Künstliche Intelligenz vor Paradigmenwechsel
- Christophe Braun
- Capital Group
MÜNCHEN – Künstliche Intelligenz ist nach wie vor ein Thema, das Anleger bewegt. Zu Recht, wie Christophe Braun, Equity Investment Director bei Capital Group, befindet: „Wir sehen in der KI nicht nur eine technologische Evolution, sondern eine Revolution, die sämtliche Wirtschaftssektoren grundlegend verändern wird.“
Künstliche Intelligenz habe sich bereits als zentraler Wachstumstreiber etabliert, sagt Christophe Braun. Prognosen zufolge werde die Branche ihr Marktvolumen von derzeit rund 420 Milliarden US-Dollar bis 2030 auf beeindruckende 1,8 Billionen US-Dollar ausweiten, so der Equity Investment Director bei Capital Group.
„Wenn wir auf die Geschichte technologischer Innovationen blicken, stellen wir fest, dass selbst erfahrene Analysten das tatsächliche Marktwachstum häufig unterschätzen“, führt Braun weiter aus und verweist auf Daten, die zeigen, dass die Wachstumsprognosen für frühere technologische Umbrüche – darunter Computer, Internet und Cloud – im Durchschnitt um 144 Prozent zu niedrig angesetzt waren.
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für den derzeitigen Paradigmenwechsel sei das rasante Wachstum von KI-Anwendungen wie ChatGPT. Während dieses KI-Modell nur fünf Tage benötigt habe, um eine Million Nutzer zu erreichen, habe Instagram dafür 2,5 Monate gebraucht und Netflix sogar 3,5 Jahre. Diese Geschwindigkeit verdeutliche, wie rasant sich der Markt entwickle und welche enorme Nachfrage nach KI-Technologien bestehe.
Wertschöpfungskette auf vier Ebenen
Die krasse Unterschätzung könne sich nun wiederholen, warnt Braun, denn die Wertschöpfung innerhalb der KI-Branche erstrecke sich über mehrere essenzielle Ebenen, die alle eine zentrale Rolle für den weiteren Fortschritt spielen würden. Hierzu zählen:
1. Halbleiter: Die Basis für leistungsfähige KI-Modelle liege in modernsten Chiptechnologien. Unternehmen, die spezialisierte Halbleiter für KI-Anwendungen entwickeln, könnten erheblich von der steigenden Nachfrage profitieren.
2. Infrastruktur: Die nächste Ebene umfasse Cloud- und Rechenzentrumskapazitäten, die notwendig seien, um KI-Modelle zu trainieren und auszuführen. Große Tech-Unternehmen würden massiv in Rechenleistung investieren, um sich einen Wettbewerbsvorteil zu sichern.
3. Modelle: Fortschritte bei den KI-Algorithmen selbst bilden die dritte Säule. Hier würden große Sprachmodelle, multimodale Systeme und spezialisierte KI-Anwendungen das Innovationspotenzial weiter steigern.
4. Anwendungen: Die Endnutzung der KI-Technologie in der Wirtschaft sei die vierte und vielleicht spannendste Ebene. Von Automatisierung über medizinische Diagnostik bis hin zu individualisierten Kundeninteraktionen – die Anwendungsfälle seien nahezu unbegrenzt und hätten das Potenzial, Geschäftsmodelle grundlegend zu transformieren.
Während die zu erwartende Entwicklung einen erheblichen Mehrwert für die Industrie mit sich bringe, sei jedoch auch zu erwarten, dass die Schere zwischen den Gewinnern und Verlierern dieser Transformation sich weiter öffnen werde. Unternehmen, die frühzeitig in KI-Technologie investieren und diese effizient nutzen würden, dürften überproportional profitieren, während traditionelle Geschäftsmodelle unter Druck geraten.
China und USA übernehmen die Führungsrolle
„Wir stehen erst am Anfang eines exponentiellen Wachstumszyklus, dessen gesamte Dimension aktuell noch schwer zu erfassen ist“, lautet Brauns Fazit. Jedoch seien die Investitionschancen im KI-Sektor bereits heute beträchtlich.
Alles in allem werde sich die KI-Welt vermutlich bipolar entwickeln, wobei die USA und China die Hauptrollen spielen dürften. Die USA würden die technologische Führungsrolle für die gesamte westliche Welt übernehmen, während China seinen Markt größtenteils für sich selbst dominiere. Diese geopolitische Aufteilung könne weitreichende wirtschaftliche und strategische Konsequenzen nach sich ziehen, ahnt Braun.
