Günstiger Einstiegspunkt für den dynamischen indischen Markt
- Dina Ting
- Franklin Templeton
MÜNCHEN – Die US-Zölle auf indische Waren, die als Vergeltung für den Kauf von russischem Öl verdoppelt wurden, haben die Unsicherheit dem Subkontinent gegenüber erhöht, wie Dina Ting von Franklin Templeton erklärt. Gleichwohl rät sie zu einer tiefergehenden Betrachtung und hält aufgrund des aktuellen Umfelds Positionierungen in Indien für aussichtsreich.
„Die Kombination aus unserer Meinung nach attraktiveren Bewertungen für indische Aktien, robusten Fundamentaldaten des Finanzsektors, strukturellen Technologieinvestitionen und einer sich wandelnden Rolle innerhalb der globalen Lieferketten veranlasst viele Anleger dazu, dies als günstigen Einstiegspunkt in diesen dynamischen Markt zu betrachten“, sagt Dina Ting, Leiterin des Global Index Portfolio Management bei Franklin Templeton.
Angesichts der laufenden Verhandlungen zwischen den USA und Indien und der bekannten Neigung von Präsident Trump, seine Handelspolitik zu revidieren, bleibe jedoch unklar, ob diese erhöhten Zölle letztendlich Bestand haben werden. Sollten sie rückgängig gemacht oder abgeschwächt werden, könnten sie eher als vorübergehender Gegenwind denn als strukturelle Bedrohung angesehen werden. Die USA machen etwa 20 % der Warenexporte Indiens aus.
So gelten etwa für bestimmte High-End-Smartphones bemerkenswerte Ausnahmen von den US-Zöllen. In dieser Kategorie ist Indien zu einem immer wichtigeren Produktionszentrum geworden. Und selbst wenn diese Ausnahmen später zurückgezogen werden sollten, gehen Analysten davon aus, dass Indien aufgrund der umfangreichen Investitionen in die Lieferkette ein wichtiges Produktionszentrum für Smartphones für den US-Markt bleiben wird.
Politische Reformen in Indien
Premierminister Narendra Modi hat seinerseits eine Reihe von politischen Reformen zur Stärkung der inländischen Widerstandsfähigkeit beschleunigt, darunter eine Überarbeitung der Verbrauchssteuer des Landes, die darauf abzielt, die Auswirkungen der Zölle abzumildern. Die erneute Konzentration der Regierung auf Infrastrukturinvestitionen und konsumorientierte Konjunkturmaßnahmen soll ebenfalls die wirtschaftliche Dynamik stärken und ein nachhaltiges Wachstum unterstützen.
Die Senkung der indischen Waren- und Dienstleistungssteuer (GST) dürfte einen erheblichen fiskalischen Anreiz darstellen, um die Auswirkungen der Zölle abzuschwächen, sagt Ting. Neben den direkten Steuererleichterungen im Februar, den Steuersenkungen und der Abschwächung der Inflation könnten diese Senkungen mehrere Kanäle für eine Nachfragebeschleunigung schaffen. Eine niedrigere GST auf lebenswichtige Güter könnte auch die Inflation im Einzelhandel verringern, insbesondere wenn die Einsparungen an die Verbraucher weitergegeben werden, so das Kalkül. „Wir gehen davon aus, dass sich diese Effekte bereits bei den Unternehmensgewinnen des nächsten Quartals bemerkbar machen könnten“, sagt die Expertin.
Solides Wirtschaftswachstum erwartet
Der IWF prognostiziert im aktuellen Weltwirtschaftsausblick für Indien ein BIP-Wachstum von 6,5 % für die Jahre 2025 und 2026, womit das Land vor China und vielen anderen Ländern der Region liegt. Diese nachhaltigen Wachstumsaussichten in Verbindung mit den laufenden Strukturreformen würden Indiens Status als die am schnellsten wachsende große Volkswirtschaft der Welt unterstreichen, erklärt Ting.
In der Vergangenheit wurde Indien aufgrund seiner starken Fundamentaldaten und seines Wachstumspotenzials im Vergleich zu anderen Schwellenländern mit einem Aufschlag gehandelt. Die jüngsten Marktkorrekturen haben die Bewertungen jedoch gedrückt, so dass die Kurs-Gewinn-Schätzungen des MSCI India Index für das gesamte Kalenderjahr 2025 auf das 24-fache gestiegen sind – was im Großen und Ganzen mit dem der USA übereinstimme. Dies sei der geringste Bewertungsunterschied Indiens zu den Vereinigten Staaten seit 2016. „Da die Gewinnprognosen der Unternehmen weiterhin stabil bleiben, glauben wir, dass diese Bewertungsanpassung das Risiko-Ertrags-Profil für neue Allokationen verbessert – insbesondere für Anleger, die ein wachstumsstarkes Engagement mit einem verbesserten relativen Wert suchen“, fasst die Expertin zusammen.
Von der Rhetorik zum Handeln – der Halbleiterbereich
„Indien setzt seine ehrgeizigen Ziele im Halbleiterbereich in konkrete Fortschritte um“, betont Ting. Mit einer milliardenschweren, von der Regierung unterstützten Initiative habe Premierminister Modi ein klares Bekenntnis zum Aufbau eines eigenständigen Halbleiter-Ökosystems signalisiert. Dieser Sektor soll nicht nur multinationale Unternehmen anziehen, sondern auch einen schnell wachsenden Pool an einheimischen Talenten fördern – von hochqualifizierten Forschungs- und Entwicklungsaufgaben bis hin zu Positionen in der Fertigung und Lieferkette. Damit würden Halbleiter einen wichtigen Beitrag zur allgemeinen wirtschaftlichen Transformation Indiens und zu seinem technologiegetriebenen Wachstum leisten.
Digitales Kraftpaket
„Indien ist die Heimat einer der weltweit größten Populationen von Smartphone-Nutzern, Internet-Abonnenten und digitalen Transaktionsvolumen“, führt Ting weiter aus. Die umfangreiche öffentliche digitale Infrastruktur – einschließlich eines nationalen biometrischen ID-Systems und eines Echtzeit-Zahlungsnetzwerks – generiere täglich riesige Datenmengen. Diese digitale Dynamik habe Indien zum am schnellsten wachsenden Markt für ChatGPT gemacht, wobei einige Schätzungen darauf hindeuten, dass es mit rund 14 % der Gesamtnutzer inzwischen die größte Nutzerbasis der Plattform darstellt.
Herausforderungen als Chance
„Indiens drängendste Herausforderungen – in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Landwirtschaft und öffentliche Dienstleistungen – stellen auch seine größten Chancen dar“, erklärt die Aktienspezialistin. Mit einer großen Bevölkerung, einem florierenden Technologiesektor und einer robusten digitalen Infrastruktur sei Indien ihrer Meinung nach einzigartig positioniert, um künstliche Intelligenz und digitale Lösungen zu skalieren, die neben dem Wirtschaftswachstum auch eine bedeutende soziale Wirkung erzielen können.
In Übereinstimmung mit dieser Vision hätten Regierungsbeamte die IndiaAI-Mission ins Leben gerufen, die durch öffentliche Investitionen in Höhe von über 1,25 Milliarden US-Dollar unterstützt wird. Diese Initiative ziele darauf ab, eine nationale Recheninfrastruktur aufzubauen, einheimische KI-Modelle zu entwickeln, KI-Sicherheitsrahmen zu etablieren und die Finanzierung von Start-ups und Forschungszentren zu fördern – und damit den Grundstein für Indiens Führungsrolle bei der KI-Innovation zu legen.
„Da globale Unternehmen und Investoren sich zunehmend von traditionellen Produktionszentren abwenden, glauben wir, dass Indien als wichtige Alternative zu China immer mehr in den Fokus rückt“, resümiert Ting. Die wachsenden Produktionskapazitäten, die sich verbessernde Infrastruktur, die günstige demografische Entwicklung und politische Anreize würden das Land zu einem strategischen Knotenpunkt in globalen Lieferketten machen. „Unserer Meinung nach stärkt diese sich wandelnde Rolle Indiens langfristige Attraktivität für Investoren – nicht nur als konsumgetriebener Markt, sondern auch als wichtiger Akteur im globalen industriellen Ökosystem.“
