Turbulente Börsen – gute Gründe für deutsche Nebenwerte

  • Nermin Aliti
  • LAUREUS PRIVAT FINANZ

MÜNCHEN – In den vergangenen Jahren hatten der MDAX und der SDAX gegenüber dem DAX das Nachsehen. Inzwischen sind die Aussichten für Nebenwerte aber deutlich verbessert. Vor allem langfristig orientierte Anleger könnten Ihnen wieder mehr Platz im Depot einräumen, rät Nermin Aliti von LAUREUS PRIVAT FINANZ.

Fast 20 Prozent hatte der deutsche Nebenwerteindex SDAX im laufenden Jahr schon zulegt, dann schickte US-Präsident Donald Trump mit seiner Politik die Börsen weltweit auf Talfahrt, was auch das Kursplus des SDAX minimierte. Ganz ähnlich erging es dem MDax für mittelgroße deutsche Aktien.

Dabei habe sich an den grundsätzlich positiven Aussichten für die Aktien aus der zweiten und dritten Börsenreihe nichts Grundlegendes geändert, wie Nermin Aliti, Leiter Fonds Advisory der LAUREUS AG PRIVAT FINANZ, befindet. Im Gegenteil bieten deutsche Nebenwerte aus mehreren Gründen und vor allem auf lange Sicht attraktive Renditechancen.

MDAX und SDAX mit Nachholpotenzial

Ganz grundsätzlich lässt sich sagen, dass die Entwicklung der Nebenwerte-Indizes MDAX und SDAX über die vergangenen Jahrzehnte im Allgemeinen steiler nach oben verlief als die des Bluechip-Indexes DAX. „Das ist auch nachvollziehbar, denn kleinere Unternehmen sind in der Regel risikoreicher, bieten aber auch höhere Renditechancen – sprich: eine Risikoprämie“, sagt Aliti. In den vergangenen Jahren – insbesondere seit der Corona-Pandemie, dem Ukraine-Krieg, der anhaltenden Inflation und der wirtschaftlichen Schwäche Europas – hatten indes die großen Standardwerte im DAX die Nase vorn. „In unsicheren Zeiten bevorzugen viele Anleger stabile, etablierte Unternehmen, was dem DAX im Vergleich zu den volatileren Nebenwerten zeitweise einen Vorsprung verschaffte“, erklärt der Experte.

Inzwischen haben sich die Perspektiven für Nebenwerte aber generell aufgehellt – und zwar so sehr, dass die Small- und Mid-Caps nun gute Chancen haben, eine bessere Performance zu erzielen als der deutsche Leitindex, wie Aliti befindet. Er nennt vier Punkte, die deutsche Nebenwerte auf lange Sicht besonders chancenreich machen.

Chancenreiche deutsche Nebenwerte

Zunächst spielen dem S- und MDAX sowie allen europäischen Nebenwerten die Zinssenkungen der Europäischen Zentralbank (EZB) in die Karten. Kleine und mittlere Unternehmen profitieren in der Regel stärker von Zinssenkungen als gut finanzierte Großunternehmen mit viel Eigenkapital, zumal ihre Kredite häufig variabel verzinst werden und sie daher niedrigere Kreditzinsen unmittelbar spüren. Zudem sei es für kleine und mittlere Unternehmen oft schwieriger, Kredite zu attraktiven Konditionen zu erhalten. Sinkende Zinsen kommen daher wie gerufen.

Zweitens dürften vor allem deutsche Nebenwerte besonders vom 500-Milliarden-Euro-Infrastrukturpaket der künftigen Bundesregierung profitieren, sagt Aliti. Insbesondere die mittelständisch geprägte Bauwirtschaft könnte in den kommenden zwölf Jahren – auf diesen Zeitraum ist das Sondervermögen der Bundesregierung ausgelegt – dank der Sanierung von Straßen, Brücken und Schienennetz vollere Auftragsbücher haben. Auch die Windkraft- und Solarstrombranche könnte von staatlichen Investitionen und Subventionen für den Ausbau der erneuerbaren Energien frischen Schwung bekommen.

Drittens dürfte die irrlichternde Zollpolitik des US-Präsidenten und der daraus resultierende Handelskrieg kleine und mittlere Unternehmen weniger hart treffen als global agierende Konzerne, hofft der Experte. Unter anderem, weil etwa SDAX-Unternehmen in der Regel einen vergleichsweise niedrigeren Exportanteil haben und sich meist auf den Heimatmarkt konzentrieren. Das mache sie weniger anfällig für Zölle und andere Handelsbeschränkungen.

Last but not least ist der SDAX nach Alitis Einschätzung mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von derzeit rund 19 und auch der MDAX, der aktuell auf ein KGV von etwa 16 kommt, historisch betrachtet recht günstig bewertet. Zudem würden einige deutsche Nebenwerte aktuell mit einem KGV von deutlich weniger als 15 gehandelt. „Ein niedriges KGV bedeutet vereinfacht gesagt, dass Anleger für einen Euro Gewinn des Unternehmens vergleichsweise wenig zahlen“, führt der Experte aus, was ein Hinweis auf unterbewertete Aktien mit Potenzial sein könne.

„Sell US, buy Europe“ heißt es unter Börsenprofis

Nermin Aliti weist überdies darauf hin, dass viele Investoren schon seit Monaten große Teile ihrer Anlagen nach Europa umschichten – auch, weil sie wohl Trumps Wirtschaftspolitik fürchten. Da die US-Wirtschaft zunehmend durch Importzölle, drohende Inflation und eine zunehmend problematische Finanzierung des defizitären Staatshaushalts gebremst werde und gleichzeitig der Euro gegenüber dem Dollar an Stärke gewinne, erscheinen europäische Aktien für internationale Anleger wieder attraktiver.

Profiteure des 500 Milliarden Euro schweren Konjunkturprogramms

„Vor dem Hintergrund der bevorstehenden Investitionen aus dem 500-Milliarden-Programm der künftigen Bundesregierung erscheinen vor allem deutsche Aktien recht attraktiv“, resümiert Aliti. Das gelte insbesondere für Nebenwerte – sofern die Aktien mit Sorgfalt und Bedacht gewählt werden. Dennoch bleibe eine breite Streuung über verschiedene Länder, Währungen, Branchen und Anlageklassen das Gebot der Stunde. Der mögliche Depotanteil deutscher Nebenwerte sollte daher also nicht allzu üppig ausfallen, rät der Experte.

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