundheitswesen, in der Industrie und in weiteren Sektoren eröffnen, die künstliche Intelligenz nutzen, um ihre Produktivität zu steigern. Schon heute sorge KI in einer Vielzahl von Unternehmensanwendungen für Effizienzgewinne. Die Herausforderung bestehe indes darin, an KI-bezogenen Wachstumstrends teilzuhaben und gleichzeitig auf eine disziplinierte, breite Diversifikation zu achten. So würden Halbleiter derzeit im Mittelpunkt des Marktgeschehens stehen. Sollte jedoch ihre Strahlkraft mit der Zeit nachlassen, könnte das für passive Anleger teuer werden. Langfristig orientierte Anleger sollten daher auf aktives Management setzen, um robuste Unternehmen in einem breiteren Anlageuniversum zu identifizieren, rät Fogarty.

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