Erinnerung an 1999? Mythos und Wirklichkeit

  • Laurent Denize
  • ODDO BHF AM

FRANKFURT – „Die jüngste Rallye von wachstumsstarken Large Caps und Technologiewerten weckt Erinnerungen an das Jahr 1999 und wirft die Frage auf, ob wir uns derzeit in einer ähnlichen Blase befinden“, sagt Laurent Denize, CIO bei ODDO BHF AM. Er rät, zwischen Mythen und Wirklichkeit zu unterscheiden.

Ab hier folgt die Mitteilung der Gesellschaft:

Mythos: Technologieaktien sind teuer

„Die Bewertungen der meisten Technologieaktien sind aktuell mitnichten überzogen. Seit der Einführung von ChatGPT legte der S&P 500 Index, befeuert durch die Technologiewerte, 27% zu, während der gleichgewichtete Index nur um 11% anzog. Aber selbst wenn US-Tech-Aktien teuer sind, können die Kurse durchaus weiter steigen. Das geschätzte KGV des Sektors auf Sicht der nächsten 12 Monate beläuft sich derzeit auf 28,5 und ist somit von seinem im April 2000 verzeichneten Höchststand von 48,3 noch weit entfernt.“ Angesichts der hohen Qualität dieser Unternehmen steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Gewinntrend fortsetze. Die positiven Ausblicke von Unternehmenschefs etwa von Nvidia und Alphabet und die Stärkung des „Momentum-Faktors“ durch den Faktor Qualität unterscheiden die derzeitige Periode ebenfalls vom Jahr 1999.

Mythos: Unwirtschaftlichkeit

„Die meisten Technologiewerte wirtschaften mittlerweile rentabel. Paradebeispiel ist hier Nvidia. Der Umsatz des Unternehmens belief sich 2023 auf 61 Milliarden US-Dollar und ist damit doppelt so hoch wie 2022. Der Gewinn ist in nur einem Jahr um das Neunfache auf 12,3 Milliarden US-Dollar gestiegen. Anleger honorierten diese beeindruckenden Zahlen und trieben die Marktkapitalisierung von Nvidia auf 2 Billionen US-Dollar, dies entspricht einem Anstieg um fast 30% allein im Februar. Bei Microsoft und Alphabet sieht es ähnlich aus. Microsoft erzielt seit fünf Jahren eine konstante EBITDA-Marge von 50%. Das für die nächsten beiden Jahre prognostizierte Gewinnwachstum von rund 15% lässt das Kurs-Gewinn-Verhältnis von 35 annehmbarer erscheinen.“ Und letztendlich sorgten auch die starken Marktanteile momentan für hohe Markteintrittsbarrieren und ermöglichten Preiserhöhungen, von denen Wettbewerber nur träumen können – eine ideale Gleichung, da Preis und Volumen zumindest kurzfristig im Einklang stehen.

Mythos: Unbeliebtheit

Technologiewerte ziehen noch immer hohe Kapitalzuflüsse an. Einer neuen Umfrage von JP Morgan zufolge, die den Boom des Technologiesektors in den ersten beiden Monaten berücksichtigt, glauben 56% der Anleger, dass die „Glorreichen Sieben“ ihren guten Lauf 2024 fortsetzen werden.

Mythos: Kurssturz nach Zinserhöhung

„Unser Basisszenario geht nicht von einer Zinserhöhung aus, die einen deutlichen Kursrückgang der Technologiewerte auslösen würde. Zwar brachte eine Zinserhöhung die Dotcom-Blase in den 1990er-Jahren zum Platzen, heute rechnen die Märkte aufgrund der Stabilisierung des Wachstums und des Rückgangs der Inflation jedoch eher mit einer Zinssenkung im Jahresverlauf. Auch wenn das Wachstum die inflationären Kräfte wieder anheizen sollte, könnte die zeitverzögerte Reaktion der Inflation dazu führen, dass die Teuerung fast im gesamten Jahr 2024 gedämpft bleibt.“

Mythos: Umkehr des Gewinntrends steht bevor

„Wir gehen nicht von einer kurz- bis mittelfristigen Umkehrung des Gewinntrends aus – eine schnelle Trendumkehr ist nur schwer vorstellbar. So rechnen etwa im Halbleitersektor Unternehmen wie ASML aufgrund der Erneuerung der Infrastruktur für Chips der nächsten Generation in den nächsten zwei bis drei Jahren mit einem Gewinnwachstum um die 30%.“

Mythos: Rotation in Value-Sektoren

„Einen Mean-Reversion-Effekt bei Value-Aktien, ausgelöst durch Gewinnmitnahmen aufgrund hoher Bewertungen, halten wir für unwahrscheinlich. Voraussetzung hierfür wäre eine Beschleunigung des Wirtschaftswachstums durch einen Anstieg der Industrieproduktion. Angesichts fehlender fiskalischer Impulse ist eine derartige Konstellation ohne eine markante Erholung Chinas, das derzeit mit den Nachwehen seiner Immobilienkrise zu kämpfen hat, wenig wahrscheinlich.“

Fazit

„Die derzeitige Konstellation unterscheidet sich von der Situation des Jahres 1999, da die Bewertungsniveaus der Technologieunternehmen durch ihre soliden wirtschaftlichen Fundamentaldaten gerechtfertigt sind.“

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