Rohstoffe im Spannungsfeld von Geopolitik und Angebotsschocks
- Sandeep Rao
- Leverage Shares
MÜNCHEN – Die Rohstoffmärkte stehen zurzeit im Fokus wirtschaftlicher und geopolitischer Entwicklungen. Energiewende, KI sowie geopolitische Spannungen treiben die Nachfrage. Doch neben den Preisen für die Rohstoffe selbst lohne für Anleger auch ein Blick auf die Unternehmen, die ihr Geld mit der Förderung der Rohstoffe verdienen, rät Sandeep Rao von Leverage Shares.
Ausgehend von der Empfehlung von Sandeep Rao, Senior Analyst bei Leverage Shares und Income Shares, bei Rohstoffinvestments auch auf die Förderer zu achten, zeichnen diese durchaus ein differenziertes Bild. Rio Tinto beispielsweise steigerte seine kupferäquivalente Produktion im ersten Quartal 2026 um neun Prozent, während die Eisenerzproduktion in Pilbara um 13 Prozent auf 78,8 Millionen Tonnen zulegte – laut Rao der zweithöchste Wert für ein erstes Quartal seit 2018.
Anglo American hingegen verzeichnete lediglich ein moderates Wachstum bei Kupfer von einem Prozent auf 170.400 Tonnen, während hochwertiges Eisenerz um zwei Prozent zurückging. Gleichzeitig konnte die Manganproduktion, bedingt durch die Erholung nach wetterbedingten Störungen, mehr als verdoppelt werden. Das Unternehmen befinde sich weiter in einer umfassenden Restrukturierung und hat sich von Platin, Stahlkohle und Nickel getrennt, um sich stärker auf Kupfer und Eisenerz zu fokussieren, erklärt der Analyst. Diese strategische Neuausrichtung unterstreiche, dass Rohstoffunternehmen zunehmend gezielt auf jene Materialien setzen, die im Zentrum globaler Transformationsprozesse stehen.
Ressourcen-Nationalismus verändert die Spielregeln
Die komplexeste Entwicklung zeigt sich Rao zufolge bei Glencore. Während die Kupferproduktion um 19 Prozent auf 199.600 Tonnen anstieg, brach die Goldproduktion um 53 Prozent ein und die Kobaltförderung sank um 39 Prozent. Der Rückgang bei Gold sei primär auf das Auslaufen bestimmter Minen zurückzuführen und nicht als Preissignal zu verstehen. Deutlich relevanter jedoch die Entwicklung im Kobaltmarkt: Die Demokratische Republik Kongo hat ein nationales Exportquotensystem eingeführt, das mindestens bis Ende 2027 gilt.
Diese Maßnahme zwinge Glencore dazu, die Produktion stärker auf Kupfer zu priorisieren und liefere einen Vorgeschmack auf eine Entwicklung, die die gesamte Branche prägen dürfte: Ressourcen werden zunehmend als geopolitisches Instrument eingesetzt. „Was einst eine rein betriebswirtschaftliche Entscheidung war, wird damit zu einer politischen Variable“, sagt der Experte.
Kupfer und Gold stehen im Zentrum der aktuellen Rohstoffdynamik
Kupfer einerseits profitiert von strukturellen Nachfragefaktoren wie Elektrifizierung, Elektromobilität, dem Ausbau von KI-Rechenzentren und der Modernisierung von Stromnetzen, wie der Analyst erläutert. Gleichzeitig würden Marktbeobachter für 2026 ein Angebotsdefizit zwischen 150.000 und über 300.000 Tonnen erwarten, getrieben durch sinkende Erzgehalte, Produktionsstörungen und Genehmigungsverzögerungen.
Andererseits habe sich Gold zu einem zentralen Profiteur geopolitischer Unsicherheit entwickelt, wobei der Preis im Jahresverlauf um 85 Prozent auf über 5000 US-Dollar je Unze angestiegen ist. Als Treiber dafür hat Rao die Diversifizierung von Zentralbankreserven, eine Schwäche des US-Dollars sowie eine steigende geopolitische Risikoprämie ausgemacht. Dazu passt, dass Goldman Sachs Gold bereits Ende 2025 als „bevorzugte Long-Position“ bezeichnete und einen Preis von 4.900 US-Dollar prognostizierte.
Geopolitik treibt nicht nur Nachfrage und die Kosten
Was nicht übersehen werden sollte, ist indes die Kostenentwicklung. So weist etwa Glencore darauf hin, dass der Konflikt im Nahen Osten die Preise für Diesel und Schwefelsäure erhöht – zentrale Inputfaktoren im Bergbau. Dadurch führt der Konflikt mit dem Iran nicht nur zu steigenden Rohstoffpreisen, sondern gleichzeitig auch zu höheren Förderkosten – und mithin die Geopolitik doppelt preistreibend: über die Nachfrage und über die Angebotsseite. Für Investoren bedeute das: Kapitalallokation im Rohstoffsektor ist eine Frage von Angebot, Nachfrage und Kosten, aber auch eine Wette auf politische Stabilität und regulatorische Rahmenbedingungen, wie Rao betont.
Die jüngste Preisentwicklung ist beeindruckend
Der Bloomberg Commodity Index als Maß für das Segment legte im April um fünf Prozent zu, seit Jahresbeginn um 30 Prozent und auf Jahressicht um 44 Prozent. Über fünf Jahre beträgt das Plus 79 Prozent. Dennoch würden die Zahlen nicht zwingend für einen Rohstoff-Superzyklus sprechen, der durch jahrzehntelanges Nachfragewachstum getrieben wird, warnt der Experte. Eher handele es sich um einen geopolitisch verstärkten Aufschwung mit Superzyklus-ähnlichen Eigenschaften in ausgewählten Segmenten – besonders bei Kupfer und Gold. Allerdings sei die Nachfragebasis fragil. Beispielsweise könnte der Einbruch im chinesischen Immobiliensektor, einer der wichtigsten Treiber für Industriemetalle, in vielen Prognosen noch unterschätzt sein.
Operativer Hebel vs. neue Risiken
„Ein zentrales Merkmal von Minenunternehmen bleibt der operative Hebel“, sagt Rao. Das bedeute, dass ein Preisanstieg von zehn Prozent bei einem Rohstoff zu einem Gewinnanstieg von 30 bis 40 Prozent führen könne. Ein Prinzip, das bereits 2025 dazu beitrug, dass Minenaktien – insbesondere im Edelmetallbereich – zu den erfolgreichsten Anlageklassen zählten. Andererseits steigen mit der Politisierung der Rohstoffmärkte auch die Risiken. Jurisdiktionsrisiken, Genehmigungsunsicherheiten und ESG-Abschläge gewinnen an Bedeutung. Die Entscheidung zwischen direktem Rohstoffinvestment und Minenaktien wird damit zu einer bewussten strategischen Abwägung.
Über Leverage Shares
Leverage Shares wurde 2017 gegründet und bietet mehr als 200 ETPs an, die sowohl gehebelte als auch ungehebelte Investments in Einzelaktien, ETFs und Rohstoffen beinhalten.
