Feuerprobe für defensive Aktienstrategien
- Kent Hargis
- AllianceBernstein
MÜNCHEN – Qualitätsaktien sind in den Schatten der Künstlichen Intelligenz gerückt und müssen gerade stark um die Aufmerksamkeit der Anleger buhlen, sagt Kent Hargis von AllianceBernstein. Unter dem Strich aber würden Qualitätsunternehmen weiterhin viel Geld verdienen und immer noch eine lohnende Investition darstellen.
Qualitätsorientiertes Investieren basiert schon immer auf einer einfachen Idee: Aktien von Unternehmen mit widerstandsfähigen Geschäftsmodellen und vorhersehbaren Gewinnverläufen entwickeln sich im Laufe der Zeit in unterschiedlichen Marktumfeldern tendenziell gut – sofern sie zum richtigen Preis erworben werden, wie Kent Hargis, CIO bei AllianceBernstein, anmerkt. Solche Aktien seien oft ein wesentlicher Bestandteil langfristiger, defensiver Aktienstrategien, die der Marktvolatilität widerstehen sollen. Der heutige Markt stelle diese Prämisse jedoch auf die Probe, weil Künstliche Intelligenz (KI) einen der größten Investitionsbooms der jüngeren Vergangenheit befeuere und defensive Qualitätsaktien sich derzeit unterdurchschnittlich entwickeln. Das bedeute aber nicht, dass Qualität ihre Relevanz verloren habe.
KI hat die Sichtweise des Marktes auf Qualität verändert
Hargis definiert Qualitätsaktien als Unternehmen, die dauerhaft Renditen erzielen können, die über ihren Kapitalkosten liegen. Notwendig hierfür seien etwa herausragende, qualitativ hochwertige Geschäftsmodelle, die sich in vielen Branchen finden lassen. In den vergangenen Jahren sei der Begriff „Qualität“ indes zunehmend mit „Asset-Light“-Geschäftsmodellen in Verbindung gebracht worden, also mit Unternehmen mit geringer Kapitalintensität in technologie- und dienstleistungsorientierten Branchen. Als Beispiele nennt der Experte Zahlungsdienstleister, Telemedizin-Anbieter oder Cloud-Computing-Unternehmen, die im Hintergrund agieren – nicht glamourös, aber beständig. „Gut geführte Asset-Light-Unternehmen haben ihre Fähigkeit, Umsatz zu generieren, nicht verloren“, führt er weiter aus. Sie könnten ihre Gewinne wie gewohnt steigern, hätten im heutigen, von KI geprägten Umfeld, jedoch an Marktattraktivität eingebüßt.
Demgegenüber hätten Anleger die Bewertungen von Hyperskalierern, Chipherstellern und anlagenschweren Unternehmen, die Rechenzentren und Stromnetze bauen, in die Höhe getrieben, wobei kapitalintensive Unternehmen normalerweise nicht mit Qualität in Verbindung gebracht werden. Doch die starke Fokussierung des Marktes auf KI habe zu einer Diskrepanz zwischen kurzfristiger Kursführerschaft und langfristigen Qualitätsmerkmalen geführt. „Deshalb haben Qualitätsaktien eine unterdurchschnittliche Performance gezeigt, während spekulative Wachstumsunternehmen eine überdurchschnittliche Performance erzielten“, erklärt Hargis.
KI-Wachstum wird langsamer, trotzt Investitionen
Anleger würden somit vor der Herausforderung stehen, einen zyklischen Aufschwung von dauerhaften strukturellen Veränderungen zu unterscheiden. Der derzeitige Markt zumindest bevorzuge zunehmend unsichere Wachstumschancen, die angetrieben werden vom Versprechen KI-getriebener Produktivitätssteigerungen. „Aber selbst, wenn mehr in KI investiert wird, wird ihr Wachstum irgendwann langsamer“, prognostiziert der Experte. Und wenn das eintrete, werde der Fokus weniger auf den Ausgaben der Hyperskalierer und mehr auf der Nachhaltigkeit der Gewinne liegen. Schließlich könnten KI-getriebene Investitionsausgaben zwar die Grundlage für zukünftiges Gewinnwachstum schaffen, aber auch den freien Cashflow schmälern und das Rentabilitätspotenzial schwächen.
Andererseits habe das wachsende Vertrauen in KI dazu geführt, dass die Märkte einen reibungslosen und profitablen Ausbau einpreisen. Dadurch gebe es nur noch wenig Spielraum für Fehler. Doch selbst fundamental attraktive Hyperskalierer müssen erst noch beweisen, dass sie die enormen Investitionen in die KI-Infrastruktur monetarisieren können.
Das Portfolio anpassen, nicht die Philosophie
Weil sich der Begriff „Qualität“ verändert, sollte es möglich sein, auch mit einem defensiven Aktienportfolio mehr Chancen zu erreichen. Dabei müssten aber nicht die Grundprinzipien geändert werden. „Das bedeutet, dass sich Anleger weiterhin an soliden Unternehmensgrundlagen orientieren sollten und gleichzeitig damit rechnen müssen, dass Qualitätswerte möglicherweise in andere Sektoren und Branchen abwandern“, mahnt Hargis. Die Aufgabe für aktive Fondsmanager sei es etwa zu ermitteln, welche anlagestarken Unternehmen vom zyklischen Aufschwung profitieren und welche besser positioniert sind, um langfristig von KI-Investitionen zu profitieren. Ebenso könne das Verständnis dafür, welche Qualitätsunternehmen am aktuellen Markt überverkauft sind, Auswirkungen auf künftige Renditen haben.
„Es ist beunruhigend, dass immer mehr Firmen die Marktführerschaft übernehmen, die man nicht kennt“, zieht der Experte ein Fazit. Aber Qualitätsunternehmen würden weiterhin viel Geld verdienen und immer noch eine lohnende Investition darstellen. Er räumt ein, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen der KI real seien und der dadurch ausgelöste Investitionszyklus die Aktienmärkte noch einige Zeit umgestalten werde. Doch kein Investitionszyklus verlaufe ewig geradlinig.
Da wiederum die Erwartungen steigen und die durch KI getriebenen Bewertungen zunehmen, müssten Anleger möglicherweise selektiver vorgehen und diejenigen Unternehmen auswählen, die ihre Investitionen in die KI-Infrastruktur in nachhaltige Gewinne umwandeln können. Das Ziel „Qualität“ sei für Aktienanleger nicht verschwunden und wenn sie Geduld haben und sich mit den realen Herausforderungen der Märkte auseinandersetzen, dürften sie am Ende dafür belohnt werden.
