Gold überholt US-Staatsanleihen als größte Reservewährung
- Matt Bance
- T. Rowe Price
MÜNCHEN – „Gold gehörte in den letzten Jahren zu den Spitzenperformern“, erinnert Matt Bance von T. Rowe Price. Der Preisanstieg wurde gestützt durch Zentralbankkäufe, geopolitische Unsicherheiten, fiskalische Sorgen und schwindendem Vertrauen in traditionelle Reservewährungen. Vor allem geht der Experte davon aus, dass die langfristigen Argumente für Gold nach wie vor bestehen.
„Der jüngste Bericht der Europäischen Zentralbank (EZB), in dem hervorgehoben wird, dass Gold US-Staatsanleihen als weltweit größte Reservewährung überholt hat, ist ein wichtiger Meilenstein, aber auch ein Beleg dafür, wie weit die Gold-Erzählung bereits fortgeschritten ist“, erklärt Matt Bance, Portfoliomanager bei T. Rowe Price. Er geht davon aus, dass die Nachfrage der Zentralbanken eine wichtige Stütze für den Goldpreis bleibt, insbesondere wenn Länder in einem zunehmend fragmentierten geopolitischen Umfeld eine Diversifizierung ihrer Reserven anstreben.
Kurzfristiges Umfeld eingetrübt
Allerdings sei das kurzfristige Umfeld weniger günstig als zu Beginn der Rallye, betont Bance. Sowohl die Nachfrage der Zentralbanken als auch die ETF-Nachfrage habe im ersten Quartal 2026 nachgelassen. „Dies spiegelt in gewissem Maße die Tatsache wider, dass Gold mit Bereichen um die Aufmerksamkeit der Anleger konkurriert, die derzeit stärkere zyklische und strukturelle Wachstumsaussichten aufweisen, insbesondere die KI-Infrastruktur.“ Infolgedessen sei Kapital in AI-Nutznießer und mit diesen Themen verbundene Industrierohstoffe wie Kupfer geflossen, wo die Nachfrage durch konkrete Investitionen in die Infrastruktur für Strom, Stromnetze und Rechenzentren gestützt wird. Gleichzeitig habe der Anstieg der Realrenditen die Opportunitätskosten für das Halten eines nicht verzinslichen Vermögenswerts wie Gold erhöht.
Die längerfristige Perspektive
„Gold bleibt ein wichtiger defensiver Vermögenswert mit geringer langfristiger Korrelation zu traditionellen Anlageklassen“, führt der Experte weiter aus. Die relativ hohe Volatilität mache Gold aus Sicht der Portfoliokonstruktion zudem kapitaleffizient, was bedeutet, dass bereits relativ geringe Allokationen bedeutende Diversifizierungsvorteile bieten können.
Nach gängiger Auffassung sollten steigende Spannungen den Goldpreis stützen. Die Spannungen um den Iran haben jedoch auch die Ölpreise in die Höhe getrieben. Höhere Energiepreise haben die Inflationssorgen verstärkt, den US-Dollar gestützt und zu der Erwartung beigetragen, dass die Zinsen länger auf einem höheren Niveau bleiben könnten. Diese Faktoren wirken sich tendenziell negativ auf Gold aus.
Gold reagiert zunehmend empfindlich auf Öl- und Inflationsdynamiken
Das Bild bei den Zentralbanken sei ähnlich differenziert, argumentiert Bance. Zentralbanken waren in den letzten Jahren eine der stärksten Quellen der Goldnachfrage, doch die Nachfrage verläuft nicht unbedingt in eine Richtung. Während sich Anleger daran gewöhnt haben, den Fokus auf die Käufe der Zentralbanken zu richten, erinnert etwa der erhebliche Abbau der türkischen Reserven nach dem Ausbruch des Iran-Konflikts daran, dass Gold auch verkauft oder mobilisiert werden kann, wenn Länder unter Finanzierungs-, Währungs- oder Zahlungsbilanzdruck stehen. Das untergräbt zwar nicht die strategische Diversifizierung der Reserven, deutet jedoch darauf hin, dass die Nachfrage der Zentralbanken genau beobachtet werden sollte.
Diese Dynamik mindere zumindest kurzfristig die Attraktivität von Gold als Diversifikationsinstrument. In jüngster Zeit reagierte Gold zunehmend empfindlich auf dieselben Ölpreis- und Inflationsdynamiken, die auch die breiteren Märkte beeinflussen, was bedeutet, dass seine Entwicklung stärker mit anderen Vermögenswerten korrelieren könnte, als Anleger es bisher erwarteten.
Positiver Ausblick auf Gold
„Vor diesem Hintergrund sind wir der Ansicht, dass Gold einen Platz in diversifizierten Portfolios verdient, seine Rolle sich jedoch von der von Anleihen oder Bargeld unterscheidet“, fasst Bance zusammen. Da Bargeld und hochwertige Anleihen etwas bieten, das in der Zeit nach der Finanzkrise weitgehend fehlte – positive Realrenditen –, zeigen diese sich zunehmend als durchaus attraktive defensive Anlagen. Sollte sich das Wirtschaftswachstum deutlich verlangsamen, könnten sich Anleihen letztlich als die effektivere Absicherung erweisen, sagt Bance. Solange die Inflation jedoch das vorherrschende Marktthema bleibe, seien die Diversifizierungsvorteile von Anleihen weitaus unsicherer. Daher bevorzugt er derzeit Bargeld gegenüber Laufzeiten.
Der Wert von Gold wiederum liege woanders: Es biete Diversifizierung gegen Inflationsüberraschungen, die Verschlechterung der Staatsfinanzen, Unsicherheiten bei den Reservewährungen und allgemeine Vertrauensschocks. Da diese Risiken relevant bleiben, befürwortet er weiterhin eine strategische Allokation. „Wir glauben jedoch, dass sich das Risikoprofil ausgeglichener dargestellt hat, was kurzfristig eher eine neutrale als eine übergewichtete Position nahelegt.“
