Outperformance der Emerging Markets dürfte anhalten
- Alexander Posthoff
- Bantleon
MÜNCHEN – Während viele etablierte Indizes zuletzt allenfalls moderate Gewinne verzeichneten, befinden sich die Emerging Markets in einer bemerkenswerten Aufholjagd, erklärt Alexander Posthoff von Bantleon. Dahinter stünden tiefgreifende strukturelle Veränderungen, die die Kräfteverhältnisse an den Finanzmärkten dauerhaft verschieben dürften.
„Der MSCI Emerging Markets Index hat sich im laufenden Jahr trotz des Irankriegs mit etwa 23% deutlich besser entwickelt als die meisten etablierten Aktienindizes“, erinnert Alexander Posthoff, Senior Portfoliomanager bei Bantleon. So komme beispielsweise der MSCI World bislang nur auf knapp 10%. Bei einem Vergleich über die vergangenen fünf Jahre könne man überdies feststellen, dass sich die strukturelle Underperformance der Emerging Markets gegenüber dem MSCI World seit etwa zwölf Monaten zurückgebildet hat und sich in diesem Jahr eine sehr deutliche Outperformance beobachten lässt. Die Gründe dafür seien strukturell und würden insofern ein längerfristiges Anhalten dieses Trends erwarten lassen.
Bewertungsabschläge
Das Kurs-Gewinn-Verhältnis des MSCI Emerging Markets Index sei beispielsweise deutlich tiefer als das KGV wichtiger Aktienindizes der Industriestaaten. Mit einem KGV von 17 ist der Index zwar nicht mehr billig, sondern auf Augenhöhe mit dem Eurostoxx 50. Gegenüber dem S&P 500 (25) und dem MSCI World (23) sei dies aber immer noch ein deutlicher Abschlag, so der Experte.
Demografischer Vorteil
Eine junge, wachsende Bevölkerung und eine expandierende Mittelschicht (Indien und Lateinamerika) kurbeln die Binnennachfrage und den Konsum massiv an, während Industrieländer mit einem steigenden Durchschnittsalter und Fachkräftemangel kämpfen.
Rohstoffabhängigkeit
Viele Emerging-Markets-Staaten sind Rohstoffexporteure. In Phasen anhaltender Inflation und global stark wachsender Infrastrukturinvestitionen treiben steigende Rohstoffpreise die dortigen Aktienmärkte an.
KI-Hardware-Boom
Während im MSCI World primär die Software-Giganten und US-Tech-Riesen (Magnificent Seven) von Künstlicher Intelligenz (KI) profitieren, verlagert sich der Fokus der Investoren massiv auf die physische IT-Infrastruktur und damit in Richtung China, Taiwan und Südkorea, die wiederum zusammen einen Anteil von fast 70% am MSCI Emerging Markets Index aufweisen.
Detaillierte Schuldneranalyse unerlässlich
Auch auf der Anleihenseite sei die positive fundamentale Entwicklung der Schwellenländer nicht folgenlos geblieben, ergänzt Posthoff. Seit Jahresanfang hätten Staaten und Unternehmen aus den Emerging Markets Anleihen mit einem Volumen von mehr als 329 Milliarden US-Dollar emittiert und damit das Vorjahresvolumen im gleichen Zeitraum um 19% übertroffen. Er sieht gleich mehrere Gründe, die für Anleiheninvestments in den Emerging Markets sprechen: neben der verbesserten Stabilität der Schwellenländer und dem Ausbleiben von Finanzmarktschocks die relativ hohen Zinsen und die geringe Volatilität.
Jedoch sei für Investoren eine detaillierte Schuldneranalyse unerlässlich, weil Energiepreisschocks und Geopolitik auch die Emerging Markets beeinflussen. So würden sich bereits erste konjunkturelle Wolken bei Öl importierenden Ländern zeigen (zum Beispiel Pakistan und Sri Lanka). In Kenia sei es wegen der stark gestiegenen Energiepreise schon zu Protesten der Bevölkerung gekommen und in der Türkei sorgten die Verkäufe von Goldreserven und US-Staatsanleihen zur Stützung der Währung für Schlagzeilen. Die Golfstaaten mussten wiederum aufgrund ihrer geografischen Nähe zum Iran erhöhte Renditeaufschläge hinnehmen, was zu Kursverlusten führte.
Renditeaufschläge sind der Konjunktur vorausgelaufen
Ein Blick auf den Zusammenhang zwischen globaler Konjunktur und Renditeaufschlägen für Emerging-Markets-Anleihen zeige, dass diese den Konjunkturindikatoren schon weit vorausgelaufen sind. Das bedeutet, dass hier bereits eine optimistische Bewertung eingepreist ist und damit entweder die globale Konjunktur an Fahrt gewinnen müsste oder aber der Markt der Emerging-Markets-Anleihen auf dem aktuellen Niveau zumindest pausiert, wie der Experte verweist. An der Attraktivität dieser Anleihen, die derzeit vor allem durch ihren hohen laufenden Zinsertrag überzeugen, ändere dies aber nichts.
Fokus auf Rohstoffproduzenten und asiatische Emittenten
„Als Anlageklasse bleiben Emerging-Markets-Anleihen in Hartwährung ein attraktiver Portfoliobaustein – wenn auch nicht ganz ohne Risiko“, zieht Posthoff ein Fazit. Neben der Vermeidung geopolitischer Hotspots müssten Investoren sehr genau das globale Zinsniveau, Währungsrisiken und nicht zuletzt auch wegen gestiegener Energiepreise die Inflationsentwicklung im Blick haben. Sein Haus bevorzuge insofern vor allem Rohstoffproduzenten aus Süd- und Mittelamerika (Kolumbien, Mexiko, Brasilien) sowie asiatische Emittenten (Indonesien, Philippinen). Als „Profiteure im Umfeld unsicherer Energiemärkte“ nennt er wiederum Öl- und Rohstoffproduzenten aus der zweiten Reihe, aus Afrika, Karibik und Mittelasien.
