Ein ruhiger August? Nicht für Anleger

  • Michel Dilmanian
  • Portfoliostratege
  • BlackRock Investment Institute

MÜNCHEN – Anleger, die auf eine Sommerflaute im August hoffen, könnten enttäuscht werden, ahnt Michel Dilmanian vom BlackRock Investment Institute. Einerseits weisen KI-Unternehmen starke Kursschwankungen an den Aktienmärkten auf, andererseits habe sich die Rolle von Staatsanleihen gewandelt: weniger Ballast, mehr Ertrag.

Die Steilstellung der Renditekurve zwischen zweijährigen und 30-jährigen US-Staatsanleihen nach der Sitzung der Federal Reserve in der vergangenen Woche spiegelt nach Ansicht von Michel Dilmanian, Portfoliostratege beim BlackRock Investment Institute, wachsende Inflationssorgen und Unsicherheit darüber wider, wie die Fed reagieren wird. „Wir sehen dies nicht als etwas Neues, sondern als Fortsetzung des allgemeinen makroökonomischen Umfelds, das wir seit mehreren Jahren beschreiben“, sagt er. Der schnellste Ausbau von KI-Investitionen in der Geschichte vollziehe sich in einer Welt, die von Versorgungsengpässen geprägt ist, in der Energieengpässe, angespannte Arbeitsmärkte und geopolitische Fragmentierung den Fokus von Effizienz auf Resilienz verlagern. Gleichzeitig würden Regierungen und Hyperscaler auf denselben Pool an Ersparnissen zurückgreifen, was den Wettbewerb um Kapital verschärfe.

„Diese Kräfte veranlassen Anleger dazu, höhere Renditen zu verlangen, um längerfristige Kredite zu vergeben, was die Realrenditen in den Industrieländern antreibt“, so Dilmanians Einschätzung. Diese allgemeine Neubewertung bilde die Grundlage für das aktuelle Investitionsumfeld.

Dabei habe die weltweite Neubewertung der langfristigen Anleiherenditen einen langen Weg zurückgelegt. Die Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen sei von weniger als 1 % vor sechs Jahren auf heute fast 5 % gestiegen. Die Renditen 10-jähriger deutscher Anleihen wiederum erreichten kürzlich ein 15-Jahres-Hoch, und die Renditen 10-jähriger japanischer Anleihen näherten sich zum ersten Mal seit Mitte der 1990er Jahre der 3-Prozent-Marke.

Eine sich beschleunigende Neubewertung

Die strukturellen Kräfte, die hinter den höheren Anleiherenditen stehen, haben sich seit mehreren Jahren aufgebaut, in diesem Jahr indes verstärkt. Zudem habe sich der ohnehin schon schnellste KI-Investitionsboom der Geschichte weiter beschleunigt: Insofern wurden die Konsensprognosen für die Investitionsausgaben der Hyperscaler im Jahr 2026 in den letzten sechs Monaten um etwa 30 % auf 720 Milliarden US-Dollar nach oben korrigiert. Andererseits hätten eine höhere Staatsverschuldung und anhaltende Haushaltsdefizite sowie eine Verlagerung der Investitionen aus dem Nahen Osten hin zu innenpolitischen Prioritäten das für Auslandsinvestitionen verfügbare Kapital verringert und den Wettbewerb um Kapital weiter verschärft. Last but not least habe die durch Knappheit getriebene Inflation – verstärkt durch den Energie- und Rohstoffschock im Nahen Osten – zu einer drastischen Neubewertung der Erwartungen an die Fed geführt: weg von einer lockeren Geldpolitik hin zu einer Straffung, was einen weltweiten Anstieg der Anleiherenditen ausgelöst habe. Und quasi als i-Tüpferl trieben neue Unsicherheiten hinsichtlich der Reaktionsfunktion der Fed unter ihrem neuen Vorsitzenden Kevin Warsh die Laufzeitprämie in die Höhe.

„Höhere Renditen haben sowohl die Rolle von Staatsanleihen in Portfolios als auch die Anlagemöglichkeiten für Investoren verändert“, resümiert Dilmanian. Insofern hätten Anleihen als Portfoliostabilisator an Wirksamkeit verloren.

Mehr als 80 % des globalen Anleiheuniversums würden mittlerweile Renditen von über 4 % aufweisen, gegenüber rund 20 % im Jahrzehnt vor der Pandemie. „Anstatt uns weiter am Ende der Zinskurve zu positionieren, bevorzugen wir den Aufbau nachhaltiger Erträge durch kurz- und mittelfristige US-Staatsanleihen, Schwellenländeranleihen in Landeswährung, Anleihen aus dem Euroraum mit kurzer Laufzeit, hypothekenbesicherte Wertpapiere von staatlichen Agenturen sowie ausgewählte öffentliche und private Anleihen mit robusten Cashflows“, folgert der Experte.

Gleichzeitig würden höhere Finanzierungskosten die Messlatte für Aktien höher legen. Wobei Unternehmen, die ihre Gewinne schneller steigern können als die Finanzierungskosten steigen, weiterhin eine Outperformance erzielen können. „Wir erwarten jedoch eine größere Streuung zwischen den einzelnen Unternehmen, was die Argumente für aktives Investieren stärkt“, erklärt der Stratege.

Fazit

Investitionen in KI, anhaltende Angebotsschocks und hohe Staatsverschuldung beschleunigen die Neubewertung der langfristigen Zinsen. Staatsanleihen bieten weniger Stabilisierung, dafür aber mehr Erträge, was die Chancen auf nachhaltige Erträge erweitert.

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