Europas Charme wächst, absolut wie relativ
- Vincenzo Vedda
- DWS
FRANKFURT – „Europa setzt bei der Bewältigung seiner Herausforderungen auf eigene Stärken“, erklärt Vincenzo Vedda, CIO der DWS. Zwar boome Europa nicht gerade, ebenso wenig befinde sich der Kontinent aber im Niedergang. Vielmehr würden sich viele europäische Unternehmen dynamischer entwickeln als das gesamtwirtschaftliche Umfeld. Und: „Die Kapitalmärkte beginnen, dies zu honorieren.“
„Internationale Investoren schenken der europäischen Politik meist nur dann größere Aufmerksamkeit, wenn die Stabilität des Euro infrage steht, wie während der Staatsschuldenkrise 2011, oder wenn sich eine Stimmungsverbesserung in den Märkten widerspiegelt, wie es derzeit bei Europas Aktienindizes, die nahe an Rekordständen notieren, der Fall ist“, leitet Vincenzo Vedda, Chief Investment Officer der DWS, seine Beurteilung der europäischen Kapitalmärkte ein. Dennoch würden sich alte Vorurteile hartnäckig halten, wie Europa werde niemals so dynamisch sein wie die USA und europäische Finanzanlagen könnten dauerhaft nicht mit Übersee mithalten.
Er siehtn das anders. Kapitalmärkte werden nicht von absoluten Niveaus bestimmt, sondern von Veränderungen der Wahrnehmung und relativen Bewertungen, sagt Vedda. Zwar starte Europa von einem vergleichsweise niedrigen Ausgangspunkt, doch die Richtung stimme, was sowohl auf strukturellen als auch auf konjunkturellen Faktoren beruhe.
„Wir sind überzeugt, dass Europa infolge der zahlreichen externen Schocks des vergangenen Jahrzehnts die tiefgreifendste Transformation seit dem Zweiten Weltkrieg durchläuft“, erklärt der CIO. Auch die konjunkturellen Signale würden zunehmend für Europa sprechen. Die Wirtschaft wachse, was etwa Auftragseingänge und Exporte zeigen. So sei die Wirtschaft der Eurozone im ersten Halbjahr nahezu im selben Tempo gewachsen wie die US-amerikanische – und zeige damit eine bemerkenswerte Widerstandskraft gegenüber dem Krieg in der Ukraine, den US-Zöllen und dem Konflikt in der Golfregion.
Europa befindet sich im Wandel, und Wandel schafft Chancen
Mit Blick auf die relativen Bewertungen hält der DWS-CIO den Abschlag europäischer Aktien gegenüber den amerikanischen für überzogen. Dies gelte nicht zuletzt deshalb, weil eine einseitige Ausrichtung auf den US-Markt mit erheblichen Risiken verbunden sei. Drei Aspekte würden besonders hervorstechen. Erstens seien das US-Wirtschaftsmodell und die amerikanischen Kapitalmärkte inzwischen stark vom KI-Investitionsboom geprägt, wodurch die Konzentrationsrisiken zunehmen. Zweitens werde das US-Wachstum durch hohe Haushaltsdefizite gestützt, was die Staatsschuldenquote nach oben treibe und die langfristigen Finanzierungskosten erhöhe. So hätten die Renditen 30-jähriger US-Staatsanleihen den höchsten Stand seit 20 Jahren erreicht, was drittens dazu beitrage, dass die Bereitschaft anderer Länder abnimmt, ihre Beziehungen zu den USA weiter zu vertiefen.
„Die USA setzen zunehmend auf bilaterale Vereinbarungen und transaktionsorientierte Flexibilität anstelle multilateraler Regeln und Institutionen“, konstatiert Vedda. Vor diesem Hintergrund gewinne der vermeintlich langweilige, konsensorientierte Ansatz Europas deutlich an Attraktivität. Gleichzeitig biete Mario Draghis Agenda zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit einen Fahrplan für höhere Investitionen, tiefere Kapitalmärkte und ein stärkeres Produktivitätswachstum. Kritiker mögen einwenden, dass die Umsetzung im gewohnt „europäischen Tempo“ voranschreitet. „Für uns ist jedoch der Richtungswechsel entscheidend: In den meisten europäischen Hauptstädten besteht inzwischen ein breiter Konsens über die Notwendigkeit von Reformen. Der politische Handlungsdruck ist gestiegen, und der Wandel nimmt Gestalt an.“
Insofern würden auch die Investoren beginnen umzudenken. So konnten die europäischen Aktienmärkte in den vergangenen zwölf Monaten weitgehend mit den US-amerikanischen Schritt halten – unterstützt von der stärksten Berichtssaison seit 2021. Trotz der genannten Belastungsfaktoren seien die Gewinne je Aktie gegenüber dem Vorjahr um mehr als 20 Prozent gestiegen und damit so kräftig wie seit dem dritten Quartal 2022 nicht mehr. Das sei auch deshalb wichtig, da europäische Aktien nicht mehr nur aufgrund ihrer relativ günstigeren Bewertungen gesucht würden.
„Nach Jahren einer im relativen Vergleich stagnierenden Gewinnentwicklung zeigen europäische Aktien nun endlich auch wieder Gewinnwachstum“, lobt Vedda. Gleichzeitig verändere sich das Chancenspektrum und die Führungsrolle am Aktienmarkt verlagere sich zunehmend auf die Sektoren des „Neuen Europa“, die von höheren Investitionen, Elektrifizierung, Verteidigungsausgaben und dem Streben nach strategischer Autonomie profitieren.
Jenseits der öffentlichen Aktienmärkte dürften daneben Infrastruktur, Private Credit und Immobilien unmittelbar vom beginnenden europäischen Investitionszyklus profitieren. Und europäische Anleihen würden zugleich durch eine vergleichsweise bessere Schuldentragfähigkeit gestützt, eine Entwicklung, die sich nicht in Quartalen messen lassen dürfte. Vielmehr werde sich Europas Transformation über viele Jahre erstrecken. „Wir betrachten sie daher als strategische Anlagechance und nicht lediglich als kurzfristige taktische Positionierung“, sagt Vedda.
Fazit: Europas Comeback auf europäische Art
Europa ist stärker, als viele Marktteilnehmer wahrnehmen, fasst der DWS-CIO zusammen. Trotz zweier Kriege und einer zunehmend schwierigen handelspolitischen Beziehung zu den USA hätten Reformen und die konjunkturelle Erholung die Widerstandsfähigkeit der Region gestärkt. Gleichzeitig würden die Risiken einer starken Abhängigkeit von den USA und dem KI-Investitionsthema immer deutlicher zutage treten.
Europa werde die Dynamik der USA – wie nachhaltig diese auch sein mag – vermutlich nicht erreichen. Das sei auch nicht erforderlich. Entscheidend sei vielmehr, dass sich die Richtung verbessere – Wirtschaftsdaten entwickeln sich positiv, das Wachstum zeigt sich widerstandsfähig und die Draghi-Agenda liefert einen strategischen Fahrplan für höhere Investitionen, leistungsfähigere Kapitalmärkte und steigende Produktivität. Vor allem aber würden die Kapitalmärkte beginnen, diese Veränderungen wahrzunehmen. Europäische Aktien konnten mit der Entwicklung der US-Märkte Schritt halten und wurden dabei von einer robusten Gewinnentwicklung unterstützt. „Aus unserer Sicht bietet Europa somit eine Kombination aus Diversifikation, institutioneller Stabilität, Reformdynamik und attraktiven Bewertungen.“
Chancen sieht Vedda abschließend insbesondere in Bereichen, die von Investitionen, Infrastruktur und strategischer Autonomie profitieren. Gleichzeitig erscheinen europäische Anleihen angesichts vergleichsweise solider Verschuldungsdynamiken attraktiv. „Europas Transformation werde Zeit benötigen und sich voraussichtlich über Jahre entfalten. Aus unserer Sicht spricht dies für eine überzeugende langfristige Anlagechance und nicht nur für einen schlagzeilengetrieben kurzfristigen Trend.“
