Unterschätzte Chancen am Aktienmarkt
- Paul Quinsee
- J.P. Morgan Asset Management
MÜNCHEN – „Das Gewinnwachstum globaler Unternehmen zeigt sich derzeit weiterhin robust“, sagt Paul Quinsee von J.P. Morgan Asset Management. Er führt dies maßgeblich auf den KI-Investitionsboom zurück. Er rät, einen Blick auf die Segmente mit Nachholbedarf zu werfen – „allen voran Unternehmen, die der Markt pauschal als KI-Verlierer abgestraft hat“.
Paul Quinsee, Global Head of Equities bei J.P. Morgan Asset Management, und sein Team haben über alle Regionen hinweg die Gewinnprognosen angehoben, „getragen von robustem Wirtschaftswachstum, anhaltendem fiskalischen und monetären Rückenwind sowie dem kontinuierlichen Einfluss des KI-Investitionszyklus“, so der Experte. So wird etwa für den S&P 500 2026 ein starkes zweistelliges Gewinnwachstum erwartet. Dabei würde sich das Wachstum zunehmend verbreitern und nach Jahren der Stagnation auch die 493 Unternehmen im S&P 500 jenseits der Magnificent 7 eine spürbare Erholung verzeichnen.
Gewinnwachstum verbreitert sich
Außerhalb der USA hellt sich nach Quinsees Einschätzung das Bild ebenfalls auf: Japan profitiert demnach von Verbesserungen bei Corporate Governance und Kapitaleffizienz und auch in Europa hätten sich die Aussichten nach Jahren des Rückstands verbessert, während der Gegenwind aus dem Energiesektor und der Automobilindustrie nachlasse. Gleichzeitig dürften Fiskalimpulse die Binnennachfrage stützen. Und nicht zuletzt die Schwellenländer sollten beim Gewinnwachstum nach einem Jahrzehnt der Underperformance mit den USA gleichziehen.
Dennoch bleibe das Bild von einer starken Konzentration geprägt: Klammert man KI-Investitionen und den Energiesektor aus, erwartet Quinsee für den US-Markt lediglich ein moderates Gewinnwachstum von 8 Prozent. Hinzu kommt, dass die Bewertungen in Teilen des Marktes, besonders in den USA, nach wie vor über den langfristigen Durchschnittswerten liegen, was die Renditeerwartungen dämpft.
Breite Abverkäufe bei vermeintlichen KI-Verlierern
Als eine der auffälligsten Entwicklungen der vergangenen Monate bezeichnet Quinsee die massive Underperformance von Unternehmen, die der Markt als Verlierer des KI-Zeitalters einstuft – vor allem aus dem Software- und IT-Dienstleistungsbereich. So hätten etwa Software-as-a-Service)-Unternehmen seit Anfang 2025 Bewertungseinbußen von fast 60 Prozent erlitten.
„Dieser breite Abverkauf hat jedoch Chancen geschaffen, denn nicht alle KI-Verlierer sind gleich“, betont der Experte. IT-Dienstleister und Infrastrukturunternehmen beispielsweise zeigten nach seiner Analyse resilientere Gewinnrevisionen, attraktivere Bewertungen und eine verbesserte operative Dynamik. Entscheidend sei daher ein disziplinierter Analyserahmen zur Beurteilung des Disruptionsrisikos – unter Berücksichtigung von Faktoren wie der Stärke von Daten-Wettbewerbsvorteilen, der Substituierbarkeit von Produkten, den Wechselkosten für Kunden, regulatorischen Markteintrittsbarrieren und der Fähigkeit zur KI-Integration. So ließen sich jene Unternehmen identifizieren, die der Markt zu Unrecht abgestraft hat.
Für ein breites Übergewichten des gesamten Segments der KI-Verlierer sei es indes noch zu früh. Eine selektive Positionierung jedoch – insbesondere in Unternehmen mit starken Fundamentaldaten und geringerem Disruptionsrisiko – biete das Potenzial für überdurchschnittliche Renditen, sobald sich die Marktstimmung normalisiert. Entscheidend sei dabei eine rigorose Fundamentalanalyse: Anlegerinnen und Anleger müssten zwischen echten strukturellen Verlierern und Unternehmen unterscheiden, die in der Lage sind, sich in einer KI-getriebenen Welt anzupassen und zu behaupten.
Qualitätsaktien auf attraktivem Bewertungsniveau
Parallel dazu rückt nach Einschätzung des Teams ein weiteres Segment in den Fokus: Qualitätsaktien, also Unternehmen mit starken Bilanzen, hohen Kapitalrenditen und stabilen Gewinnen. Diese Titel blieben insbesondere in den USA zuletzt deutlich hinter dem Gesamtmarkt zurück. Eine wesentliche Rolle spielte dabei der KI-Investitionsboom: Viele der Profiteure der KI-Ausgaben sind zyklischere, qualitätsschwächere Titel aus dem Halbleiterbereich, die derzeit erhebliche Angebotsengpässe und eine außergewöhnliche, aber voraussichtlich nicht nachhaltige Preissetzungsmacht haben. Gleichzeitig hätten Sorgen über den Einfluss neuer KI-Technologien auf etablierte Geschäftsmodelle viele Qualitätstitel unter Druck gebracht.
Andererseits haben sich die Bewertungen von Qualitätsunternehmen in den vergangenen Quartalen deutlich verbilligt. „Historisch gesehen haben Qualitäts- und Value-Faktoren nach bedeutenden Ölpreisschocks eine Outperformance erzielt, während Wachstums- und spekulative Titel zurückblieben“, stellt Quinsee fest. Der Bewertungsabstand zwischen Titeln hoher und niedriger Qualität liege zudem auf Niveaus, die in der Vergangenheit Phasen der Outperformance eingeleitet haben.
Konkrete Chancen sieht der Aktienexperte derzeit deshalb bei hochwertigen Unternehmen, die gewissermaßen im Angebot seien. „In Europa sind Qualitätstitel aus dem Gesundheits- und Konsumgüterbereich gefragt, in den USA stechen ausgewählte Industrieunternehmen, Softwareanbieter und Versicherungen hervor Zusammenfassend böten sich Anlegern angesichts des robusten und breit angelegten Gewinnwachstums weiterhin attraktive Gelegenheiten – vorneweg bei den vermeintlichen KI-Verlierern und Qualitätsaktien, ergänzt Quinsee.
