Europäische Aktien – unbeliebt, unterbewertet, unterschätzt
- Frederic Jeanmaire
- Columbia Threadneedle Investments
MÜNCHEN – Europäische Aktien wurden von Anlegern lange vernachlässigt und sind unterbewertet – sagt zumindest Frederic Jeanmaire, Portfoliomanager bei Columbia Threadneedle Investments, und erklärt, wo es Chancen gibt, welche Sektoren besonders attraktiv sind und worauf Anleger achten sollten.
Alles prima bestens in Europa? Sicherlich nicht! Dennoch biete die Region attraktive Anlagechancen, nicht zuletzt auch durch das beschlossene Sondervermögen von 500 Milliarden Euro in Deutschland, erinnert Frederic Jeanmaire, Portfoliomanager bei Columbia Threadneedle Investments. Zwar gebe es nach wie vor Sektoren, die mit Problemen zu kämpfen haben, aber dem sei mit einer peniblen Aktienauswahl zu begegnen. Von einem breit gestreuten Engagement rät der Experte indes ab.
Die Aktienauswahl sei entscheidend, bei der Anleger möglichst nach „Rohdiamanten“ suchen sollten. Darunter versteht er Unternehmen von hoher Qualität, die über starke Preissetzungsmacht, dauerhafte Wettbewerbsvorteile und die Fähigkeit verfügen, nachhaltig Cashflows zu erwirtschaften. Diese können nicht nur von den makroökonomischen Veränderungen in Europa profitieren, sondern sich auch global behaupten – und mithin langfristig eine überdurchschnittliche Wertentwicklung erzielen.
Zölle schaden US-Unternehmen mehr als europäischen
„Europäische Aktien sind unbeliebt, werden zu wenig gehandelt und sind unterbewertet“, beklagt Jeanmaire, was nicht zuletzt zu einer unterdurchschnittlichen Entwicklung im Vergleich zu den US-Pendants geführt hat. Zudem haben Anleger zuletzt die Dynamik der amerikanischen Technologiewerte bevorzugt. Doch dies ändere sich gerade: „Die Herausforderungen in den USA – Zölle, politische Instabilität und überzogene Bewertungen – wären schon Grund genug, um Diversifizierung attraktiv zu machen“, betont der Portfoliomanager. Zudem gebe es in Europa eine Reihe zusätzlicher Katalysatoren, die zu einer anhaltenden Aktienrallye beitragen könnten.
Beispielsweise bei Unternehmen, die Dienstleistungen oder Technologie verkaufen. Die angekündigten US-Zölle dürften auf diese Segmente nur geringe Auswirkungen haben, sagt Jeanmaire, und würden in vielerlei Hinsicht sogar größeren Schaden bei US-Unternehmen anrichten als bei ihren europäischen Wettbewerbern.
Lockerung der Schuldenbremse bringt frischen Wind in die Märkte
Die Entscheidung Deutschlands, die Schuldenbremse zu reformieren, stellt für den Portfoliomanager einen wichtigen Wendepunkt dar. Dabei handele es sich nicht um eine marginale Anpassung, sondern um eine große strukturelle Veränderung in einem Land, das in der Vergangenheit das fiskalisch konservativste in Europa war. Ein beträchtlicher Teil der Investitionsausgaben soll in die europäische Wirtschaft fließen und könnte den Weg für ähnliche Maßnahmen auf dem ganzen Kontinent ebnen sowie ein günstigeres Investitionsklima für die kommenden Jahre schaffen. „Dementsprechend werden an deutschen Projekten beteiligte Titel aus den Bereichen Verteidigung, Infrastruktur und Industrie deutlich zulegen, während sich die Stimmung am Markt bereits jetzt erholt.“
Jeanmaire berücksichtigt dabei auch das Zinsrisiko, das aufgrund der Verteidigungs- und Staatsausgaben langfristig bestehen könnte. Er erachtet die deutschen Staatsfinanzen jedoch nicht als angespannt und sieht weniger ein Problem als in anderen europäischen Ländern. Insbesondere im Vergleich zu den USA bestehe in Europa insgesamt ein größerer Spielraum für geldpolitische Lockerungen. So könnte die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen bis Ende 2025 von derzeit 2,5 Prozent auf unter 1,5 Prozent senken, was europäische Aktien zusätzlich stützen würde, insbesondere in zinssensiblen Sektoren wie Banken und Immobilien.
Die Aktienauswahl ist entscheidend
Wie bereits angesprochen erscheint Europa zwar insgesamt attraktiv, was aber nicht darüber hinwegtäuschen sollte, dass bestimmte Sektoren seit Jahren unter Druck stehen. Etwa die europäischen Automobilhersteller, die schon länger mit Problemen in der Lieferkette konfrontiert sind und sich immer noch auf das Geschäftsmodell der Verbrenner verlassen, das durch die zunehmende Beliebtheit von Elektrofahrzeugen gestört wird, wo zudem China mit billigeren und besseren Technologien und Modellen aufwarten kann. Alles in allem mache dies deutlich, dass eine aktive Aktienauswahl für den Erfolg entscheidend sei, etwa bei Unternehmen, die von der Lockerung der Schuldenbremse profitieren können. In Europa zählt er dazu häufig Hersteller von Luxusgütern, spezialisierte Industrieunternehmen und ausgewählte Technologiefirmen.
Als Beispiel führt Jeanmaire den deutschen Softwareriese SAP an, dessen Marktkapitalisierung inzwischen größer sei als die des gesamten deutschen Automobilsektors. „Dies veranschaulicht die wachsende Bedeutung von Technologie und digitaler Infrastruktur im Vergleich zur traditionellen Fertigung.“ Zudem sieht er im europäischen Finanzsektor Chancen bei gut kapitalisierten Banken mit starken Geschäftsmodellen. Doch auch hier sei Selektivität entscheidend, um leistungsschwache Institute zu meiden und gleichzeitig das Potenzial gut positionierter Finanzunternehmen zu nutzen.
