Trump eröffnet Europa Jahrhundertchance

  • Axel D. Angermann
  • FERI Gruppe

MÜNCHEN – Die unter Donald Trump geänderte Politik der USA bringe Anleger zunehmend auf die Suche nach sicheren Häfen für ihre Investments, wie Axel D. Angermann, Chef-Volkswirt der FERI Gruppe, beobachtet. Damit könnte die Bedeutung des Euro für die globale Wirtschaft zunehmen, worauf sich Investoren einstellen sollten.

Spätestens seit dem 19. Jahrhundert schwanke die US-amerikanische Politik in größeren Wellen zwischen dem Anspruch, als globale Führungsmacht die internationalen Beziehungen zu gestalten – wie in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg – und einem ausgeprägten Isolationismus, beschreibt Axel D. Angermann, Chef-Volkswirt der FERI Gruppe. Mit der Trumpschen Politik schlage nun das Pendel erkennbar in Richtung Isolationismus aus.

In einer hochgradig arbeitsteiligen globalen Wirtschaft führe eine solche Politik allerdings zu einer Selbstschwächung der USA, urteilt der Experte. Seiner Einschätzung nach schaden die preistreibenden Wirkungen der Zollpolitik der amerikanischen Wirtschaft, zudem untergraben die rigide Migrationspolitik und die Angriffe auf die Universitäten wesentliche Grundpfeiler der Wettbewerbsfähigkeit.

Last but not least lasse die Infragestellung der Unabhängigkeit der Zentralbank Zweifel an der Verlässlichkeit und Berechenbarkeit der Politik aufkommen, wobei der Verzicht auf die Pflege von Bündnissen das politische Gewicht der USA in der Welt zusätzlich schmälere.

Flucht aus US-Staatsanleihen: Eine Chance für Europa

Für Angermann sind die Folgen der aktuellen US-Politik an den Anleihemärkten bereits sichtbar: Globale Anleger, die über Jahrzehnte hinweg bereitwillig das hohe Leistungsbilanzdefizit der USA finanziert haben, würden sich zunehmend die Frage nach der Sicherheit von US-Staatsanleihen stellen. Bislang habe sich dieser Zweifel in moderat steigenden Zinsen ausgedrückt und scheine damit noch beherrschbar zu sein. Allerdings verschärfe die Absicht der US-Regierung, den Billionen-Schuldenberg weiter wachsen zu lassen, die Lage, weil die Tragfähigkeit der US-Staatsfinanzen nicht mehr gegeben sei.

Einer breiten Flucht aus US-Staatsanleihen stehen bislang die fehlenden Alternativen entgegen. Doch genau an dieser Stelle würde sich eine Chance für Europa öffnen, so der FERI-Volkswirt, genauer gesagt für die Europäische Währungsunion. Er erinnert, dass der Euro zur zweitwichtigsten Reservewährung der Welt herangewachsen sei – allerdings mit sehr großem Abstand zum weiterhin führenden Dollar. Zudem biete der Euroraum vieles, was in den USA zunehmend in Frage steht: eine unabhängige Zentralbank, einen verlässlichen Rechtsrahmen für Unternehmen, eine offene Wirtschaft, demokratische Entscheidungsstrukturen und alles in allem politische Stabilität.

Auf der anderen Seite benötige Europa in den kommenden Jahren deutlich mehr Kapital für die Modernisierung der Infrastruktur, höhere Forschungs- und Entwicklungsausgaben, eine verbesserte internationale Wettbewerbsfähigkeit, die Digitalisierung und nicht zuletzt für den Klimaschutz. Und die Chancen stünden grundsätzlich gut, dass nun vermehrt Kapital nach Europa fließe, was die Rolle des Euro im globalen Gefüge stärken würde.

Kapitalmarktunion von überragender strategischer Bedeutung

Allerdings fehle in Europa auch einiges, was für die USA selbstverständlich sei, bedauert Angermann. Dazu zählt er vor allem den einheitlichen Kapitalmarkt, der für globale Kapitalströme attraktiv und groß genug ist. Die europäische Kapitalmarktunion zu vollenden, sollte deshalb für europäische Regierungen und die EU-Kommission eine überragende strategische Bedeutung haben. Insbesondere deutlich verbesserte Finanzierungsmöglichkeiten für Start-ups, was er auch realwirtschaftlich als ein wichtiges Element für eine verbesserte europäische Wettbewerbsfähigkeit erachtet, und was auch bereits der Draghi-Report aus dem vergangenen Jahr klar herausgestellt habe. „Es erscheint deshalb überaus wünschenswert, dass national motivierte, eher kleinteilige Interessen, wie sie bislang vor allem auch von deutscher Seite vorgetragen wurden, im Sinne der europäischen Sache nicht überbetont werden.“

Der Währungsunion biete sich somit eine Jahrhundertchance, fasst der Experte zusammen, die nicht verspielt werden sollte. Zwar sei es vorerst keine realistische Zielvorstellung, den Dollar als globale Leitwährung durch den Euro ersetzen zu können. Wenn aber, was angesichts der Trumpschen Agenda durchaus denkbar erscheint, das Vertrauen globaler Anleger in den Dollar weiter erodieren sollte, dann könnte und sollte Europa globalen Investoren eine Alternative bieten können.

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