Ein langfristiger Ansatz zum Umgang mit geopolitischen Risiken

  • Joven Lee
  • Schroders

MÜNCHEN – Geopolitische Unsicherheiten stellen für Anleger eine enorme Herausforderung dar, wie etwa die jüngsten Entwicklungen im Nahen Osten. Joven Lee, Multi-Asset Strategist bei Schroders, hat analysiert, was die historische Marktentwicklung aussagen kann und wie dieses Risiko in Portfolios zu steuern ist.

„Viele Anleger haben angesichts bewaffneter Konflikte, strategischer Rivalitäten zwischen Großmächten, Sanktionsregimen und Handelsfragmentierung das Gefühl, dass geopolitische Risiken in den letzten Jahren zugenommen haben“, sagt Joven Lee, Multi-Asset Strategist bei Schroders. Dennoch sei geopolitisches Risiko von Natur aus schwer zu definieren und zu quantifizieren. Der Begriff umfasse eine breite Palette von Ereignissen – von militärischen Konfrontationen bis hin zu Veränderungen in der Handelspolitik. Häufig zitierte Messgrößen wie der Geopolitical Risk (GPR) Index stützen sich auf Medienberichterstattung, die selbst veränderte Berichterstattungspraktiken und narrative Vorurteile widerspiegeln kann.

Anstatt zu versuchen festzustellen, ob das geopolitische Risiko heute höher ist als früher, ist es konstruktiver zu untersuchen, wie solche Risiken auf Volkswirtschaften und Finanzmärkte übertragen werden und wie ihre Auswirkungen vom vorherrschenden makroökonomischen Hintergrund abhängen, rät Lee. Er ist sicher, dass die Wechselwirkung zwischen geopolitischen Ereignissen und bestehendem Wachstum, Inflation und politischen Bedingungen letztlich die Marktergebnisse prägt. Somit biete das Verständnis dieser Übertragungskanäle und ihrer Beziehung zum breiteren Makroumfeld eine nützlichere Grundlage für den Portfolioaufbau, als den nächsten geopolitischen Brennpunkt vorherzusagen.

Der Handel mit geopolitischen Risiken ist schwer (und gefährlich)

„Der Versuch, geopolitische Risiken direkt zu handeln, war in der Vergangenheit schwierig und in vielen Fällen kontraproduktiv“, erklärt der Analyst. Geopolitische Ereignisse würden selten präzise genug vorhergesehen, um rechtzeitige Portfolioanpassungen zu ermöglichen. Zumal Positionierungsentscheidungen, die als Reaktion auf sich entfaltende Ereignisse getroffen werden, oft erhebliche Zeitrisiken mit sich bringen, ohne die Ergebnisse zuverlässig zu verbessern.

Die Marktreaktionen auf geopolitische Ereignisse sind uneinheitlich

Die Marktreaktionen auf geopolitische Entwicklungen sind nach Lees Erfahrung äußerst uneinheitlich. Ähnliche Ereignisse könnten je nach dem breiteren makroökonomischen Hintergrund, den aktuellen Bewertungen und dem politischen Umfeld ganz unterschiedliche Ergebnisse haben. In einigen Fällen fallen Phasen erhöhter geopolitischer Spannungen mit starken Rückgängen der Risikovermögen zusammen; in anderen bleiben die Märkte widerstandsfähig oder erholen sich schnell. Diese Variabilität erschwert es, stabile, wiederholbare Handelsregeln rund um geopolitische Risiken zu etablieren.

Gibt es eine Übertragung in die Gesamtwirtschaft?

Ein Grund für die aufgezeigte Inkonsistenz sei, dass geopolitische Schocks über mehrere Kanäle übertragen werden. Dazu gehören Veränderungen der Risikobereitschaft, Störungen der Energie- und Rohstoffmärkte – die in den letzten Jahren zu einem viel beachteten Übertragungsmechanismus geworden sind – sowie Veränderungen der Inflationserwartungen. Er nennt ein Beispiel dafür, wie eng diese Faktoren miteinander verbunden sind: Störungen der Energiemärkte wirken sich manchmal auch auf die Inflationserwartungen aus. Darüber hinaus können Handelsbeschränkungen oder Zollpolitiken, obwohl sie nicht streng geopolitisch sind, die Inflationsprognose selbst ohne unmittelbare wirtschaftliche Störungen verändern. Geopolitische Entwicklungen können auch politische Reaktionen beeinflussen, fiskalische Entscheidungen prägen und die Reaktionsfunktion der Zentralbanken verändern, wodurch die Marktreaktion weiter verkompliziert wird.

„Entscheidend ist, dass erhöhtes geopolitisches Risiko nicht automatisch Marktrückgänge bedeutet“, grenzt Lee die Konsequenzen ein. Die Vergangenheit habe gezeigt, dass in Zeiten geopolitischer Belastungen die Volatilität zwar oft steigt, negative Renditen jedoch keineswegs garantiert sind. Dies zeige, wie schwierig es ist, Geopolitik als verlässliches Handelssignal zu nutzen, und unterstreicht die Argumente für die Bewältigung geopolitischer Risiken durch einen strategischen Portfolioaufbau anstatt kurzfristiger taktischer Positionierung. Es gilt, die Signale vom Marktlärm zu unterscheiden.

Ein Blick auf die Vergangenheit: Was passiert mit den Portfolios bei geopolitischen Spannungen?

Die historische Analyse geopolitischer Risiken stützt sich oft auf Rahmenwerke wie den Geopolitical Risk (GPR) Index, der die Intensität geopolitischer Spannungen durch nachrichtenbasierte Messgrößen erfasst. Während solche Rahmenwerke nützlich sind, um Phasen erhöhter geopolitischer Belastung zu identifizieren, sollten sie eher als Messinstrumente denn als Prognoseinstrumente betrachtet werden. Erhöhte geopolitische Risiken können helfen, Ereignisfenster für die Analyse zu definieren, erklären aber isoliert nicht die Marktergebnisse.

Aktien neigen zu erhöhter Volatilität, während die Richtung und Beständigkeit der Renditen stark vom vorherrschenden makroökonomischen und finanziellen Umfeld abhängen. Festverzinsliche, Rohstoffe und reale Vermögenswerte reagieren über verschiedene Kanäle und spiegeln oft wider, ob der Schock als wachstums-, inflations- oder politikgetrieben wahrgenommen wird. Daher ist es schwierig, den genauen Beitrag des geopolitischen Risikos zur Marktentwicklung zu isolieren, da geopolitische Ereignisse selten im luftleeren Raum stattfinden.

Die jüngere Geschichte zeigt diese Herausforderung deutlich. Der Russland-Ukraine-Krieg und der Israel-Hamas-Konflikt beinhalteten beide aktive militärische Konfrontationen, doch die Marktergebnisse unterschieden sich deutlich. Der Ausbruch des Russland-Ukraine-Kriegs im Jahr 2022 fiel mit einer raschen geldpolitischen Straffung zusammen, da die Zentralbanken – insbesondere die US-Notenbank – auf die stark steigende Inflation nach der Pandemie reagierten. Die finanziellen Bedingungen verschärften sich stark und die Aktienmärkte verzeichneten erhebliche Rückgänge. Im Gegensatz dazu fand der Israel-Hamas-Konflikt vor dem Hintergrund relativ günstiger finanzieller Bedingungen, verbesserter Inflationsdynamik und des frühen Aufkommens des Themas der Investition in künstlicher Intelligenz statt, die alle trotz erhöhter geopolitischer Spannungen die Performance von Risikoanlagen unterstützten.

Zusammengenommen heben diese Ereignisse ein durchgängiges Thema hervor: Geopolitisches Risiko kann ein Katalysator für Marktvolatilität sein, aber seine letztendliche Wirkung auf die Portfolios wird maßgeblich vom wirtschaftlichen, politischen und finanziellen Kontext geprägt. Dies unterstreicht die Schwierigkeit, einfache Schlussfolgerungen aus einzelnen Ereignissen zu ziehen, und die Bedeutung, geopolitische Risiken durch eine breitere Portfolioperspektive anzugehen.

Das Unüberschaubare und die Portfoliokonstruktion

Geopolitische Ereignisse sind ebenso wie Inflationsüberraschungen, Wachstumsverlangsamungen oder politische Veränderungen schwer zu timen, oft nichtlinear in ihren Auswirkungen und neigen dazu, abrupte Veränderungen im Marktverhalten auszulösen. Aus Perspektive der Portfoliokonstruktion werde Resilienz hier am besten durch Diversifizierung über wirtschaftliche Strukturen und Positionen hinweg erreicht, die unterschiedlich auf Wachstumsschwankungen, Inflations- und Risikoaversion reagieren.

„Anstatt sich auf ein einzelnes defensives Vermögen oder eine isolierte taktische Anpassung zu verlassen, profitieren Portfolios davon, mehrere Renditetreiber zu kombinieren, die unter unterschiedlichen makroökonomischen Bedingungen agieren“, betont der Experte. Auch wenn die Umsetzung variieren kann – von benchmarkorientierten Ansätzen bis hin zu denen, die sich auf Gesamtrenditen konzentrieren –, verfolgen sie alle ein gemeinsames Ziel: Schlüsselrisiken zu identifizieren und Positionen umzusetzen, die helfen, diese Risiken auf Portfolioebene zu diversifizieren und auszugleichen.

Wichtig sei auch, dass Diversifikation nicht ohne Kosten ist. Vermögenswerte, die während Stresszeiten Schutz bieten, können sich in günstigeren Marktumgebungen unterdurchschnittlich entwickeln, und ihr Beitrag zu den Portfolioergebnissen ist oft nur in Phasen erhöhter Volatilität erkennbar. Dieser Kompromiss ist der Kern der Diversifikation: Der Wert der Resilienz wird typischerweise genau dann offenbart, wenn er am dringendsten benötigt wird.

Fazit

„Geopolitisches Risiko ist ein dauerhaftes Merkmal moderner Märkte, aber es ist auch eines, das sich konsequent der Vorhersagen widersetzt“, beschreibt Lee das Dilemma. Dies mache deutlich, wie wichtig widerstandsfähige Portfolios sind, womit die Diversifizierung über wirtschaftliche Strukturen, Renditetreiber und Vermögensmerkmale hinweg die robusteste Reaktion auf geopolitische Risiken darstellt. Letztlich gehe es beim Management geopolitischer Risiken weniger darum, die nächste weltweite Krise vorherzusagen, sondern vielmehr darum, sicherzustellen, dass Portfolios darauf ausgelegt sind, sie zu überstehen. „In einer Welt, in der Unsicherheit die Norm ist, bleibt die Resilienz des Portfolios entscheidend!“

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