Gold im Stresstest
MÜNCHEN – Trotz der anhaltenden Unsicherheiten an den Finanzmärkten hat der Goldpreis zwischenzeitlich stark nachgegeben. Das wirft unweigerlich die Frage auf, wie es um den vermeintlichen Krisenschutz des gelben Metalls steht. Experten der DWS haben das Thema aufgenommen und untersucht, wie sich das Edelmetall in unterschiedlichen Marktphasen relativ zum S&P 500 bewegt.
Die durch den Iran-Krieg ausgelösten Marktturbulenzen werfen Fragen zur Rolle von Gold als kurzfristigem sicheren Hafen auf. Trotz erhöhter geopolitischer Spannungen, die zu Kurseinbrüchen an den Aktien- und Anleihenmärkten geführt haben, geriet der Goldpreis zuletzt spürbar unter Druck. Zwar hatte das gelbe Edelmetall in den ersten zwei Monaten des laufenden Jahrs bereits um rund 25 Prozent zugelegt, so dass die Notierungen seit Jahresanfang noch im Plus liegen. Doch habe seit Kriegsausbruch im Iran der Goldpreis ebenso gelitten wie andere Anlagenklassen, was seinem traditionellen Bild als Krisenschutz widerspreche, so die DWS-Analysten.
Ausnahme oder Regel?
Um diese Frage beantworten zu können, lohnt sich ein Blick auf den Kursverlauf von Gold und Aktien in verschiedenen Marktphasen. Ob sich zwei Anlageklassen eher gleich- oder gegenläufig entwickeln, lässt sich mit der Korrelation messen: Ein Wert von +1 bedeutet, dass beide Anlagen in die gleiche Richtung laufen. Ein Wert von 0 steht für keinen messbaren Zusammenhang, während ein Wert von -1 bedeutet, dass sich beide Anlagen genau konträr zueinander bewegen. Für eine Anlageklasse, die als sicherer Hafen gelten soll, wäre eine niedrige oder negative Korrelation besonders in starken Aktienverlustphasen wünschenswert.
Entsprechend wurde die Korrelation zwischen den Tagesrenditen von Gold und dem S&P 500 in unterschiedlichen Marktphasen getestet, eingeteilt einerseits in die Höhe der Tagesrendite des S&P 500 und andererseits in zwei verschiedene Zeitperioden. Dabei sei zu erkennen, dass in der Periode von 1975 bis 2016 Gold insgesamt nur wenig mit den Aktienmarktbewegungen korrelierte. So gewann der Goldpreis in der Regel an Wert, wenn es mit Aktien richtig bergab ging (ein Tagesverlust von über 2,5 Prozent), mit einem beobachteten negativen Korrelationswert von 0,13. Seit 2016 zeige sich jedoch ein anderes Muster: eine positive Korrelation an Tagen mit deutlichen Verlusten am Aktienmarkt. Anders gesagt: Ausgerechnet in Phasen, in denen ein sicherer Hafen Stabilität liefern sollte, bewegte sich Gold meist in die gleiche Richtung wie Aktien. Dieser Gleichlauf war wiederum auch an stark positiven Markttagen zu beobachten, so dass diversifizierte Portfolios doppelt profitieren konnten.
Wie lässt sich dieses Phänomen erklären?
Die Frage ist, weshalb Aktienanleger nicht massenhaft ins vermeintlich sichere Gold ausweichen, wenn der (Aktien-) Markt hohe Verluste markiert? Die Antwort der DWS-Analysten hebt in erster Linie darauf ab, dass es sich bei Gold, im Vergleich zum Aktien- oder Anleihenmarkt, um ein engeres, illiquideres Marktsegment handele. Zudem sei es stärker von passiver Nachfrage geprägt – etwa über ETCs oder regelbasierte Strategien. So sei dem Markt mit der weitgehenden Abschaffung des Eigenhandels der Banken und Broker ein wichtiger Schockabsorber verloren gegangen. Während diese Institutionen in der Vergangenheit aktiv mit eigenem Kapital handelten und so dazu beitrugen, Marktschwankungen abzufedern; haben sich viele Adressen inzwischen zurückgezogen. Gleichzeitig habe der Anteil passiver Anleger zugenommen, die Marktbewegungen eher verstärken als abfedern.
Gewinnmitnahmen bei Gold
Last but not least würden solche Investoren zur Marktentwicklung beitragen, die mit festen Risikobudgets oder gehebelten Positionen arbeiten und bei Margin Calls kurzfristig Liquidität benötigen. Kurzum: Wenn es in einer Anlageklasse außergewöhnlich stark abwärtsgeht, müssen sich Anleger dort Kasse verschaffen, wo sie schnell liquidieren können und/oder wo sie auf Gewinnen sitzen – wie bei Gold, so die Analyse.
Allerdings basieren die Ergebnisse der DWS auf Tagesbewegungen. Wie Gold über längere Zeiträume mit anderen Anlageklassen korreliert und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen, müsse gesondert untersucht werden. So seien Gold durchaus diversifizierende Effekte zu bescheinigen. Auffällig zudem, dass zuletzt auch Mittelabflüsse aus eher taktischen Investments, etwa von Retail-Anlegern oder Vermögensverwaltern, den Goldmarkt belastet haben. Gold bleibt daher aus Sicht der DWS-Experten ein wertvoller Diversifikator, wobei seine Qualifikation als sicherer Hafen je nach Zeitraum und Ereignis durchaus variieren könne – und verlange daher „eine fortlaufende, aktuelle Neubewertung statt blindem Vertrauen“.
