Indien rückt als Investitionsziel in den Fokus

  • Avinash Vazirani
  • Jupiter Asset Management

FRANKFURT – „Wir glauben, dass die Ergebnisse der indischen Regionalwahlen im Dezember eine dritte Amtszeit von Narendra Modi als Premierminister sehr wahrscheinlich machen“, sagt Avinash Vazirani von Jupiter AM. Da Modis Regierung stark wachstumsorientiert sei, sieht er dies als gutes Zeichen für die weitere Entwicklung Indiens.

Ab hier folgt die Markranalyse von Avinash Vazirani, Investment Manager für indische Aktien bei Jupiter Asset Management:

„Das Jahr 2024 verspricht, weltweit ein bedeutendes Jahr für Wahlen zu werden. In Taiwan wird im Januar gewählt, in Indien im April/Mai. Auch in den USA und wahrscheinlich im Vereinigten Königreich wird es später im Jahr zu Wahlen kommen. Indien ist bekanntlich mit mehr als 900 Millionen registrierten Wählern die größte Demokratie der Welt, und die Wahl in Indien findet zu einem interessanten Zeitpunkt statt. Narendra Modi ist seit 2014 Präsident und seine nationale Regierungspartei Bharatiya Janata Party (kurz BJP) hat die letzten Parlamentswahlen mit 303 der 545 verfügbaren Abgeordneten deutlich gewonnen – aber wird es dieses Mal so einfach sein?

Ist Modi für eine dritte Amtszeit bereit?

Vor den Wahlen in den Bundesstaaten Madhya Pradesh, Rajasthan, Chhattisgarh, Telangana und Mizoram im Dezember waren die Erwartungen der Meinungsforscher an die BJP gering, da diese Bundesstaaten in der Vergangenheit nie stark pro BJP waren. Die Dinge haben sich allerdings geändert. Die BJP erzielte einen Hattrick an Siegen in Madhya Pradesh, Rajasthan und Chhattisgarh und konnte die Zahl ihrer Sitze in Telangana und Mizoram erhöhen. Wir glauben, dass diese Ergebnisse eine dritte Amtszeit Modis als Premierminister im Jahr 2024 sehr wahrscheinlich machen – einige Experten sprechen sogar schon von einer vierten Amtszeit Modis im Jahr 2029.

Da die Regierung stark wachstumsorientiert ist, sind wir der Meinung, dass dies ein gutes Vorzeichen für weitere Reformen und eine mittelfristige Entwicklung ist: Die Reformen der letzten Amtszeit Modis waren ein grundlegender Faktor für Indiens jüngste starke Wirtschaftsleistung.

Hohe Steuereinnahmen wie ein Sechserschlag des indischen Cricketspielers Virat Kohli

Während der Rest der Welt mit äußerst restriktiven finanziellen Bedingungen und anhaltender Inflation zu kämpfen hat, ist das indische BIP in den vier Quartalen bis zum 3. Quartal 2023 um sieben Prozent gewachsen. Angetrieben wurde dies vom Wachstum des privaten Verbrauchs und der Investitionen, einer weltweit führenden digitalen öffentlichen Infrastruktur und einer Wirtschaft, die sich viel schneller formiert als erwartet.

In vielerlei Hinsicht ist Indien die am weitest fortgeschrittene digitale Wirtschaft der Welt, gestützt durch massive staatliche Investitionen in den öffentlichen „India Stack“. Dabei handelt es sich um eine einzigartige Sammlung von Technologieebenen, die die Schnittstelle zwischen Regierung und Privatunternehmen beim Angebot technologiegestützter Produkte und Dienstleistungen unterstützen. Dazu gehört die erfolgreiche Unified Payments Interface, eine digitale Echtzeit-Zahlungsplattform, die monatlich über 11,4 Milliarden Transaktionen ermöglicht und mittlerweile 72 Prozent des indischen Zahlungsvolumens ausmacht, nachdem es 2017 praktisch null war.

Die Geschwindigkeit und Bequemlichkeit dieser digitalisierten Wirtschaft hat riesige Mengen an Transaktionen in das formale Finanzsystem gebracht, was nicht nur die finanzielle Inklusion erhöht, sondern auch die verfügbaren Steuereinnahmen für die indische Regierung. Das Tempo ist verblüffend. Die monatlichen GST-Einnahmen (Waren- und Dienstleistungssteuer) übertreffen seit mehr als einem Jahr durchweg die Erwartungen, und wann immer diese Erwartungen neu kalibriert wurden, haben die endgültigen Daten dennoch positiv überrascht.

Welchem Zweck dient der Steuerbonus?

Zu Beginn der COVID-Pandemie war es eine klare Priorität der Regierung, dafür zu sorgen, dass niemand verhungert, und so wurde ein bestehendes kostenloses Nahrungsmittelprogramm auf rund 800 Millionen Menschen im Land ausgeweitet. Kürzlich wurde angekündigt, dieses Programm für die nächsten fünf Jahre zu verlängern, und zusätzlich zum Sozialversicherungs- und Gesundheitssystem (private Versicherung, die öffentlich finanziert wird) bietet dies ein bedeutendes soziales Sicherheitsnetz, das das effektiv verfügbare Einkommen und die Kreditwürdigkeit großer Teile der Gesellschaft erhöhen. Wie die Erfahrungen im Westen zeigen, gibt es nur wenige große Volkswirtschaften in der Welt, in denen die Regierung über einen großen fiskalischen Spielraum verfügt, doch das ist die glückliche Lage, in der sich Indien jetzt befindet.

Ein großer, vielfältiger und liquider Aktienmarkt

Für Investoren in indische Aktien bedeutet dies, dass es sich lohnt, auf Unternehmen zu achten, die gut positioniert sind, um von diesen Trends zu profitieren – insbesondere vom Übergang des Kapitals von der informellen zur formellen Wirtschaft. Mit mehr als 400 Unternehmen, die über eine Marktkapitalisierung von mehr als eine Milliarde US-Dollar verfügen, bietet der indische Aktienmarkt ein breites Spektrum an Möglichkeiten, aus denen aktive Anleger auswählen können.

Bei all dem Optimismus darf nicht vergessen werden, dass Anleger immer die Pflicht haben, mögliche Risiken im Auge zu behalten. Im Falle Indiens gehören dazu die Stärke des US-Dollars oder eine Abwertung des chinesischen Renminbi; ersteres unter anderem, weil es Indiens Ölkosten beeinflusst (Indien ist einer der größten Ölimporteure der Welt), letzteres, weil ein abgewerteter Renminbi eine konkurrierende Abwertung in der ganzen Welt auslösen könnte.

Chancen vs. Risiken

Internationale Investoren haben in der Vergangenheit den Risiken, denen Indien ausgesetzt ist, mehr Gewicht beigemessen als seinen Chancen. In der Tat zogen sie 2022 ihr Geld aus Indien ab und taten dies auch noch bis März 2023. Einheimische Anleger hingegen investieren jeden Monat große Summen in den indischen Markt, da eine neue Generation von Anlegern in ihren 20er- und 30er-Jahren finanziell aktiv wird. Diese Kohorte investiert über langfristige systematische Sparpläne in indische Aktien, wobei die monatlichen Zuflüsse inzwischen mehr als 2,5 Milliarden US-Dollar pro Monat betragen. Die verstärkte Präsenz indischer Privatanleger auf dem Markt ist eine strukturelle Veränderung, die die Dynamik des indischen Marktes in der Zukunft verändern wird. Mehr dauerhaftes inländisches Kapital dürfte zu stabileren Vermögenspreisen führen, als dies in der Vergangenheit der Fall war, als die Preise eher von nicht spezialisierten „touristischen“ internationalen Anlegern dominiert wurden.

Alles in allem bilden die solide Haushaltslage der Regierung, die hervorragende demografische Lage Indiens, die moderate Inflation, das gesunde Wirtschaftswachstum und die technischen Voraussetzungen für eine wachsende Zahl von Anlegern, die auf den Markt drängen, unserer Ansicht nach überzeugende Argumente dafür, dass Anleger Indien als Investitionsziel besondere Aufmerksamkeit schenken sollten.“

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