Fed-Chef Kevin Warsh – Zinsanhebung statt Senkung?

  • Mark Dowding
  • Fixed Income CIO
  • RBC BlueBay Asset Management

FRANKFURT – „Am Markt setzt sich allmählich die Erkenntnis durch, dass die Inflation in den USA weiter steigen dürfte – angetrieben von KI, dem Mangel an Niedriglohnkräften und der Lage im Nahen Osten“, sagt Mark Dowding von RBC BlueBay. Damit würden Hoffnungen auf baldige Zinssenkungen schwinden – der neue Fed-Chef Kevin Warsh könnte gar gezwungen sein, die Zinsen anzuheben.

Der aktuelle Marktkommentar von Mark Dowding, Fixed Income CIO bei RBC BlueBay Asset Management:

„Die zuletzt steigenden Anleiherenditen haben zu Wochenbeginn die Stimmung bei Risikoanlagen belastet. Anlegerinnen und Anlegern wird allmählich bewusst, dass der nächste Zinsschritt in den USA wohl eine Anhebung sein dürfte. Eine Zinserhöhung durch die Fed wird nun für Anfang 2027 eingepreist.

Einstweilen stützen jedoch die hohen Gewinne von Nvidia weiterhin das positive Umfeld rund um KI. Zweifel sind daher angebracht, dass sich die optimistische Stimmung am Aktienmarkt vorerst wesentlich ändern wird. Und da der Ansturm auf Investitionen kaum Anzeichen von Preissensitivität zeigt, ist es fraglich, wie stark die Leitzinsen tatsächlich steigen müssten, um die Nachfrage im Technologiesektor zu dämpfen.

KI als Inflationstreiber

Tatsächlich erweist sich KI in der aktuellen Investitionsausbauphase eher als ein Inflations- als ein Disinflationsfaktor für die US-Wirtschaft. Über längere Zeit könnte KI zwar auf die Löhne drücken, doch derzeit scheint der US-Arbeitsmarkt in einem gesunden Gleichgewicht zu sein. Im Niedriglohnsektor steigen derzeit die Einkommen, da es weniger Migranten gibt, die diese Berufe ausfüllen.

Zudem ist die Lage im Nahen Osten weiterhin festgefahren, so dass auch zukünftig mit einer höheren Inflation zu rechnen ist. Wir gehen derzeit davon aus, dass der US-Verbraucherpreisindex im Sommer einen Höchststand von rund 4,5 % erreichen wird. Solange eine baldige Lösung ausbleibt, könnte die Inflation noch weiter steigen.

Möglich Anhebung der US-Zinsen bereits im September

Wir können zwar davon ausgehen, dass die Fed die Zinsen nicht im Juni anheben wird. Sollte aber der Verbraucherpreisindex bei 5 % liegen und dort für einige Monate verharren, würden wir eine Zinserhöhung der Fed im September erwarten. Auch wenn dies nicht unser Basisszenario ist und wir davon ausgehen, dass Warsh die kurzfristig erhöhten Preisdaten übergehen will, wird eine Zinserhöhung umso wahrscheinlicher, je länger wir auf dem aktuellen Kurs bleiben.

Aus diesem Blickwinkel könnten die Marktteilnehmer ironischerweise zu dem Schluss kommen, dass sich Jerome Powell als Fed-Vorsitzender eine relativ lockere Geldpolitik verfolgt hat und Kevin Warsh im Vergleich dazu voraussichtlich eine straffere Politik fahren wird.

Frühe Reaktion der EZB?

Angesichts der schwachen Konjunktur agiert die EZB eher zu früh, um die Inflation einzudämmen. Im Gegensatz dazu riskieren die USA, zu spät zu handeln. In den nächsten Monaten könnte sich der Renditeabstand zwischen US-Treasuries und Bundesanleihen dadurch ausweiten, noch untermauert durch die relativen Wachstumstrends der jeweiligen Volkswirtschaften.

Zurück zum Konflikt im Nahen Osten

Anfang der Woche gab es einige Schwankungen, als Trump ankündigte, er habe für diesen Dienstag eine militärische Eskalation geplant, bevor er von den Golfstaaten davon abgebracht wurde. Die Gespräche laufen zwar weiter, doch die Positionen der USA und des Iran liegen nach wie vor weit auseinander. Je mehr Zeit vergeht, desto eher dürfte der Iran erkennen, dass sein eigener Einfluss zunimmt. Der wahrscheinlichste Ausweg für die USA scheint darin zu bestehen, ihre Forderungen aufzugeben und irgendwann den Verhandlungstisch zu verlassen.

Doch das wäre eine bittere Pille. Denn sicherlich wird Trump seine Kampagne als großen Erfolg verkaufen wollen. Vor diesem Hintergrund ist es nicht auszuschließen, dass die USA in einem letzten Akt des Trotzes beschließen werden, den Iran erneut zu bombardieren – ungeachtet dessen, dass sie weder einen kohärenten Plan noch eine Strategie haben.“

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