Lernen, mit Trump zu leben
- Vincenzo Vedda
- DWS
MÜNCHEN – Seit Donald Trumps Amtsantritt hat sich die Lage für US-Aktien verkompliziert. „Seine Zollpolitik bereitet vielen Sorgen“, bringt es DWS-CIO Vincenzo Vedda auf den Punkt. Das wecke Zweifel am Wachstum in den USA und Hoffnungen auf höheres Wachstum in Europa. „Auch wir tendieren in diese Richtung“, sagt der Marktexperte.
In ihrem Basisszenario geht die DWS davon aus, dass nicht zuletzt der Druck der Finanzmärkte auf die US-Regierung letztlich zu einer politischen Anpassung führen werde, so dass die jüngsten Kursverluste an der Wall Street übertrieben erscheinen. „Insbesondere gehen wir nicht davon aus, dass die USA an den bisher angekündigten Strafzöllen festhalten werden“, bekräftigt Vedda. Dessen ungeachtet dürfte die Einführung bilateraler Strafzölle auf bestimmte Waren aus bestimmten Ländern kurzfristig zu erheblicher Verunsicherung und langfristig zu neuem Verwaltungsaufwand und anderen Problemen führen.
Vedda räumt ein, dass die aktuellen Maßnahmen für viele Marktteilnehmer relativ unerwartet kamen. Vielmehr sei man davon ausgegangen, dass Handelsdrohungen vor allem eine Verhandlungstaktik sein würden. Die Investoren setzten eher auf eine Senkung der Unternehmenssteuern und eine Deregulierung, was die US-Aktienmärkte, „die ohnehin durch den amerikanischen Exzeptionalismus beflügelt wurden“, auf neue Höhen treiben würden. Stattdessen haben Trump und mehrere Mitglieder seines Kabinetts signalisiert, dass sie bereit sind, die USA im Namen einer angestrebten Neuausrichtung der US-Politik und -Wirtschaft in eine Rezession abdriften zu lassen, bedauert Vedda. In der Folge dämpfen unvorhersehbare politische Maßnahmen bereits die Stimmung unter US-Unternehmen und Verbrauchern. Die schlechte Stimmung spiegelt sich auch bereits in der Kreditwürdigkeit der USA und den Risikoprämien für Unternehmensanleihen wider.
Prognosen für Wachstum, Inflation und Gesamtrenditen
Es ist inzwischen unverkennbar, dass sich traditionell Verbündete der USA von Washington distanzieren. Für Anleger könnte dies für global diversifizierte Portfolios sprechen, sagt Vedda. Schon jetzt würden institutionelle US-Investoren erstmals seit vielen Jahren wieder verstärktes Interesse an europäischen Aktien zeigen. Im historischen Vergleich sei Europa aus Bewertungssicht aber nicht mehr günstig, weshalb die Renditeprognosen der DWS hier eher verhalten sind.
All dies führe dazu, dass Zentralbanken und Anleiheinvestoren zwischen Inflations- und Wachstumssorgen hin- und hergerissen sind. „Wir erwarten, dass die Federal Reserve im Prognosezeitraum die Zinsen noch zweimal senken wird“, so der DWS-CIO. Für die Europäische Zentralbank hingegen werde nur eine Zinssenkung erwartet. Für den Dollarkurs bedeute dies, dass sich der Wert auf Jahressicht auf 1,15 US-Dollar pro Euro verringern dürfte. Bei 10-jährigen US-Staatsanleihen werde wiederum bis März 2026 eine Rendite von 4,5 Prozent erwartet, während für 10-jährige Bundesanleihen trotz der massiven Fiskalpakete, die Deutschland gerade verabschiedet, die Renditeprognose auf Jahressicht bei unter drei Prozent liegt – „nicht zuletzt aufgrund des geringen deutschen Potenzialwachstums“, wie Vedda anfügt. Bei Unternehmensanleihen bevorzugt er Investment-Grade-Papiere gegenüber dem Hochzinssegment und last but not least schätzt die DWS Gold als mögliches Gegengewicht zur geopolitischen Unsicherheit „recht optimistisch“ ein.
