Indien als Stabilitätsanker
- Lucas D'Hulst
- DPAM
MÜNCHEN – „Indien präsentiert sich als makroökonomischer Stabilitätsanker innerhalb der Schwellenländer“, sagt DPAM-Manager Lucas D'Hulst. Während andere Volkswirtschaften von fiskalischen Fehlentwicklungen und geopolitischen Risiken geprägt würden, hebe sich Indien durch wirtschaftspolitische Disziplin, robuste Fundamentaldaten und nennenswerte Devisenreserven positiv ab.
Seine optimistische Einschätzung zu Indien als Anlageziel macht Lucas D'Hulst, Buy-Side Fixed Income Analyst bei DPAM, zunächst am Agieren der Reserve Bank of India fest. Diese habe beispielsweise in ihrer letzten Zinssitzung mit einem maßvollen Straffungszyklus begonnen, wobei für 2026 insgesamt Zinserhöhungen von 50 Basispunkten erwartet werden. Die Zentralbank reagiere damit auf die zunehmende Breite des Inflationsdrucks, wobei die Kerninflation mehrjährige Höchststände erreicht hat, so der Experte. Gleichzeitig habe die Stabilität der Rupie einen ebenso hohen Stellenwert wie die Inflationsbekämpfung erhalten, da Indien als bedeutender Importeur von Energie und Rohstoffen Währungsabwertungen schnell über steigende Verbraucherpreise spüre.
Die größte Herausforderung sieht D'Hulst indes in der Mobilisierung langfristigen ausländischen Kapitals. Den Bruttozuflüssen aus ausländischen Direktinvestitionen in Höhe von rund 95 Milliarden US-Dollar stehen Netto-Direktinvestitionen nahe null gegenüber, beklagt er, da Gewinnrückführungen, Desinvestitionen und Auslandsinvestitionen indischer Unternehmen nahezu sämtliche Neuzuflüsse kompensieren würden. Doch trotz dieser Schwachstelle hebe sich Indien „durch wirtschaftspolitische Disziplin, robuste Fundamentaldaten und Devisenreserven nahe historischer Höchststände“ positiv ab.
Indiens Stabilität in einer unsicheren Welt
Recherchen vor Ort hätten gezeigt, dass hinsichtlich der makroökonomischen Perspektiven Indiens ein ungewöhnlich hoher Konsens besteht. Im Mittelpunkt der wirtschaftspolitischen Diskussion stünden weniger Wachstumsfragen als vielmehr die Entwicklung der Inflation, die Liquidität im Finanzsystem und die Stabilität der Rupie. „Die Fundamentaldaten bleiben dabei robust“, betont D'Hulst. Das Wachstum bewege sich auf ein nachhaltigeres Niveau zu, der wirtschaftspolitische Rahmen genieße hohe Glaubwürdigkeit, und die Bilanzen von Unternehmen und Banken seien so stark wie seit zehn Jahren nicht mehr. Vor diesem Hintergrund zähle Indien zu den überzeugendsten strukturellen Investmentthemen innerhalb der Schwellenländer.
Maßvolle geldpolitische Straffung
Da die Inflation derzeit im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Reserve Bank of India stehe, sei Anfang Oktober ein Straffungszyklus eingeleitet worden. Für das laufende Jahr rechnet der DPAM-Manager insgesamt mit Zinserhöhungen von 50 Basispunkten sowie einem weiteren Schritt im Jahr 2027. Von einem länger anhaltenden Straffungszyklus sei jedoch nicht auszugehen, wobei weitere Maßnahmen natürlich von der Entwicklung der Arbeitsmarktauslastung, der Kapazitätsauslastung, des Geldmengenwachstums und der Breite des Inflationsdrucks abhängen dürften. Laut D'Hulst spreche dies für einen begrenzten und behutsamen Straffungszyklus, wohingegen die Märkte derzeit deutlich stärkere Zinserhöhungen einpreisen würden, als die Zentralbank letztlich umsetzen dürfte.
Die Rupie als geldpolitischer Anker
Der Experte weist zudem darauf hin, dass die Stabilität des Wechselkurses inzwischen einen ebenso hohen Stellenwert habe wie die Inflationsbekämpfung. „Als bedeutender Importeur von Energie und Rohstoffen spürt Indien die Auswirkungen einer Währungsabwertung besonders schnell über steigende Verbraucherpreise“, betont er. Überdies sei infrage zu stellen, dass eine schwächere Rupie die Exporte wesentlich unterstützen würde, da die indischen Exportsektoren vergleichsweise wenig preissensitiv seien. Daher sei festzuhalten, dass die Kosten einer Währungsabwertung die potenziellen Vorteile insgesamt deutlich überwiegen würden.
Die Reserve Bank of India reagiere darauf, indem sie in beide Richtungen in den Devisenmarkt eingreift. Sie stellt bei Abwertungsdruck US-Dollar-Liquidität bereit und nutzt Phasen starker Kapitalzuflüsse zum Aufbau ihrer Währungsreserven. Das Ergebnis sei eine Währungspolitik, die weniger auf eine bestimmte Kursrichtung als vielmehr auf geringe Schwankungen innerhalb einer engen Bandbreite abziele. Unterstützt werde dieser Ansatz durch Devisenreserven nahe historischer Höchststände sowie solide Kennzahlen in der Auslandsverschuldung.
Besondere Aufmerksamkeit verdiene in diesem Zusammenhang das jüngste FCNR-Einlagenprogramm, was die Reserveposition des Landes gestärkt, die Möglichkeiten der Zentralbank zur Glättung von Wechselkursschwankungen erweitert und das Risiko ungeordneter Währungsbewegungen reduziert habe. Vor dem Hintergrund der anhaltenden globalen Unsicherheit würden diese Reserven und Sicherheitsmechanismen zu den wichtigsten makroökonomischen Stärken Indiens zählen, erklärt der Analyst.
Das indische Wachstumsmodell
Indiens politische Entscheidungsträger setzen derzeit verstärkt auf den Abbau angebotsseitiger Strukturhemmnisse. Etwa eine schnellere gerichtliche und wirtschaftsrechtliche Streitbeilegung, eine stärkere Durchsetzung von Verträgen, geringere Kosten beim Landerwerb, die Reform städtischer Bebauungsvorschriften, die Modernisierung des Arbeitsmarktes, Investitionen in die Logistikinfrastruktur sowie Verbesserungen im Hochschulwesen. Dieser Ansatz habe es Indien letztlich ermöglicht, externe Schocks zu bewältigen, darunter auch die Neuausrichtung der Rohölimporte infolge internationaler Sanktionen, ohne die Preisstabilität oder das außenwirtschaftliche Gleichgewicht zu gefährden. Die zentrale Frage für das kommende Jahrzehnt lautet indes, wie Indien den Übergang von einem durch öffentliche Investitionen getragenen Wachstum hin zu einem selbsttragenden privaten Investitionszyklus vollziehen kann.
Ein konstruktiver Ausblick
„Internationale Investoren betrachten Indien zunehmend durch die Brille einer zyklischen Wachstumsabschwächung, nachlassender Unterstützung im Nachgang der Pandemie und schwächerer Kapitalzuflüsse“, bedauert D'Hulst. Vor Ort werde diese Einschätzung dagegen wenig geteilt. Zwar dürfte sich das Wirtschaftswachstum gegenüber den jüngsten Höchstständen von nahezu 8 % abschwächen, da Basiseffekte, eine Normalisierung der Steuereinnahmen und das Nachlassen aufgestauter Nachfrage zunehmend in den Daten sichtbar werden. Dieser Abschwung erscheine jedoch eher technischer als fundamentaler Natur.
Auf der Habenseite sei vielmehr zu verzeichnen, dass etwa Technologieunternehmen mit einem anhaltenden Wachstum ihrer US-Dollar-Umsätze rechnen, künstliche Intelligenz als Chance betrachten und bereits heute einen spürbaren Teil ihrer Erlöse in diesem Bereich erzielen. Gleichzeitig würden sie ihre Personalaufstockung fortsetzen. Große Industriekonzerne würden erhebliches Kapital in die Stromerzeugung, Stromnetze, erneuerbare Energien, Raffineriekapazitäten und Rechenzentren investieren. Die Kapazität der Stromerzeugung und die Stabilität der Netzinfrastruktur seien dabei als die entscheidenden infrastrukturellen Engpässe zu sehen, die Indien überwinden müsse, um ein Wirtschaftswachstum von mehr als 7 % nachhaltig aufrechterhalten zu können.
Anhaltende Kapitalabflüsse aus dem Ausland als Schwachstelle
Als größte Schwachstelle des indischen Kapitalmarkts nennt der Experte die mangelnde Fähigkeit, ausländisches Kapital anzuziehen und langfristig zu binden. Etwa, weil die hohen US-Zinsen den Anreiz verringern, Gewinne vor Ort zu reinvestieren. Gleichzeitig würden komplexe steuerliche Regelungen, regulatorische Unsicherheiten und attraktive Anreize konkurrierender Volkswirtschaften in Südostasien die Bereitschaft zu neuen Investitionen belasten. Politisch Verantwortliche würden zudem darauf hinweisen, dass der bestehende steuerliche Rahmen die Ersparnisse privater Haushalte stärker in Aktien, Immobilien und Gold lenkt als in festverzinsliche Anlagen. „Darin zeigt sich ein zentrales Paradox der indischen Wirtschaft“, sagt D'Hulst: „Hohe inländische Ersparnisse, umfangreiche Währungsreserven und ein robustes Wachstum auf der einen Seite, gleichzeitig aber weiterhin Herausforderungen bei der Mobilisierung langfristigen ausländischen Kapitals.“
Fazit
Während einige Schwellenländer zunehmend von fiskalischen Fehlentwicklungen, institutionellen Schwächen und geopolitischen Risiken geprägt werden, hebe sich Indien nach Einschätzung des DPAM-Experten durch seine wirtschaftspolitische Disziplin und Widerstandsfähigkeit positiv ab. Das Wachstum normalisiere sich auf einem nachhaltigeren Niveau, die Inflation werde aktiv gesteuert und die außenwirtschaftliche Position durch umfangreiche Währungsreserven gestützt. Insbesondere dürfte die Reserve Bank of India ihren Straffungskurs fortsetzen, allerdings in maßvollem Umfang und weniger deutlich, als die Märkte derzeit erwarten. „Aus unserer Sicht bleibt Indien ein Anker makroökonomischer Stabilität innerhalb der Schwellenländer!“
