Indien auf dem Weg zur globalen Wirtschaftsmacht

  • Hadi Saad
  • DJE Kapital AG

MÜNCHEN – Indien hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einer der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt entwickelt, wie Hadi Saad von der DJE Kapital AG erklärt. Er führt einerseits die junge Bevölkerung und andererseits die zunehmende Urbanisierung und Digitalisierung an, die dem Land gute wirtschaftliche Wachstumschancen bieten.

Ebenso wie die Ausmaße des Subkontinents Indien sind auch dessen Wachstumschancen enorm, wie Hadi Saad, Research & Portfoliomanagement Analyst bei der DJE Kapital AG, beschreibt. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt dürfte Indien noch in diesem Jahr mit 4,19 Billionen US-Dollar zur viertgrößten Volkswirtschaft der Welt aufrücken, noch vor Japan, und im Jahr 2028 auch Deutschland einholen. Saad erinnert dabei daran, dass Indien im Jahr 2003 noch auf Platz 8 lag.

Überdurchschnittliche Wachstumserwartungen

Die Wachstumserwartungen für das Fiskaljahr 2025 beziffert der DJE-Analyst mit 6,5 %, während das globale BIP-Wachstum laut Schätzungen der Weltbank bei 2,3 % liegen dürfte. Pro Kopf der Bevölkerung entspreche dies jedoch nur einem BIP von lediglich 2700 US-Dollar im Jahr 2024, während sich diese Zahl in China inzwischen auf 13.300 US-Dollar erhöht habe.

Auch strukturell habe sich einiges fundamental verändert, denn während in den 1970er-Jahren die Bedeutung des Agrar- (39 %) und des Dienstleistungssektors (34 %) noch nahezu gleichauf waren, dominiere heute der Dienstleistungsbereich mit 55 % am BIP, während die Industrie mit 28 % und die Landwirtschaft mit 18 % deutlich weniger zum BIP beisteuern. Zugleich mache dies Indien weniger anfällig für protektionistische Eingriffe und Zollkonflikte, da Dienstleistungen bislang weitgehend zollfrei blieben.

Reformen stärken Geldpolitik und Inflationsteuerung

Bis 2015 fehlte der indischen Geldpolitik ein klarer, nominaler Anker, wie Saad weiter ausführt. Infolgedessen lag die Inflation regelmäßig bei über sechs Prozent. Mit der Einführung eines flexiblen Inflationsziels schuf die Indische Zentralbank indes im Jahr 2015 eine Toleranzspanne von +/-2,0 % um vier Prozent. Dadurch kann die Inflationsrate in diesem Korridor schwanken, ohne dass eine Änderung der Politik erforderlich ist.

„Durch diese Neuerung wurde ein klarer Anker gesetzt, der die Geldpolitik berechenbarer und transparenter machte und somit die Inflationserwartungen besser steuerte“, erklärt Saad. Dadurch stabilisierte sich die Inflation innerhalb einer engeren Spanne von durchschnittlich drei bis sechs Prozent – ausgenommen sind die Jahre 2020 (Pandemie) und 2022 (Ukraine-Krieg). Seit Oktober 2024 sei die Inflationsrate kontinuierlich von 6,2 % auf 2,8 % im Mai 2025 gesunken, woraufhin die Zentralbank im Juni ihren Leitzins um 50 Basispunkte auf 5,50 % senkte (insgesamt 100 Basispunkte seit Februar). Gleichzeitig wurde die Prognose für das reale BIP-Wachstum bei 6,5 % belassen, während die Inflationsprognose auf 3,7 % gesenkt wurde.

Solide Staatsfinanzen und stabile Währung

„Seit der Unabhängigkeit im Jahr 1947 hatte Indien keinen Zahlungsausfall“, führt der Analyst einen weiteren Pluspunkt an. Die großen Ratingagenturen stufen den indischen Staat derzeit in Lokalwährung mit einem Rating von BBB-/Baa3 ein. Zehnjährige indische Staatsanleihen rentieren aktuell mit 6,27 %, zweijährige mit 5,77 %. Ziel der Regierung dürfte es sein, das Rating weiter zu verbessern, sagt Saad.

Die Voraussetzungen dafür sind nicht schlecht. So strebe die Regierung an, die derzeitige Staatsverschuldung von etwa 83 % des BIP in den kommenden Jahren auf ein Niveau von rund 70 % zu senken. Die externe Verschuldung wiederum lag 2023 bei lediglich 19 %, während die Fremdwährungsreserven mit 690 Milliarden US-Dollar einen neuen Höchststand erreichten und somit 96 % der externen Schuldenlast decken. Der Renditeaufschlag gegenüber US-Staatsanleihen sei seit 2011 von sechs auf nur noch zwei Prozent gesunken, so Saad, was den Aktienmarkt unterstütze. Entsprechend zeige sich die indische Rupie im internationalen Vergleich wenig volatil und wertete gegenüber dem US-Dollar stets nur moderat ab, was der Experte als einen wesentlichen Vorteil gegenüber anderen Schwellenländern sieht.

Demographischer Vorteil: Junge Bevölkerung als Wachstumstreiber

Indien hat nicht nur die meisten Einwohner weltweit, sondern auch eine relativ junge. Die Basis der Bevölkerungspyramide ist sehr breit, die Lebenserwartung liegt bei 71 Jahren und etwa 65 % der Bevölkerung sind unter 35 Jahre alt. Somit seien die Chancen für Unternehmen groß, da in Zukunft viele Arbeitskräfte dem Markt beitreten und den Grundstein für die wirtschaftliche Entwicklung und den Konsum des Landes legen werden. Diese erhöhte Nachfrage dürfte auch in Zukunft die Gewinne von Unternehmen in Sektoren wie dem Einzelhandel, der Telekommunikation und den Finanzdienstleistungen steigern, sagt Saad.

Aussichten für den indischen Aktienmarkt

Der indische Aktienmarkt werde künftig vor allem von seiner jungen Bevölkerung, solidem Unternehmensgewinnwachstum, einem Geldmengenwachstum von über zehn Prozent, dem schrumpfenden Renditeabstand zu US-Staatsanleihen sowie geringer Inflationsvolatilität getragen, fasst der DJE-Experte zusammen. Die breite Basis der jungen Bevölkerung fördere Konsum und den Arbeitsmarkt, während Unternehmen ihre Bewertungen durch kontinuierliche Gewinnsteigerungen rechtfertigen. So sei der Verlauf des Aktienmarktes bislang eng mit dem Gewinnwachstum der Unternehmen verknüpft gewesen. Indische Unternehmen seien somit stets in die hohe Bewertung durch das entsprechende Gewinnwachstum hineingewachsen. Zudem würde die Notenbankdisziplin den Weg für eine ertragreiche Zukunft ebnen.

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