Eurostaatsanleihen sind nicht Paris-konform

  • Hannah Helmke
  • right. based on science

FRANKFURT – „Mit Eurostaatsanleihen lässt sich kein Portfolio aufbauen, das den Vorgaben des Pariser Klimaabkommens entspricht“, betont Hannah Helmke, Geschäftsführerin von right. based on science – und das liege nicht allein daran, dass sämtliche EU-Mitgliedsländer von den 2015 vereinbarten Zielen weit entfernt seien.

Ab hier folgt die Analyse von Hannah Helmke, Gründerin und Geschäftsführerin von right. based on science:

„Das Pariser Klimaabkommen wurde Ende 2015 von 195 Staaten sowie von der Europäischen Union unterzeichnet und ist inzwischen von nahezu allen Vertragspartnern ratifiziert worden. Alle haben sich mit der Vertragsunterzeichnung dazu verpflichtet, ihren Beitrag zu leisten, dass die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter begrenzt wird.

Investoren müssten also sicher sein können, mit entsprechenden Staatsanleihen ein Paris-konformes Portfolio aufbauen zu können. Leider ist das ein Trugschluss, selbst wenn man sich auf Renten der EU-Staaten beschränkt.

Verschiedene Maßstäbe

Dafür gibt es zahlreiche (real)politische Gründe, angefangen bei den im Vergleich zu Legislaturperioden noch immer relativ langen Zeithorizonten bis hin zu der Tatsache, dass ein Verfehlen der Klimaziele für einzelne Staaten nicht sanktionsbewehrt ist – und damit zumeist ohne politische oder persönliche Konsequenzen bleibt. Es gibt aber noch einen weiteren Grund: ein Mangel an Transparenz, Vergleichbarkeit und Verständlichkeit der Ziele.

Die Ursache hierfür liegt in der Diskrepanz der Messgrößen für die Klimaziele und deren Umsetzung: Beim Pariser Klimaziel ist von der Begrenzung des Temperaturanstiegs die Rede, und die korrekte Maßeinheit hierfür ist Grad Celsius. Wenn hingegen die Staaten beziehungsweise Treibhausgasemittenten von Dekarbonisierungspfaden sprechen, ist fast immer von Emissionsmengen die Rede, ausgedrückt in Kilogramm oder Tonnen CO₂-Äquivalent (CO₂e).

Um eine bessere Nachvollziehbarkeit und mehr Vergleichbarkeit zum Status quo einer Volkswirtschaft oder eines Unternehmens auf dem CO₂e-Abbaupfad zu erreichen, ist es deshalb notwendig, das Ziel und die Schritte dorthin in einer gemeinsamen Maßeinheit auszudrücken: Grad Celsius.

So geht Temperature Alignment

Diese „Umrechnung“ ist mit speziellen Modellen zur sogenannten Klimametrik möglich. Man spricht hier auch von „Temperature Alignment“. Ein Beispiel dafür ist das von uns entwickelte XDC-Modell. XDC steht für „X-Degree Compatibility“. Das Modell funktioniert für ganze Volkswirtschaften in fünf Schritten:

1. Emissionsintensität berechnen: Zunächst erfolgt die Erhebung der Emissionsintensität des jeweiligen Staates, also die Berechnung der gesamten zukünftigen Emissionen pro Einwohner bis ins Jahr 2100. Der Faktor Zeit spielt dabei eine herausragende Rolle. Der Status quo der bisherigen Emissionsintensität sowie die bereits beschlossenen Maßnahmen bilden das Baseline-Szenario für den CO2-Emissions-Abbaupfad.

2. Benchmark-Pfade ermitteln: Im nächsten Schritt wird geklärt, wie dieser Abbaupfad aussehen müsste, damit das Land seine verbleibenden Emissionsmengen für 1,5 Grad Celsius nicht überschreitet und seinen Beitrag zur Erhaltung des Klimaziels leistet.

3. Klima-Performance kalkulieren: Durch den Vergleich des Baseline- mit dem Benchmark-Pfad wird für jedes Jahr die Klima-Performance ermittelt.

4. Globale Emissionen übertragen: Würde man diese Klima-Performance „hochrechnen“ auf die ganze Welt unter der Annahme, dass alle Staaten sich genauso verhalten, ergibt sich daraus ceteris paribus die Menge an Emissionen, die dann ausgestoßen würde.

5. Erderwärmung berechnen: Mithilfe eines Klimamodells wird die Erderwärmung in Grad Celsius ermittelt, die entstehen würde, wenn besagte Emissionsmenge in die Atmosphäre gelangen würde.

Direkter Bezug zum Pariser Abkommen

Das XDC-Modell transformiert also abstrakte Emissionsdaten in ein konkretes Temperaturergebnis, wodurch ein direkter Bezug zum Kernziel des Pariser Abkommens hergestellt wird.

Zur Methodik und Quellenlage: Die Szenarioannahmen für die zukünftige Entwicklung der Emissionsintensität gehen auf die – auch vom Weltklimarat für seine Klimamodelle genutzten – Shared Socio-Economic Pathways (SSPs) zurück. In diesem Fall SSP2, mit dem eine Fortsetzung der aktuellen Trends modelliert wird.

Weitere Datenquellen sind die EORA Global Supply Chain Database sowie die Weltbank. Das Klimamodell für die finale Kalkulation in Grad Celsius ist das Finite Amplitude Impulse Response Model (FaIR), welches auch im jüngsten Bericht des Weltklimarats genutzt wurde.

Assetklassen-übergreifender Vergleich

Das XDC-Modell ermöglicht eine umfassende und konsistente Klimabewertung über verschiedene Assetklassen hinweg und erleichtert damit eine präzise Ausrichtung an den Pariser Klimazielen. Für die Finanzwirtschaft bietet das einen großen Vorteil: Die Klimawirkung einzelner Assets lässt sich Assetklassen-übergreifend einfach und transparent vergleichen.

Anleihen, Aktien oder Immobilien können auf diese Weise ein leicht verständliches Klima-Label erhalten, an dem auch für den Laien sofort erkennbar ist, ob es sich um ein Paris-konformes 1,5-Grad-Investment handelt oder nicht. Entsprechend können Investoren ihre Portfolios dahingehend analysieren – und bei Bedarf gegensteuern. Und nicht nur das: Durch Klimametriken lassen sich unterschiedliche Abbauszenarien und ihre Auswirkungen auf die Klima-Performance simulieren und vergleichen.

Unser XDC-Modell enthüllt aber auch eine unbequeme Wahrheit: Europa ist noch weit entfernt von der angepeilten 1,5-Grad-Celsius-Marke. Nimmt man die Klima-Performance der einzelnen Länder zum Maßstab, ist es derzeit nicht möglich, mit europäischen Staatsanleihen ein Paris-konformes Anleiheportfolio aufzubauen.

Deutschland mit schwacher Performance

Kein einziges EU-Mitgliedsland ist Paris-konform. Kroatien und Zypern weisen mit jeweils 3,1 Grad Celsius noch die beste Klima-Performance auf. Die meisten Länder liegen zwischen 3,5 und 4,5 Grad. Das Schlusslicht ist Luxemburg mit 5,3 Grad.

Die beiden größten EU-Länder, Deutschland und Frankreich, kommen auf 4,4 respektive 3,7 Grad. Das bedeutet: Würden alle Länder der Welt eine Emissionsintensität und einen Abbaupfad wie Deutschland aufweisen, würde sich die Durchschnittstemperatur auf der Erde bis zum Jahr 2100 um 4,4 Grad erwärmen. Bereits beschlossene und umgesetzte Klimaschutzmaßnahmen sind darin schon enthalten.

Das zeigt: Je industrialisierter ein Land ist, desto steiler in der Regel der Dekarbonisierungspfad, der eingeschlagen werden muss, um die Paris-Ziele zu erreichen. Zum Vergleich: Afghanistan weist derzeit eine Klima-Performance von 1,8 Grad auf.

Länder stehen für ihre Emissionen

Zwei Dinge seien einschränkend gesagt. Erstens: Diese Auswertung bezieht sich auf die innerhalb der Staatengrenzen ausgestoßenen Emissionen. Die Staatsanleihen der jeweiligen Länder stehen hierfür stellvertretend.

Zweitens: Es muss nicht bei diesen hohen Werten bleiben. Viele Regierungen sind erkennbar bemüht, die Klimabilanz ihres Landes zu verbessern. Da zumeist noch Detailschärfe fehlt oder die Umsetzung nicht sicher ist, sind zukünftige und geplante Maßnahmen in dieser Temperature-Alignment-Berechnung noch nicht eingepreist. Entsprechende Analysen geben aber Grund zur Hoffnung.

Renten reichen nicht

Trotzdem gilt: Ein Paris-konformes Anleiheportfolio lässt sich allein mit EU-Staatsanleihen derzeit nicht realisieren. Dafür müssen andere Assets in Betracht gezogen werden – etwa Immobilien, bei denen der Investor einen direkten Einfluss auf eine mögliche Transformation hin zur Paris-Konformität ausüben kann.“

Hannah Helmke ist Gründerin und Geschäftsführerin von right. based on science. Sie steht einem Climate-Tech-Unternehmen vor, das die Klimawirkungen wirtschaftlicher Aktivitäten transparent macht und ist überzeugt, dass eine wissenschaftliche Herangehensweise der beste Weg ist, das emotionale Thema zu bewältigen.

Hinweis: Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in TiAM 04/2023
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