Nachhaltigkeit muss wirtschaftlich sein

MÜNCHEN – In den USA verabschieden sich mehr und mehr Unternehmen von ihren Nachhaltigkeitszielen. Doch wie sieht das hierzulande aus? Einer Studie von Bain & Company und dem FUTURE Institute der Frankfurt School zufolge sei zwar eine nüchternere Betrachtungsweise zu beobachten. Viele Unternehmenslenker würden sich jedoch nach wie vor auf dem richtigen Weg sehen.

„Die zu Anfang dieses Jahrzehnts zu beobachtende Aufbruchstimmung bei der nachhaltigen Transformation ist einer eher nüchternen Betrachtungsweise gewichen“, konstatiert Karl Strempel, Partner bei Bain & Company und Co-Autor der Studie „Nachhaltigkeit: Auf dem Weg zur Wirtschaftlichkeit“. Unternehmen in Deutschland und Österreich würden zwar Kurs halten, inzwischen aber auch wieder stärker auf die Wirtschaftlichkeit achten – so das Fazit aus ausführlichen Gesprächen mit rund 20 Top-Führungskräften der deutschen und österreichischen Wirtschaft. Zu den Gesprächspartnerinnen und -partnern zählten Führungspersönlichkeiten börsennotierter Konzerne wie SAP und RWE, weltweit agierender Hersteller wie Nestlé und Procter & Gamble sowie großer Familienunternehmen und des gehobenen Mittelstands.

Hohe Zufriedenheit mit bisher erzielten Fortschritten

Fast alle Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer würden der nachhaltigen Transformation nach wie vor eine genauso hohe oder sogar höhere Bedeutung beimessen als zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der ersten entsprechenden Studie vor drei Jahren. „Deutsche und österreichische Unternehmen halten in den aktuell herausfordernden Zeiten Kurs, was die Nachhaltigkeit angeht“, berichtet Strempel. Dafür spreche auch die Tatsache, dass 6 von 10 Befragten mit dem Grad der bisherigen Zielerreichung in ihrem Unternehmen zufrieden seien, 30 Prozent sogar sehr zufrieden. Eine weitere Erkenntnis der Befragung: Mittlerweile sei Nachhaltigkeit vielerorts ein integraler Bestandteil der Unternehmensstrategie, was aber auch bedeutet, dass derartige Projekte den gleichen Kriterien standhalten müssen wie andere Investitionen.

Zunehmende Bedeutung der Wirtschaftlichkeit

Dass wiederum die Wirtschaftlichkeit beim Thema Nachhaltigkeit inzwischen stärker betont wird, sei nicht zuletzt eine Folge der gegenwärtigen Polykrise, die sich aus geopolitischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Faktoren zusammensetzt. „Bislang sind viele private wie gewerbliche Kundinnen und Kunden begrenzt gewillt, einen höheren Preis für nachhaltige Produkte und Dienstleistungen zu akzeptieren. Nur bezahlbare Nachhaltigkeit ist daher wirklich nachhaltig“, bringt es Joern Soyke vom FUTURE Institute auf den Punkt.  Als Konsequenz gelte es für Unternehmen, diejenigen Kundensegmente besser zu identifizieren und zielgenauer ansprechen, die bereit sind, mehr für Nachhaltigkeit auszugeben.

„Bezahlbare Nachhaltigkeit bietet Unternehmen vielfältige Möglichkeiten“, schließt Soyke. Gut drei Viertel der an der Studie beteiligten Unternehmen würden sich bei der Transformation darauf fokussieren, neue Geschäftsfelder und Märkte zu erschließen. Das Spektrum reicht hierbei von der breiteren Vermarktung ökologisch nachhaltiger Produkte über die stärkere Ausrichtung des Portfolios an ESG-Kriterien bis hin zum Aufbau eigener Töchter für Themen wie Kreislaufwirtschaft oder nachhaltige Beratung. Für den damit verbundenen Wandel sehen sich die Befragten zudem gut aufgestellt, Nachhaltigkeitsteams und Governance werden mehrheitlich als effektiv und wirkungsvoll beschrieben.

Unzufriedenheit mit überbordender Regulierung

Als Kontrapunkt erwähnen die befragten Unternehmen die engmaschige Regulierung, die zunehmend Zeit und Ressourcen erfordert. Besonders in der Kritik steht das auf EU-Ebene beschlossene CSRD-Reporting (Corporate Social Responsibility Directive) mit seinen umfangreichen Vorgaben. Als Hürden auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit sehen die Führungskräfte überdies auch hierzulande den bröckelnden Rückhalt in der Gesellschaft infolge veränderter Prioritäten angesichts der Polykrise.

Höhere CO2-Bepreisung

Die Studie identifiziert darüber hinaus mögliche Treiber für einen beschleunigten Wandel. Dazu zählt neben technologischen Innovationen und der Bereitstellung von ausreichend öffentlichem wie privatem Kapital eine höhere CO2-Bepreisung. Hier fordert Nachhaltigkeitsexperte Soyke ein Umdenken: „Mit einem möglichst länderübergreifenden, vorhersehbar und kontinuierlich steigenden Preis für CO2-Emissionen könnte die Politik mehr bewirken als mit oft nicht umsetzungsorientierten Auflagen.“

Nachhaltigkeitsstrategien auf den Prüfstand – sieben Stellhebel

Als weiteres Ergebnis der Studie besteht die Notwendigkeit, die Nachhaltigkeitsstrategien zu überprüfen und anzupassen. Es wurden sieben Stellhebel identifiziert, um Ambition und Umsetzungsgeschwindigkeit zu adjustieren sowie Maßnahmen mit Blick auf Wirtschaftlichkeit und Finanzierbarkeit zu optimieren. Dazu zählt eine gezielte Innovationstätigkeit genauso wie der vermehrte Abschluss von Kooperationen und die bessere Nutzung von Marktchancen im Vertrieb, wie Soyke beschreibt. Zudem kann es mit Blick auf sich bietende Marktchancen durchaus sinnvoll sein, bei der nachhaltigen Transformation noch einen Gang höher zu schalten. In anderen Branchen dagegen sei es angebracht, einzelne ESG-Themen differenzierter zu betrachten oder sich sogar auf weniger und dafür höchst wertstiftende Nachhaltigkeitsaspekte zu konzentrieren sowie die Transformationsgeschwindigkeit zu überprüfen.

„Die nachhaltige Transformation bleibt eine Mammutaufgabe“, betont Bain-Partner Strempel. Er fordert die Wirtschaft daher auf, weiter Kurs zu halten: „Je früher Unternehmen Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit verbinden, desto eher können sie sich einen Vorsprung im globalen Wettbewerb erarbeiten.“

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