Korrektur am KI-Markt: Abwägung zwischen Chancen und Risiken
- Mike Glöckner
- Analyst im Research-Team
- DJE Kapital AG
MÜNCHEN – Der KI-Markt befindet sich in einer Korrekturphase, wie DJE-Analyst Mike Glöckner konstatiert. Auslöser seien die unsichere Rentabilität, geopolitische Spannungen sowie verschärfte Exportbeschränkungen der USA. Dennoch sei die langfristige Perspektive des Sektors – auch aufgrund der unverminderten technologischen Entwicklung – positiv.
„Nahezu täglich gibt es neue relevante Entwicklungen, doch die Schwäche bei KI-Werten – vor allem im Infrastruktursegment – hält an“, sagt Mike Glöckner, Analyst im Research-Team bei der DJE Kapital AG. Als zentralen Belastungsfaktor hat er die Einführung von DeepSeek identifiziert, was bedeutet, dass künftig effizientere Modelle den Bedarf an KI-Hardware reduzieren könnten. Selbst NVIDIA, die zuletzt zwar solide Quartalszahlen vorlegten, aber nicht mehr den Grad der Übererfüllung wie zuvor erreichten, konnte den angeschlagenen KI-Markt nicht stabilisieren.
Ein weiterer Belastungsfaktor sei die zu erwartende Verschärfung der US-Restriktionen unter der Trump-Administration. Diese verfolgt erklärtermaßen eine harte Linie im geopolitischen Wettbewerb mit China, wobei KI eine Schlüsselrolle im Ringen um wirtschaftliche, militärische und politische Vorherrschaft spielt. Zudem dürften die USA, da China weiterhin Zugang zu NVIDIA-Chips zu haben scheint, die Exportrestriktionen für KI-Technologien absehbar weiter verschärfen.
KI und die strategische Bedeutung für China
Für China entsteht daraus der Druck, die technologische Entwicklung voranzutreiben, wie Glöckner betont. Eine Analyse des australischen Strategic Policy Instituts aus dem Jahr 2023 zeige, dass das Reich der Mitte bei der Patentregistrierung inzwischen in 57 von 64 Technologiebereichen führend ist – ein deutlicher Anstieg gegenüber nur drei Bereichen im Jahr 2007. Präsident Xi Jinping setzt zudem gezielt auf die Stärkung des Technologiesektors: Bei einem kürzlichen Treffen mit Führungskräften von Unternehmen wie Alibaba, Xiaomi, Huawei, Tencent, DeepSeek und BYD wurde die zentrale Rolle der Branche für Chinas wirtschaftliche Zukunft hervorgehoben.
Laut Bloomberg Economics erreichte Chinas High-Tech-Sektor 2024 ein Volumen von 20,7 Billionen Yuan, wie Glöckner zitiert, was rund 15,4 % des BIP entspricht. Bis 2026 soll dieser Anteil auf 18,3 % steigen – womit die High-Tech-Industrie die Immobilienwirtschaft als wichtigsten Wirtschaftszweig ablösen könnte. Rechnet man Segmente wie Elektrofahrzeuge, Batterien und Solarenergie hinzu, könnte der Anteil sogar auf 23% steigen.
Massive Kapitalströme in den KI-Sektor
„Die Investitionen in künstliche Intelligenz steigen weiter rasant an“, sagt der DJE-Analyst. Besonders Hyperscaler wie Amazon, Google und Microsoft würden den Ausbau der KI-Infrastruktur mit hohen Kapitalaufwendungen vorantreiben. Für 2025 werden ihre CapEx-Ausgaben auf rund 320 Milliarden US-Dollar geschätzt – ein Anstieg von über 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ein erheblicher Teil dieser Mittel fließe in den Ausbau der KI-Infrastruktur sowie die Weiterentwicklung leistungsfähigerer KI-Systeme.
Auch auf politischer Ebene werde KI zunehmend als strategische Schlüsseltechnologie betrachtet. So hat die Trump-Administration gemeinsam mit führenden Softwareunternehmen das 500 Milliarden Dollar schwere „Stargate“-Projekt angekündigt, während die Europäische Union mit dem 200 Milliarden Dollar schweren „KI-Act“ eigene Impulse setzen will. In Frankreich sollen über private Investoren rund 100 Milliarden Dollar in KI-Projekte fließen und Meta den Aufbau eines 200 Milliarden Dollar schweren KI-Campus planen. Trotz aller Bedenken hinsichtlich einer möglichen Abkühlung bleibe die Investitionsdynamik im KI-Sektor damit unvermindert hoch, urteilt Glöckner.
Effizienzsteigerung als Wachstumstreiber: DeepSeek und das Jevons-Paradox
Zur Untermauerung seiner Argumentation zieht Glöckner das Jevons-Paradoxon heran, benannt nach dem britischen Ökonomen William Stanley Jevons, das beschreibt, dass technologischer Fortschritt in der Ressourceneffizienz nicht zwangsläufig zu einem geringeren Verbrauch führt, sondern im Gegenteil die Nachfrage erhöhen kann.
Ein klassisches Beispiel hierfür sei die Servervirtualisierung, die Anfang der 2000er-Jahre eine effizientere Nutzung von Rechenkapazitäten ermöglichte – und zugleich die Nachfrage nach leistungsstärkeren Servern inklusive Chips weiter steigen ließ. Zu beobachten war dies auch beim Aufkommen des Cloud Computing: Durch die Möglichkeit, Serverinstanzen je nach Bedarf an- und abzuschalten, wurde die Ressourcennutzung optimiert, was die Nachfrage nach Hardware weiter ankurbelte.
Ein ähnlicher Effekt könnte nach Glöckners Einschätzung auch im Bereich der künstlichen Intelligenz eintreten. Das von DeepSeek entwickelte KI-Modell verspreche eine effizientere Nutzung der Rechenleistung, was die Nachfrage nach spezialisierter KI-Hardware langfristig erhöhen könnte, statt den Hardwarebedarf zu senken.
Technologische Fortschritte: KI-Hardware und Software auf dem Vormarsch
Der technologische Fortschritt bei KI verläuft rasant. So hat im Hardwarebereich die Hopper-Architektur von NVIDIA die Leistung beim KI-Training geschätzt um den Faktor 10 gesteigert. Die neuere Blackwell-Architektur soll sogar eine 15- bis 30-fache Verbesserung bei der KI-Inferenz ermöglichen, also der Verarbeitung von Anfragen, und gleichzeitig den Energieverbrauch um den Faktor 25 reduzieren.
Im Bereich der Software sind ebenfalls bedeutende Fortschritte zu verzeichnen, wie Glöckner beschreibt. Tests in Disziplinen wie Naturwissenschaften, Mathematik, Programmierung und Sprachen hätten gezeigt, dass KI-Modelle bereits auf Doktorandenniveau agieren können, womit Künstliche Intelligenz annähernd menschliches Leistungsvermögen erreicht.
Agentic KI und Physical KI: Fortschritte in Automatisierung und Robotik
Bedeutsam ist auch die sogenannte agentenbasierte künstliche Intelligenz (Agentic KI). Dabei übernehmen KI-Agenten komplexe Aufgaben – von der automatisierten Beantwortung typischer Kundenanfragen über die Bestellabwicklung bis hin zur Optimierung von Geschäftsprozessen, zählt Glöckner auf. Die Qualität generativer KI-Systeme habe sich in den letzten Jahren deutlich verbessert und werde mittlerweile als durchweg leistungsfähig bis exzellent eingestuft.
Ein weiteres wachsendes Innovationsfeld mit großen Fortschritten ist die Physical KI (oder Embodied KI). Dabei wird künstliche Intelligenz in physische Objekte integriert, so dass diese mit den Gesetzmäßigkeiten der realen Welt interagieren können – zum Beispiel in selbstfahrenden Autos oder Robotersystemen. „Robotaxis sind inzwischen in mehreren Städten in den USA, China und der Golfregion im Einsatz, bald auch in Singapur“, sagt der DJE-Analyst. Die technologische Reife dieser Systeme nehme rasch zu, und die führenden Anbieter zeigen kontinuierliche Verbesserungen bei Sicherheit und Funktionalität, sodass die Kombination von Physical KI und fortgeschrittener Robotik in den kommenden Jahren eine zentrale Rolle in der Automatisierung spielen könnte.
Fazit: Korrekturphase mit langfristigem Potenzial
„Der KI-Markt befindet sich derzeit in einer Korrekturphase, die durch Unsicherheiten über die Rentabilität hoher Infrastrukturinvestitionen, geopolitische Spannungen und verschärfte Exportbeschränkungen der USA ausgelöst wurde“, zieht Glöckner ein Fazit. Gleichzeitig schreite die technologische Entwicklung unvermindert voran. Fortschritte bei KI-Hardware und -Software, gerade in den Bereichen Agentic KI und Physical KI, würden Innovationen vorantreiben und neue Marktpotenziale eröffnen.
Trotz temporärer Rückschläge bleib die langfristige Perspektive des Sektors positiv. Nach wie vor würden erhebliche Investitionen in die Entwicklung effizienterer KI-Modelle und leistungsfähiger Hardware getätigt. Zudem hätten sich KI-gestützte Anwendungen in vielen Branchen bereits etabliert und würden ein anhaltendes Wachstum aufweisen.
Nicht zuletzt habe die aktuelle Korrektur dazu geführt, dass einige Marktführer in den Bereichen KI-Chips, Chipfertigung, Speichertechnologien, Netzwerkausrüstung, Rechenzentrumsbau, KI-Plattformen und Softwarelösungen attraktiv bewertet erscheinen, sagt Glöckner abschließend.
