Und jährlich grüßt das Murmeltier – sell in May?

  • Robert Halver
  • Leiter Kapitalmarktanalyse, Baader Bank

FRANKFURT – Der Wonnemonat steht vor der Tür – womit beinahe zwangsläufig der alte Börsianerspruch „Sell in May and go away“ wieder auftaucht. Robert Halver hält dies indes für keine gute Idee. Er erachtet die aktuellen Megathemen als nachhaltig attraktiv, „egal ob es schneit oder die Sonne scheint – IT-Werte sind so etwas wie Allwetter-Reifen“.

Lesen Sie hier den Kommentar von Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse, Baader Bank:

„Ähnlich wie im US-Spielfilm „Groundhog Day“ steigt auch bei Anlegern die Spannung: Bestätigt sich 2024 die bekannte Börsenregel, wonach Anleger im Mai, vor den schwachen Sommermonaten, gut beraten sind, ihre Aktien zu verkaufen und dass sie im September zurückkommen sollen, um von der Jahresendrallye zu profitieren? Aber wie verlässlich ist diese Handlungsanweisung?

Wie entstand die Mai-Weisheit?

Im Vereinigten Königreich im 17. und 18. Jahrhundert war die englische Oberschicht an der damals maßgeblichen Börse in London unter sich und bestimmte daher den Aktienverlauf allein. Und während man vor der Sommerpause sehr aktiv war, zog man sich in der heißen Jahreszeit aufs Land zurück, um sich vielfältigen Lustbarkeiten hinzugeben. Um diese in Ruhe genießen bzw. finanzieren zu können, wurden Aktienpositionen vorher verkauft. Nach der Sommerfrische kehrte man nicht zuletzt wegen geleerter Taschen an die Börse zurück, um diese über den September-Effekt wieder zu füllen.

Internationale Einflüsse auf die Börse waren damals begrenzt. Die Geschicke der Welt bestimmte maßgeblich die britische Weltmacht. Zudem nahm die britische Politik wenig Einfluss auf das Börsengeschehen. Diese Struktur hielt auch noch lange an, als die USA als westliche Großmacht das Börsenruder übernahmen.

Heutzutage dagegen sind die Außeneinflüsse überwältigend. China, Indien, Kriege, der Nahost-Konflikt, Pandemien, Energiekrisen und allgemein die Globalisierung sorgen dafür, dass irgendwo auf der Welt immer irgendwas passiert, was als Schock- oder Freudeswellen in den klassischen Märkten ankommt. Schon deshalb sind westliche Saisonalitätsmuster so etwas wie Dinosaurier aus der guten alten Zeit des angelsächsischen Kapitalismus.

Sowieso hält sich heutzutage die Fiskal- und Geldpolitik nicht mehr zurück. Aus früheren Schiedsrichtern sind die eigentlichen Spielmacher auf dem Börsenfeld geworden. Die Staatswirtschaft ist auf dem Vormarsch. So pausieren die uns Regierenden auch in der Sommerpause nicht. Im Sommerloch 2015 wurde die Griechenland-Krise gelöst, was dem DAX anschließend ein Plus von 20 Prozent bescherte. Und im Mai 2022 nahm die Aktienrallye angesichts der üppigen Corona-Hilfsaktionen richtig Fahrt auf. Schade, wenn Anleger damals auf die Mai-Regel vertraut haben.

Könnte sich die Mai-Regel in diesem Jahr zeigen?

Seit Jahresbeginn ist beispielsweise der DAX deutlich von ca. 16.500 Punkten angestiegen und liegt trotz Konsolidierung immer noch bei 18.000. Und deutet die Gemengelage nicht auch auf Sommerflaute hin? In Amerika hält sich die Inflation hartnäckig wie Flusen am Pullover. Das spricht nicht dafür, dass aus Zinssenkungsfantasie schnell -realität wird. Haben wir es sogar mit einer Zinswende-Fata Morgana zu tun, die den Aktionären Erquickung verspricht, aber zu Durst führt?

Ebenso ist der Ukraine-Krieg alles andere als vorbei. Und was ist mit dem Nahost-Konflikt, bei dem alle Großmächte ihre Finger im Spiel haben? Eskaliert er, ist die Welt endgültig nicht mehr friedlich, lassen explodierende Ölpreise die Inflation weiter steigen und die Welt in Richtung Rezession gleiten. Bereits jetzt flirtet die deutsche Wirtschaft leidenschaftlich mit dem Abschwung und trägt unter den großen Ökonomien die rot-grün-gelbe Laterne. Die fetten Wirtschaftsjahre scheinen vorbei und Schmalhans Küchenmeister zu sein. Aber wie passt das mit der DAX-Stärke zusammen? Spinnen die Börsen wie die Römer laut Obelix? Riecht es nicht förmlich nach kräftigen Gewinnmitnahmen, die dann ab Mai die gleichnamige Regel bestätigen?  

Die Märkte sind nicht blind für Krisen, sondern fragen sich, wie sie sich weiterentwickeln  

Die Börsen haben sich an die zähe Inflation gewöhnt. Aber immerhin hat die Preissteigerung ihre luftigen Höhen verlassen. Und im Vergleich zu früheren Zinserhöhungszyklen hat es zwar selten so einen rasanten Anstieg gegeben, doch ist der aktuelle Leitzinsgipfel der Fed einer der niedrigsten in der US-Finanzgeschichte. Schließlich trösten sich Anleger damit, dass die Zinswende nach unten zur Not zwar später kommt, aber doch kommt.

Immerhin wird die EZB ab Juni die Leitzinswende einleiten, denn bei uns sinkt die Inflation stärker und ist die Wirtschaft schwächer als auf der anderen Atlantikseite. Insgesamt hat also die Aktien- von der Zinsseite wenig zu befürchten.

Die geopolitische Lage ist sicherlich nicht erfreulich. Doch abseits des ritualisierten und medienwirksamen Säbelrasselns stellt sich immer wieder die Frage, wer ein Interesse an großen Eskalationen hat. Abgesehen von einigen „Bekloppten“ laufen zum Glück nur wenig Selbstmörder umher. Die anderen wissen sehr genau, dass in einer globalisierten Welt jeder weggeworfene Bumerang immer wieder auf einen selbst zurückkommt. Und so konnten zuletzt besänftigende Kräfte an Einfluss im Nahen Osten gewinnen.

Für 2024 zeigen fast alle wirtschaftlichen Frühindikatoren nach oben. Allein schon massivste staatliche Ausgabenprogramme zur Verbesserung der Standortbedingungen verfehlen ihre Wirkung nicht. Das kommt natürlich den konjunkturabhängigen deutschen Unternehmen zugute, die von der Berliner Politik sicher nicht verwöhnt werden. Doch holen sie sich ihre Streicheleinheiten aufgrund ihrer weltweiten Aktivitäten woanders. Deswegen gehen sie ja immer mehr fremd. Nicht zuletzt sind sie noch günstig bewertet.

Nicht Börsenregeln haben Recht, sondern der Markt – und zwar immer

Selbst wenn Anlageregeln funktionierten, würden sie durch Spekulation und Wetten darauf unwirksam.

Für die Kursentwicklung kommt es unabhängig von Saisonalität immer auf die konkret vorliegende Datenlage an und was der Markt daraus macht. Fallen im Mai die Kurse, ist dies kein Beweis für den Mai-Effekt, sondern einfach zufällig. In der Tat gab es in den letzten Jahrzehnten im Durchschnitt keine klare statistische Verlässlichkeit.

Kommt es also in diesem Sommer zu – völlig normalen – Kurskonsolidierungen, ist das kein böses Omen kommenden Unheils an den Börsen. Denn zum einen sind sinkende Kurse ein gutes Umfeld für regelmäßiges Aktiensparen als preisgünstige Form der langfristigen Altersvorsorge. Und zum anderen sind die beschriebenen aktuellen Megathemen nachhaltig attraktiv, egal ob es zwischenzeitlich schneit oder die Sonne scheint. IT-Werte sind so etwas wie Allwetter-Reifen.

Insgesamt macht die Mai-Börsenregel nicht mehr Sinn als die Wetterregel: „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter, oder es bleibt wie es ist.“

Anleger sollten vielmehr auf das feste Glaubensbekenntnis der Finanzmärkte vertrauen, das sich immer dann bezahlt macht, wenn ein Schwarzer Schwan die Börsenbühne betritt: Wo die Not am größten, ist die Geldpolitik am nächsten.“

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