Superwahljahr mit Auswirkungen auf die Börsen

  • Carsten Mumm
  • Chefvolkswirt bei der Privatbank DONNER & REUSCHEL

FRANKFURT – „Über die Hälfte der Weltbevölkerung wird 2024 in mehr als 70 Wahlen zur Wahlurne gebeten“, erinnert Carsten Mumm von DONNER & REUSCHEL. Dabei seien „bei einem sehr starken Fokus auf im Vorfeld als negativ wahrgenommene politische Entwicklungen“ durchaus Chancen für positive Überraschungen gegeben.

Ab hier folgt der Marktkommentar von Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei der Privatbank DONNER & REUSCHEL:

„Die Aussage politische Börsen haben kurze Beine trifft oft zu, da für die Bewegung von Kursen und Zinsen, die ökonomischen Realitäten der Unternehmen – also vor allem die Entwicklung der Gewinne – entscheidend sind. Allerdings hatten politische Entscheidungen in den vergangenen Jahren auch immer wieder und zumindest kurzfristig einen großen – positiven oder negativen – Einfluss auf die Realwirtschaft und die Kapitalmärkte. Besonders wichtige politische Parameter waren die jahrelange ultra-expansive Geldpolitik vieler Notenbanken mit der Folge von Null- und Negativzinsen, die Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie sowie deren Auswirkungen, beispielsweise durch fiskalische Unterstützung von Privaten und Unternehmen, sowie geopolitische Eskalationen.

Während die Auswirkungen der Pandemie keine wesentliche Rolle mehr spielen, werden Geld- und Geopolitik wohl auch im neuen Jahr 2024 immer wieder die Preisfindung an den Börsen beeinflussen. Angesichts der vielfach erwarteten Leitzinssenkungen dürfte die Geldpolitik stützend wirken. Geopolitische Entwicklungen hingegen könnten negativ wirken, etwa im Falle weiterer Eskalationen des Ukraine- oder Gaza-Konflikts. Allerdings besteht auch die Möglichkeit besserer als der derzeit absehbaren Perspektiven. Dabei kommt oft auch der Innenpolitik eine große Bedeutung zu: Über die Hälfte der Weltbevölkerung wird 2024 in mehr als 70 Wahlen – teils nicht freiheitlich – zur Wahlurne gebeten.

Zunächst erfolgt die Präsidentschaftswahl in Taiwan am 13. Januar, nach der ein neuer Kurs gegenüber China eingeschlagen werden könnte. Dabei ist eine stärkere Konfrontation denkbar, jedoch auch ein moderaterer Umgang mit der Regierung in Peking wäre möglich und könnte zumindest vorerst für die Entspannung eines weiteren potenziellen geopolitischen Konfliktherdes sorgen.

Obwohl im Laufe des Jahres neben der Europawahl auch die Parlamentswahl in Indien und die Präsidentschaftswahl in Russland auf der Agenda stehen, dürfte die Präsidentschaftswahl in den USA international ein überragendes Interesse auf sich ziehen, denn die potenziellen Auswirkungen auf geopolitische Konflikte sowie innenpolitische Entscheidungen sind auch weltwirtschaftlich besonders wichtig. Derzeit kann der Wahlausgang in den USA kaum vorhergesagt werden. Sicher ist nur, dass sich vermeintliche Gewissheiten vor wichtigen Urnengängen und über deren Auswirkungen in den vergangenen Jahren nicht immer als treffsicher herausgestellt haben. Beispiele sind die Wahl Donald Trumps als Präsident und die außerordentlich positive Aktienkursentwicklung danach oder die Entscheidung für den Brexit. Bei einem sehr starken Fokus auf im Vorfeld als negativ wahrgenommene politische Entwicklungen ist die Chance für positive Überraschungen gegeben.“

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