Summertime – but how easy is the living?
- Robert Halver
- Leiter Kapitalmarktanalyse
- Baader Bank
FRANKFURT – „Viele von uns starten bald in den Sommerurlaub“, weiß Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank. Endlich freie Zeit, um abzuschalten? Nicht unbedingt. Während die Finanzmärkte in früheren Zeiten ebenfalls eine Auszeit genommen haben, gibt es in der heutigen (Finanz-)Welt kein Sommerloch mehr. Vielmehr sorgen Iran-Krieg, Ölpreis, Inflation, Zinsen, Konjunktur und KI weiter für Spannung.
Ein bisschen Frieden im Iran-Krieg schafft auch Frieden an der Inflations- und Zinsfront
„Erneute Kampfhandlungen und gegenseitig heftige Verbalattacken werde eine Verhandlungslösung nicht verhindern. Realpolitik wird trotz Wahnsinn reüssieren. Diese Einschätzung vertreten auch die Energiemärkte. Obwohl apokalyptische Reiter den Ölpreis bereits bei weit über 150 US-Dollar je Fass sahen, hat sich der Preis dramatisch von in der Jahresspitze 120 Richtung 70 abgeschwächt.
In der Wirtschaft hat alles mit allem zu tun. So wirken sich sinkende Energiepreise auch auf Preise, Zinsen und Geldpolitik aus. Wie Fußabdrücke am Strand haben fallende Inflationserwartungen auch Spuren an den Zinsmärkten hinterlassen. Die Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen hat die Jahreshöchstmarke von 4,7 längst nach unten verlassen.
Und gemäß der Theorie von der heißen Kartoffel, die weitergegeben wird, wird das auch die US-Notenbank nicht kalt lassen. Ihr neuer Chef, Kevin Warsh, mag bei seinem ersten wichtigen Auftritt als Fed-Chef die Bedeutung der Inflationsbekämpfung markant betont haben. Das hätten wir wohl alle getan, um keine zu große Nähe zum US-Präsidenten nahezulegen, der Zinssenkungen ähnlich liebt wie Golf.
Die Finanzmärkte gehen aber inflationsseitig schon von einer arg verwässerten restriktiven Zinspolitik aus. So sollte es im weiteren Verlauf zunächst zu einer freundlichen Seitwärts- und 2027 zu einer sonnigen Abwärtsbewegung kommen. Denn im Vergleich zum Vorjahr wird die Inflation ab Frühjahr 2027 purzeln, was die Finanzmärkte frühzeitig einpreisen.
Von der EZB ist ebenfalls keine kalte Dusche zu erwarten. Die, wenn überhaupt vorhandenen, Wachstumsraten verhindern jede strikte Geldpolitik, was bedeutet, dass von Seiten der Geldpolitik für die Aktienmärkte, speziell High-Tech, keine große Gefahr besteht.
Das wichtigste Börsenthema: KI zwischen Fantasie und Realität
Allerdings wird aktuell die Bewertungsfrage fundamental in Zweifel gezogen. Wird zukünftig ausreichend Wachstum erzielt, das die Milliardeninvestitionen in KI rechtfertigt? Wären möglicherweise gestutzte Ausgaben für Rechenzentren und KI-Infrastruktur nicht ein schlechtes Omen für den gesamten Tech-Sektor? Und gilt nicht Gleiches für die Berichtsaison für das 2. Quartal, wenn Ergebnisse und Prognosen auch nur ein bisschen verfehlt werden?
Ohnehin sei die Branche eng miteinander verflochten. Investor und Kunde, Anteilseigner und Lieferant sind oft das gleiche Unternehmen. In guten Zeiten sorge diese „High-Tech AG“ zwar für Stabilität. In schlechten Zeiten jedoch könne ein instabiler Partner die anderen mit nach unten ziehen.
Übrigens, ist das Anzapfen des Anleihemarkts nicht der klare Beweis, dass der herkömmliche Weg über die Aktienseite ausgereizt ist und Geld händeringend benötigt wird? Und was ist mit technologischer Disruption? Was heute führend ist, kann morgen schon veraltet sein, zumal die chinesische Konkurrenz nicht schläft.
Zeigt die mögliche Verschiebung des Börsengangs von OpenAI nicht sowieso, dass man an der Fortsetzung der KI-Rallye zweifelt? Und ist die Verknüpfung von KI und Raumfahrt nicht ein Prozess, der weit in der Zukunft liegt? Ist KI insgesamt also nur ein vorübergehender Zeitgeist ohne ausreichende Substanz? All diese Fragen sind berechtigt. Doch finden sich auch gute Antworten.
Der Ausbau der Infrastruktur für Künstliche Intelligenz ist ein langfristig wachsendes Mega-Geschäftsmodell. Zunächst, da China geostrategische Stärke auch über IT-Führerschaft definiert, ist Amerika gezwungen, seinen technischen Fortschritt mit weiteren Quantensprüngen zu beflügeln. Die KI wird ganze Branchen wie beispielsweise die Industrie, das Gesundheits- und Finanzwesen deutlich produktiver machen.
Die Investitionen werden vor allem von den großen Cloud-Konzernen getragen, die über genügend Cash verfügen, aber sicher die Gunst der Stunde nutzen, ordentlich Kapital einzusammeln. Hallo, wir reden von Amerika.
Offensichtlich gibt es Unternehmen mit sehr, sehr, sehr überzeugenden Gewinnmargen. Ebenso offensichtlich scheint die Nachfrage nach beispielsweise HBM-Speicherchips für KI-Rechenzentren kein Ende zu finden. Und offensichtlich gibt es Unternehmen, die mit Erträgen aus Bereich A, Entwicklungen im Bereich B finanzieren. Das allmähliche Zusammenwachsen von Raumfahrt, Satelliten und KI hat begonnen.
Aus der Vision wird Realität
Auf dem Weg von der Vision zur Realität wird es zwangsläufig Enttäuschungen und Rückschläge mit nachfolgenden Aktienkorrekturen geben. Dazu gehören unter anderem Quartalszahlen, die nicht immer dem olympischen Anspruch „Citius, altius, fortius“ entsprechen. Ohnehin wird auch zukünftig in unserer (Finanz-)Welt der ein oder andere schwarze Schwan auftauchen.
Am längerfristigen Erfolg ändern diese vorübergehenden Enttäuschungen nichts. Übrigens sind nicht nur die Dickschiffe zu betrachten. Die noch immer pionierhafte Branche High-Tech wird noch viele neue vielversprechende Unternehmen nach vorne bringen.
Überdies gibt es am Aktienmarkt nicht nur High-Tech. Mit sinkenden Ölpreisen und nachgebenden Zinsen werden auch Industrie- und Rohstoff- bzw. Minenwerte an Attraktivität gewinnen. Auch beim Eis im Sommer gibt es nicht nur Vanille, sondern etwa Erdbeere, Schokolade, usw.
Über den Sommer kann es zu erhöhter Volatilität kommen, weil die die erwähnten Pro-Argumente zwischendurch immer wieder abgeklopft werden. Aber auch im Sommer scheint nicht jeden Tag die Sonne. Ohne Vola keine Cola! Von Kursschwankungen können Anleger andererseits mit regelmäßigen Sparplänen profitieren.
Für sie gilt durchaus: Summertime – and the living is easy!“
