Kevin Warsh – Gute Chancen auch als US-Präsident?
- Carsten Mumm
- Donner & Reuschel
FRANKFURT – Die Entscheidung der US-Notenbank ihre Leitzinsen um 25 Basispunkte anzuheben, war aus Sicht von Carsten Mumm von der Privatbank Donner & Reuschel weit mehr als ein routinemäßiger Zinsschritt. So habe weniger die Höhe des Leitzinses im Fokus gestanden, sondern vielmehr die Frage, ob die US-Notenbank unter Kevin Warsh ihre geldpolitische Unabhängigkeit behaupten kann.
„Die einstimmige Entscheidung des FOMC war ein klares Signal“, konstatiert Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei der Privatbank Donner & Reuschel. Trotz der wiederholten Forderungen von Präsident Trump nach Zinssenkungen habe sich das Entscheidungsgremium geschlossen hinter einen Kurs gestellt, der primär der Preisstabilität verpflichtet ist. Trumps unmittelbare und gewohnt scharfe Reaktion habe denn auch unterstrichen, wie politisch aufgeladen der Zinsentscheid inzwischen ist. Ökonomisch war die Zinserhöhung nach Mumms Einschätzung folgerichtig: Die US-Inflation liege seit 2021 über dem Zielwert von zwei Prozent und stieg zuletzt auf 3,4 Prozent, während Wirtschaft und Arbeitsmarkt robust blieben. Laut Fed sollte sich die Inflation erst im Laufe des kommenden Jahres wieder dem Zielwert annähern.
Eine unveränderte Leitzinspolitik hätte die Finanzmarktrisiken erhöht
Die Renditen von US-Staatsanleihen hätten weiter steigen können, so Mumm, wenn die Fed sich gegen den Zinsschritt entschieden hätte – ebenso wie der Verdacht auf fiskalische Dominanz – eine der Regierung untergeordnete Geldpolitik. „Das hätte die Inflationsbekämpfung erschwert und einen erratischen Renditeanstieg mit negativen Folgen für Aktien- und Devisenmärkte begünstigt.“ Paradoxerweise habe die Fed der US-Regierung damit Zeit verschafft. Sie bewahrte ihre geldpolitische Glaubwürdigkeit und eröffnete der Politik Spielraum für einen weniger expansiven Fiskalkurs, eine Korrektur der Zollpolitik und Fortschritte im Iran-Konflikt, wie der Chefvolkswirt weiter ausführt. Ob die Regierung diesen nutzt, könnte bereits das bevorstehende Treffen von Donald Trump und Xi Jinping zeigen. So könnten Signale zur Deeskalation des Handelskonflikts oder Fortschritte bei der Beilegung des Iran-Konflikts die Sorgen vor einem unkontrollierten Renditeanstieg dämpfen und zugleich die Aktienmärkte stützen.
Warsh spricht aus, was die Regierung verdrängt
Fed-Präsident Kevin Warsh habe in der anschließenden Pressekonferenz mit souveränem Auftreten überzeugt, wie Mumm betont. Er machte klar, dass die Notenbank angesichts des anhaltenden Preisdrucks der Preisstabilität Priorität einräumen müsse. Als zentrale Inflationstreiber nannte er geopolitische Risiken und den Energiepreisschock infolge der Eskalation des Iran-Konflikts – ohne die US-Regierung wegen ihrer Beteiligung direkt zu kritisieren. „Zugleich stellte Warsh die wachsende Sorge vieler Amerikaner über die steigenden Lebenshaltungskosten heraus“, erinnert Mumm. Rund die Hälfte der Bevölkerung verfüge kaum über Vermögen in Form von Immobilien oder Aktien und sei deshalb besonders auf einen stabilen Arbeitsmarkt und niedrige Inflation angewiesen. Damit habe Warsh das Thema „Affordability“ aufgegriffen – die schwindende Erschwinglichkeit des täglichen Lebens, die für breite Bevölkerungsschichten längst zu einem der drängendsten Probleme geworden sei. „Politisch brisant ist, dass die Regierung dieses Problem bislang kaum konsequent adressiert“, erklärt der Experte. Im Gegenteil: Trumps Zoll- und Migrationspolitik sowie die kriegsbedingt stark gestiegenen Ölpreise hätten den Inflationsdruck zusätzlich verschärft. Warsh habe damit eine wirtschaftspolitisch nüchterne und nachvollziehbare, politisch jedoch durchaus unbequeme Position bezogen.
Fazit
„Der eigentliche Gewinner des Zinsentscheids ist damit nicht nur die geldpolitische Unabhängigkeit der Fed, es ist vor allem Kevin Warsh selbst“, resümiert Mumm. Warsh präsentiere sich als Präsident einer Notenbank, die dem politischen Druck standhält, wirtschaftliche Realitäten klar benennt und dennoch die Interessen derjenigen im Blick behält, die unter den steigenden Lebenshaltungskosten am stärksten leiden. Genau diese Mischung könnte erklären, warum Warsh auch als US-Präsident gute Chancen hätte.
