Schwellenländer – die unterschätzte Wachstumschance

  • Anuj Arora
  • J.P. Morgan AM

MÜNCHEN – Die Aktienmärkte der Schwellenländer und des asiatisch-pazifischen Raums ohne Japan konnten 2025 um über 30 Prozent zulegen, erinnert Anuj Arora von J.P. Morgan AM. Als Auslöser nennt er die KI-Nachfrage in Nordasien, Chinas kosteneffiziente Innovationen sowie den schwächeren US-Dollar und niedrigere Zinsen. Fünf Gründe, warum das Segment einen festen Platz im Portfolio haben sollte.

„Schwellenländer und der asiatisch-pazifische Raum bieten weiterhin robuste Möglichkeiten, sowohl für Absicherungsgeschäfte als auch für Wachstumsinvestitionen“, sagt Anuj Arora, Head of Emerging Market & Asia Pacific Equities bei J.P. Morgan Asset Management. Die Bewertungen erachtet er auf Basis des Kurs-Gewinn-Verhältnisses im Vergleich zu westlichen Märkten nach wie vor als attraktiv. Aus Sicht des Aktienexperten sprechen fünf Gründe dafür, warum Aktien aus Schwellenländern und dem asiatisch-pazifischen Raum ihren festen Platz in Anlegerportfolios haben sollten.

1. Schwächerer US-Dollar und Inflationsboom als positive Impulsgeber

„Historisch gesehen haben sich Schwellenländeraktien in Phasen eines schwächeren US-Dollars stets deutlich erholt“, weiß Arora. Von Mitte der 1980er- bis Mitte der 1990er-Jahre erzielten sie einen Ertrag von rund 500 Prozent, Anfang der 2000er-Jahre waren es rund 275 Prozent. Zuletzt, von 2022 bis Anfang 2026, erzielten Schwellenländeraktien in der aktuellen Schwächephase des US-Dollars einen Ertrag von rund 50 Prozent, wie er erinnert.

Da der US-Dollar laut den langfristigen Kapitalmarktannahmen seines Hauses für 2026 immer noch um rund 10 Prozent überbewertet ist, bestehe weiterer Spielraum für eine Abwertung. „Diese Rahmenbedingungen sind besonders günstig, da viele Zentralbanken der Schwellenländer nach Jahren einer restriktiven Politik noch über reichlich Möglichkeiten verfügen, um das Wachstum anzukurbeln.“

Hinzu komme ein Inflationsboom außerhalb Chinas, der zyklische Sektoren und Vermögenswerte mit Preissetzungsmacht stützt. „Die Schwellenländer fungieren als die Werkstatt der Welt und Wertspeicher, angeführt von der Dominanz von Rohstoffen und Edelmetallen“, so Arora. Mit weiter akkomodierenden Leitzinsen, einer nach unten tendierenden Inflation und moderaten Finanzierungskosten dürfte sich die Boomphase seiner Einschätzung nach noch verlängern.

2. Schwellenländer und der asiatisch-pazifische Raum als Motor der KI-Expansion

Der Technologiesektor repräsentiert rund ein Drittel des MSCI Emerging Markets Index und ist damit der größte Sektor, fasst Arora zusammen. Dabei produziere Asien heute 70 Prozent der weltweiten Halbleiter – Taiwan allein fertigt rund 90 Prozent der Spitzenklasse, Südkorea hält rund 62 Prozent am globalen Markt für dynamische Direktzugriffsspeicher (DRAM). „Der Bau von Rechenzentren mit einer Kapazität von einem Gigawatt erfordert Investitionsausgaben von 30 bis 50 Milliarden US-Dollar, wobei 40 Prozent dieser Summe auf asiatische Unternehmen wie TSMC, SK Hynix, ASE Technology und Wiwynn entfallen“, sagt der Experte. Dennoch würden asiatische Technologieunternehmen trotz vergleichbarer Marktführerschaft und gleichem Wachstumspotenzial wie ihre US-Pendants mit einem Bewertungsabschlag von rund 27 Prozent auf Basis des Kurs-Gewinn-Verhältnisses gehandelt, im Einklang mit dem Fünfjahresdurchschnitt. Zwar liege Chinas KI-Investitionszyklus schätzungsweise 12 bis 18 Monate hinter dem der USA zurück, doch die Ausgaben beschleunigten sich – Hyperscaler wie Alibaba, Tencent und Baidu führten dabei eine neue Investitionswelle an.

3. Gewinnbedingtes Aufwärtspotenzial bei attraktiven Bewertungen und steigendem Kapitalertrag

Für Aktien aus den Schwellenländern und dem asiatisch-pazifischen Raum rechnet Arora mit einem Gewinnwachstum je Aktie von rund 17 Prozent und sieht weiteres Potenzial, jedoch nicht nur im Technologiesektor, sondern auch bei ausgewählten Rohstoff- und Finanzaktien. Zusätzlichen Rückenwind liefern aus seiner Sicht Aktionärsreformen. So gab es 2025 in Südkorea und Japan einen deutlichen Anstieg der Ankündigungen von Aktienrückkäufen, was auf eine entscheidende Wende hin zu einer investorenfreundlichen Politik hindeute.

Die jährlichen Aktienrückkäufe sind gemessen am Prozentsatz der Marktkapitalisierung bereits von unter 0,20 Prozent im Jahr 2021 auf 1,6 Prozent in Südkorea und 2,3 Prozent in China gestiegen, verglichen mit 2,5 Prozent in den USA, was den Gesamtertrag für die Aktionäre stützt. Nach dem Vorbild Japans treibt auch Südkorea Reformen zur Steigerung des Unternehmenswerts voran. Unternehmen, die auf verbesserte Kapitaleffizienz und Unternehmensführung setzen, erwarteten beispielsweise, dass die Eigenkapitalrendite von durchschnittlich 6,8 Prozent im Jahr 2024 auf 11,4 Prozent im Jahr 2027 steigen werde, so Arora.

4. Chinas doppelte Chance: Innovation und Erträge in einem deflationären Umfeld

Stichwort China: Das Reich der Mitte weist aus Sicht des Experten eine markante Zweiteilung auf – Technologie und Fertigung auf Spitzenniveau einerseits, anhaltend schwacher Konsum und ein Überhang am Immobilienmarkt andererseits. „Die Indikatoren deuten darauf hin, dass sich China von einer Deflationsrezession hin zu einem Deflationsboom bewegt, bei dem sinkende Preise mit steigender Produktion und Innovation einhergehen.“ Das schaffe eine doppelte Chance: wachstumsstarke KI- und Industrieunternehmen, die von preislicher Wettbewerbsfähigkeit und Marktanteilsgewinnen profitieren, sowie renditestarke Versicherer und aktionärsfreundliche Plattformen für Erträge. Trotz anhaltender struktureller Herausforderungen werde sich Chinas Wirtschaft durchkämpfen, und dabei sowohl innovationsgetriebenes Aufwärtspotenzial als auch stabile Einkommensströme bieten, so seine Einschätzung.

5. Diversifizierung: Schwellenländer und Asien sind mehr als nur China

Das Anlageuniversum der Schwellenländer ist nach Meinung von Arora weitaus breiter als die China-Story, die oft im Fokus steht. Indien werde trotz hoher Bewertungen durch Strukturreformen und ein gesundes Bankensystem gestützt. EMEA-Schwellenländer böten ressourcenstarke Märkte. Südafrika profitiere von höheren Metallpreisen, Golfstaaten nutzten Öl- und Gaseinnahmen zur wirtschaftlichen Diversifizierung in Sektoren wie Tourismus und Technologie. In Lateinamerika schafften niedrigere Zinsen und eine geringe Abhängigkeit vom US-Handel die Grundlage für ein positives Aktienmarktumfeld.

„Schwellenländer und Asien bleiben in globalen Portfolios unterrepräsentiert. Da sich das globale Kapital neu verteilt und die Gewinnspanne zunimmt, wird die Argumentation für eine Allokation in diesem Bereich immer stärker“, so Aroras abschließendes Fazit.

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