Langlaufende Anleihen und Schwellenländer sind jetzt attraktiv

  • Brian O’Reilly
  • Mediolanum International Funds

FRANKFURT – „Trotz sinkender Inflation bleiben die Zinssenkungen hinter den Erwartungen zurück“, sagt Brian O’Reilly von Mediolanum International. Dennoch dürften sinkende Preise und die Aussicht auf geldpolitische Lockerungen ein stabileres Wirtschaftswachstum begünstigen – und den Renditen zugutekommen. Sein Ausblick.

Ab hier folgt die Marktanalyse von Brian O’Reilly, Head of Investment Strategy bei Mediolanum International Funds:

„Die Volatilität dürfte in den kommenden Monaten hoch bleiben – das zeigen die jüngsten Ausverkäufe bei Tech-Werten und Japan-Aktien. Anleger sollten in diesem Umfeld die Preise, Profite und die Politik im Auge behalten und auf die vier Trends achten, die die Märkte in den nächsten Monaten und im Jahr 2025 prägen werden: langfristig höhere Zinsen, ein robustes Wirtschaftswachstum, Nachhaltigkeit sowie Politik.

Zinsen bleiben hoch – Vorsicht bei überschuldeten Unternehmen

Trotz Fortschritten hält sich die Inflation nach wie vor über dem Zwei-Prozent-Ziel der Zentralbanken – und viele Länder, darunter Großbritannien, haben den Beginn des Zinssenkungszyklus nach hinten verschoben oder wie die Europäische Zentralbank ausgesetzt. Und auch wenn Märkte für die nächste Sitzung der Federal Reserve mit einer Zinssenkung rechnen, hängen weitere Lockerungen von den Wirtschaftsdaten ab.

Die Zeit der Zinsanhebungen scheint hinter uns zu liegen, Anleihen bringen wieder ordentliche Renditen – und der Anleihemarkt bietet in den nächsten Monaten gute Perspektiven. Während Papiere mit längeren Laufzeiten Anfang des Jahres noch wegen ihrer höheren Zinssensitivität litten, werden diese jetzt angesichts der anstehenden Zinssenkungen attraktiv. Dennoch sollten Anleger die Risikostreuung nicht außer Acht lassen und auch andere Anleihesegmente in Betracht ziehen.

Anleihen bringen endlich Zinsen

Liquiditätsfonds etwa, die auf kurzlaufende Anleihen mit Laufzeiten von weniger als einem Jahr setzen, die attraktive Renditen bei einer hohen Liquidität bieten.

Schwellenländer waren die Ersten, die die Geldpolitik nach der Covid-Pandemie gestrafft haben, und Länder wie Mexiko und Brasilien sind bereits dabei, die Zinsen wieder zu senken. Dank Verbesserungen in der Unternehmensführung stehen ihre Anleihen ihren Pendants aus den Industrieländern in nichts nach, bieten jedoch eine höhere Rendite.

Hochzinsanleihen haben Laufzeiten von 2 bis 3 Jahren und erzielen ihre Rendite größtenteils mit Kupons – und weniger durch Kursgewinne oder -verluste aus Zinsschwankungen, wie dies für länger laufende Staatsanleihen oft der Fall ist. Die höheren Risikoaufschläge – und entsprechend hohen Zinsen –, die Unternehmen ohne Investment-Grade-Rating an Investoren zahlen müssen, gleichen die Verluste durch mögliche Zahlungsausfälle auf lange Sicht mehr als aus.

Die Weltwirtschaft wächst

Laut der Weltbank wird die Wachstumsrate der globalen Wirtschaft auch dieses Jahr 2,6 Prozent erreichen. Für 2025 und 2026 werden sogar 2,7 Prozent prognostiziert. Da Aktienrenditen stark mit dem Weltwirtschaftswachstum korrelieren, ist das für Aktienanleger eine erfreuliche Nachricht.

Mit 4,0 Prozent in diesem Jahr dürften die Schwellenländer das globale Wachstum anführen. Spitzenreiter ist hier Indien mit 6,6 Prozent, gefolgt von China mit 4,8 Prozent. Die Investitionen dieser Länder in Infrastruktur beziehungsweise Technologie bieten insbesondere Aktienanlegern attraktive Chancen, die jedoch nicht risikofrei sind. Chinas in hohem Maße dirigistische Wirtschaft war nicht immer anlegerfreundlich und Indiens Präsident Modi musste wider Erwarten eine Koalitionsregierung bilden, um an der Macht zu bleiben. Dennoch beherbergen beide Länder marktführende Unternehmen mit einem großen Wachstumspotenzial.

Die USA zeigen nach der erstaunlich robusten Konjunktur in der ersten Jahreshälfte erste Anzeichen von Erschöpfung. Darauf deuten die schwachen Daten beim Wohnungsbau und bei den Einzelhandelsumsätzen hin. Dennoch erwarten wir dieses Jahr ein Wachstum von 2,5 Prozent. Im schwächelnden Europa beträgt das erwartete Wachstum nur 0,7 Prozent, doch die Konjunktur nimmt jetzt wieder Tempo auf und wird sich laut der Weltbank schnell dem Wachstum der USA annähern, für deren Wirtschaft im nächsten Jahr eine Wachstumsrate von 1,8 Prozent erwartet wird.

Die Nachhaltigkeitswende bietet Chancen und sichert zukünftiges Wachstum

Dürren, Waldbrände, Stürme und Hitzewellen – die Auswirkungen des Klimawandels werden für die globale Wirtschaft zu einem immer größeren Risiko. Regierungen und Unternehmen investieren Milliarden in Prävention und Lösungsfindung. Die EU-Kommission hat sich mit dem sogenannten Green Deal dazu verpflichtet, 200 bis 300 Milliarden Euro in das Thema zu investieren, während der US-amerikanische Inflation Reduction Act die Treibhausgasemissionen langfristig senken soll. Das bietet sowohl renditeorientierten als auch moralisch motivierten Anlegern zahlreiche Chancen.

Immobilien sind für etwa 36 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich und in dieser Größenordnung bewegen sich auch die staatlichen Einsparungsvorgaben für die Unternehmen. So müssen Häuser in Großbritannien einen Nachhaltigkeitsstandard aufweisen – sonst dürfen sie nicht vermietet werden. In Europa dürfte die Richtlinie für die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden (EPBD) Immobilienbesitzer dazu zwingen, ihre Objekte zu sanieren. Andernfalls verlieren sie an Wert oder werden zu obsoleten Beständen.

Elektrofahrzeuge stehen im Mittelpunkt des Kampfes um die Vormachtstellung zwischen Europa, den USA und China, der die internationalen Handelsbeziehungen weiterhin auf die Probe stellt. Neben Autoherstellern ergeben sich auch viele Chancen bei den Unternehmen, die sich auf Batterien, Konnektivität sowie sonstige Spezialthemen fokussieren.

Grüne Anleihen gewinnen unter Regierungen und Unternehmen an Beliebtheit, um nachhaltige Projekte wie Solarparks, Fahrradnetze, Recyclinganlagen oder Überwachungstechnologien zu finanzieren. Die meisten Emittenten haben ein Investment-Grade-Rating und kommen aus defensiven Sektoren wie Finanzen und Versorgung. Der Markt ist hauptsächlich in Europa angesiedelt, wächst aber weltweit und bietet ein vielfältiges Universum an Anlagemöglichkeiten.

Politische und wirtschaftliche Unsicherheit

Im Superwahljahr 2024 gehen 41 Prozent der Weltbevölkerung in 40 Ländern an die Wahlurnen. In diesem Jahr gab es bereits Überraschungen: Der Sozialdemokratin Claudia Sheinbaum gelang in Mexiko ein Erdrutschsieg, während der nationalistische Narendra Modi in Indien Verluste hinnehmen musste. Die wirtschaftliche Ungewissheit hält an und dürfte sogar weiter steigen, je näher die US-Wahlen rücken. Falls Donald Trump siegt und seine Pläne umsetzt, könnte der US-Dollar sinken und die Handelszölle steigen, was höchstwahrscheinlich in einer anziehenden Inflation resultiert und den Druck auf die Federal Reserve weiter erhöht. Im Falle eines Wahlsiegs von Kamala Harris dürften wir einen Umschwung zurück zu Erneuerbaren Energien sehen. Gleichzeitig profitieren andere Bereiche des Marktes, denen demokratische Regierungen zugutekommen.

Auswirkungen auf die Aktienmärkte

Aktienanleger sollten Wachstumsunternehmen und Unternehmen in einem frühen Entwicklungsstadium angesichts der langfristig höheren Zinsen mit Vorsicht genießen: Diese sind stärker verschuldet, da sie in Menschen und Sachmittel investieren müssen, und reagieren deshalb empfindlicher auf die höheren Zinssätze.

Qualitätsunternehmen sind im Vergleich dazu bei steigenden oder langfristig hohen Zinsen widerstandsfähiger, da sie weniger Mittel aufnehmen müssen. Das gilt jedoch nicht immer. So wurden infrastrukturintensive Unternehmen im Bereich der erneuerbaren Energien abgestraft, selbst wenn einige von ihnen nicht hoch verschuldet sind.

Die hohen Bewertungen machen einigen Anlegern Sorgen – selbst nach dem massiven Ausverkauf Anfang August: Der weltweite Referenzindex Standard & Poor’s wird mit dem 22-fachen der Gewinne gehandelt und liegt damit über seinem langfristigen Durchschnitt von 17,4. Und dennoch: Angesichts der starken Gewinnerwartungen sowie der wachsenden Eigenkapitalrendite sind die Aktienkurse durchaus gerechtfertigt. Die Volatilität auf dem Aktienmarkt wird im zweiten Halbjahr mit Sicherheit steigen. Gelingt den Zentralbanken allerdings eine weiche Landung, werden sich den Anlegern in den kommenden Jahren bessere Chancen bieten – vorausgesetzt, man findet jene Unternehmen, deren Wachstumsperspektiven ihren Bewertungen entsprechen.

Im Technologiesektor ist dagegen Vorsicht geboten: Der technologielastige Nasdaq ist mit dem 25-fachen bewertet und Anleger bezweifeln, ob der Bereich seinen Erwartungen in Zukunft gerecht wird. Die Renditen innerhalb des S&P 500 sind stark gestreut und vor allem die Halbleiterindustrie konnte im bisherigen Jahresverlauf hohe Gewinne verbuchen. Dadurch ist die Konzentration im Index auf besorgniserregende Maße angewachsen: Die Top-5-Sektoren sind mit Technologie verbunden und haben ein Gewicht von 30 Prozent erreicht. Um sich gegen das Risiko eines Ausverkaufs von Tech-Werten zu schützen, müssen Anleger ihre Portfolios über eine Ausweitung des Engagements auf Value- und Qualitätstitel, auch in anderen Ländern, diversifizieren.

Fazit

Angesichts der geopolitischen Konflikte, der spätzyklischen US-Wirtschaft, der hohen Bewertungen und der zunehmenden politischen Unsicherheit dürfte die Volatilität in den nächsten Monaten zunehmen. Das Wirtschaftswachstum und die Profite der Unternehmen scheinen jedoch nach wie vor solide zu sein. Ein solches Umfeld erfordert ein robustes Kernportfolio, das mit Risikoanlagen erweitert wird. Und vor allem gilt es, trotz Volatilität investiert zu bleiben und eine langfristige Perspektive einzunehmen.“

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