Investoren sollten europäische Aktien nicht ignorieren
- Dr. Eduard Baitinger
- FERI AG
FRANKFURT – DeepSeek hat mit der Veröffentlichung seines neuen KI-Chatbots Ende Januar weltweit Turbulenzen an den Börsen ausgelöst. Die globalen Aktienmärkte haben den Schock aber rasch überwunden und ihren positiven Trend fortgesetzt, befindet Dr. Eduard Baitinger, Leiter Asset Allocation der FERI AG.
Aufruhr im KI-Sektor: Obwohl berechtigte Zweifel an den von DeepSeek genannten Kosten für das Training und den Betrieb seines Sprachmodells bestehen, geben die neuen Entwicklungen doch eindrucksvoll die Richtung vor. Bislang lag der Fokus auf Leistungsfähigkeit um jeden Preis, Kosten- und Energieeffizienz spielten kaum eine Rolle. Um jedoch den Zugang zu leistungsfähigen Sprachmodellen zu erleichtern und die Marktdurchdringung zu verbessern – wovon auch die großen US-Technologieunternehmen unterm Strich profitieren würden – sind Fortschritte in diesen Bereichen unverzichtbar, sagt Baitinger.
Europäische Aktien geben den Ton an
Anders als zumeist erwartet gaben in den vergangenen Wochen indes nicht die US-amerikanischen Technologiewerte den Ton an den Börsen an – es waren die von Investoren zuletzt stark vernachlässigten europäischen Titel. Sie führen seit Jahresbeginn die Performancerankings an.
Zum einen haben die Friedensdiskussionen bezüglich des Ukraine-Kriegs die Risikoprämie für Europa schmelzen lassen. Zum anderen fließt bereits jetzt in die Kurse ein, dass vom Wiederaufbau der Ukraine vor allem europäische Industrie- und Grundstoffwerte erheblich profitieren würden. „Die Europäische Kommission hat gemeinsam mit anderen Organisationen ermittelt, dass sich die Kosten für den Wiederaufbau des Landes auf 486 Milliarden US-Dollar in den nächsten zehn Jahren belaufen könnten“, bekräftigt Baitinger. Nicht überraschend zogen europäische Aktien reges Interesse auf sich, wie die hohen Kapitalzuflüsse zeigen.
Die Frage sei jedoch, ob europäische Aktien auch über die taktische Perspektive hinaus eine nachhaltige Outperformance entwickeln können? Strukturelle Probleme und institutionelle Hemmnisse wie überbordende Bürokratie würden gegen ein echtes Comeback von Europas Börsen sprechen. Andererseits seien diese Herausforderungen hinlänglich bekannt und von den Marktteilnehmern entsprechend eingepreist. Nicht ohne Grund seien die Bewertungen wesentlich niedriger als in den USA. Zudem würden die hiesigen ökonomischen und institutionellen Strukturprobleme oft direkt auf die Börsen übertragen. Dabei handele es sich jedoch um ein Missverständnis, denn börsennotierte europäische Unternehmen würden einen bedeutenden Teil ihrer Umsätze und Gewinne außerhalb des Heimatkontinents erwirtschaften, wie der FERI-Stratege erinnert.
Zusammenfassend dürfe Europa von Investoren nicht vernachlässigt werden und sollte in der Investmentstrategie Beachtung finden. „Vor allem, wenn der KI-Hype sich nicht in der Intensität der letzten Jahre fortsetzt, stehen die Chancen gut für eine längere Outperformance-Phase europäischer Märkte.“
