Sell in May and go away? – The trend is your friend!

  • Stephan Kemper
  • BNP Paribas

MÜNCHEN – Die alte Börsenweisheit „Sell in May and go away“ könnte sich in diesem Jahr als schlechter Rat erweisen, sagt Stephan Kemper von BNP Paribas. Der US-Markt etwa bewerte den Rückenwind durch die Investitionen in KI als bedeutsamer als die Gefahren steigender Energiepreise. So legte der IT-Sektor im April um 17,44 % zu, was statistisch massive Anschlussgewinne nach sich ziehen dürfte.

„Der April 2026 setzt die bekannte Saisonalität außer Kraft“, sagt Stephan Kemper, Chief Investment Strategist, Wealth Management BNP Paribas. Hintergrund ist, dass der S&P 500 ein monatliches Plus von 10,42 % lieferte. Ein Blick in die Historie zeige: Übertrifft der Index im April die Marke von 5 %, liegt die durchschnittliche Rendite für den Rest des Jahres bei beachtlichen 12,51 % – bei einer Gewinnwahrscheinlichkeit von 80 %.

Noch aggressiver indes das Signal aus dem Technologiesektor. So ist der S&P IT-Sektor im April um 17,44 % angestiegen. Auch hier die Historie: Klettert der Sektor im April um mehr als 10 %, treibt das Momentum die Kurse bis Dezember im Schnitt um weitere 18,30 % nach oben, erklärt Kemper. Die Trefferquote für positive Ergebnisse liege auch hier bei 80 %.

KI-Investitionen als Kurstreibstoff

Treibstoff dieser Marktdynamik bleibt die blanke Investitionswut, liefert der Experte eine Erklärung nach. Zu Jahresbeginn hätten die Schätzungen für die Capex der US-Hyperscaler für 2026 noch bei 590 Milliarden Dollar gelegen. Inzwischen kalkuliere der Markt jedoch mit rund 860 Milliarden. Um dies einzuordnen: Das entspricht in etwa den gesamten Investitionsausgaben aller Nicht-Technologieunternehmen im S&P 500 des Jahres 2025.

Das Tempo verschärft sich dramatisch

Diese 860 Milliarden sind fast eine Verdopplung gegenüber 2025 und das Dreifache des Niveaus von 2024, rechnet Kemper vor. Vor allem aber könnten die Investitionen der US-Hyperscaler bis zum nächsten Jahr die Marke von 1,1 Billionen Dollar knacken. Dabei spielen auch höhere Inputkosten eine Rolle. Primär gehe es jedoch um pure Masse: mehr Chips, mehr Speicher, mehr Energie.

Zudem steige die Hardware-Leistung immens an. So verarbeite Google inzwischen 16 Milliarden Token pro Minute, ein Plus von 60 % allein zum Vorquartal. Und in Kürze stehe der ultimative Stresstest an. Eine neue Generation von KI-Modellen müsse beweisen, was die massiven Hardware-Käufe des Vorjahres real leisten können.

Die Kapitalmarktimplikationen sind gewaltig

„Die Investitionsausgabe des einen ist der direkte Umsatz des anderen“, erinnert Kemper. Entsprechend sind allein im April US-Halbleiteraktien um 38 % nach oben geschossen. Dabei treibe ein unerbittlicher Wettbewerb die US Hyperscaler in eine massive Preisinelastizität – Komponentenpreise, Finanzierungskosten und kurzfristige Aktienkursschwankungen verblassen hinter dem Ziel, diesen Zukunftsmarkt dominieren zu wollen. Als Zweiter durchs Ziel zu gehen, ist augenscheinlich keine Option.

Chance vs. Risiko

Einerseits würden die Marktteilnehmer den KI-Boom permanent gegen die handfesten Gefahren rund um die Straße von Hormus und die globalen Energiemärkte abwägen. Andererseits schlage das Pendel derzeit zugunsten der KI aus. „Aufgrund der geopolitischen Gesamtlage halte ich eine neutrale Aktienpositionierung insgesamt für angemessen“, dämpft Kemper ein wenig. Allerdings behält er innerhalb der Allokation KI-Infrastrukturwerte – deren strukturelles Wachstum weitaus verlässlicher sei als klassisch zyklische Impulse – neben lateinamerikanischen Aktien als zentrale Bausteine in der Portfolioallokation bei.

Historische Randnotiz des BNP-Experten: Dass beide Ausbruchsszenarien – ein S&P 500 mit mehr als 5 % und ein IT-Sektor mit über 10 % Plus – im April gleichzeitig eintreten, sei ein extremes Seltenheitsereignis. Seit 1990 habe es diese gebündelte Konstellation vor 2026 lediglich viermal gegeben.

Zurückzum Seitenanfang