Graue Schwäne – vier Szenarien für 2026
- Volker Kurr
- Head of Europe
- L&G Asset Management
MÜNCHEN – Graue Schwäne statt schwarzer? Volker Kurr von L&G Asset Management, beschreibt vier Szenarien für 2026, „die plausibel sind, aber aktuell von vielen Experten unterschätzt werden“. Vier graue Schwäne als Überlegungen dazu, wie das Weltgeschehen eine andere Wendung nehmen könnte als allgemein angenommen.
Vier „graue“ Szenarien für 2026 von Volker Kurr, Head of Europe, L&G Asset Management:
1. US-Wirtschaftsboom
Die USA haben sich in den letzten Jahren als bemerkenswert widerstandsfähig gegenüber Schocks erwiesen: Energiepreisanstiege, Zinserhöhungen der Zentralbank und Zölle. Für 2026 erwartet der Markt Zinssenkungen der Fed, direkte Zahlungen der Regierung an die Bürger und Bürgerinnen als Ausgleich für die hohen Lebenshaltungskosten sowie eine Deregulierung, die den Banken die Kreditvergabe erleichtert.
Was wäre, wenn es keine weiteren einschneidenden Ereignisse gäbe, die die Wirtschaft ausbremsen? Starke Unternehmensbilanzen und anhaltend hohe Investitionen in KI könnten zu Investitionsausgaben in der Breite führen. Die Aktiengewinne würden die Konsumausgaben stützen. Eine starke Nachfrage könnte zu mehr Einstellungen führen und damit die Einkommen und Ausgaben der privaten Haushalte weiter ankurbeln. Kurz gesagt: Die Voraussetzungen für einen Boom in der Spätphase des Konjunkturzyklus könnten gegeben sein.
Der potenzielle neue Fed-Vorsitzende Kevin Hassett hat erklärt, dass er die Wirtschaft angesichts des potenziellen positiven Angebotsschocks durch KI heiß laufen lassen will. Das könnte zu einer Überhitzung des Arbeitsmarktes, Inflation und steigenden Anleiherenditen führen. Die Fed müsste dann kräftig auf die Bremse treten. Aber davor könnte es noch turbulent werden.
2. Europäische Entspannung
„Mein größtes Vermächtnis wird das eines Friedensstifters und desjenigen sein, der Menschen zusammenführt“, sagte US-Präsident Donald Trump bei seiner Amtseinführung im Januar. Seine Bilanz in Sachen „Frieden und Einigung“ ist seitdem durchwachsen. Der Krieg in der Ukraine geht nach fast drei Jahren unverändert weiter. Mit Blick auf die bevorstehenden Zwischenwahlen hat Trump seine Vermittlungsbemühungen intensiviert. Werden diese erfolgreich sein? Die Allgemeinheit ist skeptisch, da es schwierig, aber vielleicht nicht unmöglich ist, die Interessen Russlands und der Ukraine in Einklang zu bringen und gleichzeitig einen Frieden zu schaffen, der keine globalen Kriege um Territorien auslöst.
Wenn Frieden erreicht und Territorium gegen Sicherheitsgarantien eingetauscht werden, könnten Energiepreise weltweit sinken und möglicherweise wieder russisches Pipeline-Gas nach Europa geliefert werden. Der finanzielle Druck auf Europa durch aufgestockte Verteidigungsausgaben und höhere Energiesubventionen könnte ebenfalls sinken, was den Anleihemarkt stützen würde. Weniger positiv wäre, dass der europäische Verteidigungssektor einen Teil seiner Gewinne einbüßen könnte. Auch wenn manche sich Sorgen über den Preis und die Nachhaltigkeit von Trumps Frieden machen, wird jeder Frieden (falls er zustande kommt) für die Märkte willkommen sein.
3. Disruption durch KI
Der rasante Fortschritt der KI hat die Welt seit 2023 überrascht. ChatGPT beispielsweise führte monatelang die App-Charts an. Bislang ist es jedoch nur ein Hilfsmittel. Was wäre, wenn sich das änderte? Wenn KI zu einem Konkurrenten für Arbeitnehmer würde, könnte es zu massiver Arbeitslosigkeit führen. Dies erinnert an die späte industrielle Revolution, in der die Arbeitslosigkeit stieg, traditionelle Lebensweisen endeten, neue Ideologien (Nationalismus, Marxismus) entstanden und politische Gewalt zunahm.
Könnte sich dies wiederholen? Die Stimmung in der Bevölkerung, insbesondere in den USA, ist zunehmend feindselig: Laut dem Edelman Trust Barometer 2025 sehen vier von zehn Menschen feindselige Handlungen als einen gangbaren Weg für Veränderungen. Wenn der Unmut über den Verlust von Arbeitsplätzen zunehmen würde, könnte es dann zu weit verbreiteter politischer Gewalt kommen? Auf jeden Fall würden die Finanzmärkte und die Regierungen dies zu spüren bekommen. Regulierungsbehörden, insbesondere in den USA, haben die Einführung der KI begrüßt. Aber ein Wandel des politischen Klimas könnte restriktive Maßnahmen nach sich ziehen und den KI-Boom bremsen. Die aufgeheizte Stimmung an den Märkten könnte für Politik und Investoren ein Vorbote für eine baldige Verschärfung der Krise sein.
4. Erholung in China
In China herrscht immer noch Deflation, der Immobilienmarkt hat sich noch nicht stabilisiert, und die Arbeitsmarktindikatoren verschlechtern sich weiter. Es fällt schwer, chinesische Vermögenswerte positiv zu bewerten. Was aber, wenn China für 2026 umfangreiche Konjunkturmaßnahmen in Höhe von 1 bis 2 % des BIP ankündigen würde? Die Bruttoverschuldung des Staates liegt zwar nahe am Niveau der USA. Doch im Gegensatz zu den USA ist der chinesische Staat ein Nettogläubiger. Was wäre, wenn dies mit einem technologischen Durchbruch à la DeepSeek, einem weiteren Anstieg des globalen Exportmarktanteils oder etwas anderem einherginge, das Chinas Wirtschaftskraft stützt?
Der Immobilienmarkt hat sich zwar noch nicht stabilisiert, aber die Immobilienpreise fallen kaum noch. Und: Selbst hier könnten bald bessere Nachrichten kommen. Der Aktienmarkt hat nach fünf Jahren fallender Werte die Talsohle durchschritten. Es könnte also sein, dass Chinas Kapitalmarkt weiterhin positiv überrascht.
