„Die Gewinnwachstumsraten sprechen für die Aktienanlage“
- Björn Jesch
- DWS
FRANKFURT – Können US-Aktien trotz der überzogenen Bewertungen weiter steigen? „Das hängt stark von der Entwicklung der glorreichen Sieben ab. Momentan gibt es kaum Anzeichen, dass ihr Siegeszug abrupt enden könnte“, sagt Björn Jesch, Global CIO der DWS, in seinem aktuellen Ausblick auf Märkte und volkswirtschaftliche Faktoren.
Ab hier folgt der Marktkommentar von Björn Jesch, Global Chief Investment Officer der DWS:
Wie zweigeteilt der US-Markt derzeit ist, habe sich auch wieder im zweiten Quartal gezeigt. Das Plus beim S&P 500 ging ausschließlich auf das Konto der glorreichen Sieben, die um 16,2 Prozent zulegten. Die restlichen 493 Aktien verloren in Summe sogar etwas an Wert – 0,5 Prozent.
Noch sei nicht klar, welche Art von Produktivitätsgewinnen die Künstliche Intelligenz (KI) bringen werde. Fakt sei aber, dass derzeit hunderte von Milliarden Dollar für KI und KI-bezogene Investitionen ausgegeben würden. „Das dürfte das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts und die Gewinne in die Höhe treiben. Damit wir auf unser hohes erwartetes einstelliges Renditepotenzial bei Aktien kommen, müssen wir in den USA allerdings weiterhin starke Gewinnsteigerungen im Technologie-Sektor sehen“, sagt Jesch. Eine Erhöhung der Bewertungsmultiplikatoren erwartet er angesichts der hohen Bewertungen und der hohen Gewinnmargen nicht. „Als Gegengewicht zu US-Tech-Werten setzen wir insbesondere auf europäische Aktien.“
Langfristig sind es vor allem zwei Punkte, die Jesch optimistisch auf die Aktienanlage blicken lassen. Erstens: Die letzten Quartale hätten gezeigt, dass die Gewinne weltweit wieder steigen, was eine rationale Unterstützung für steigende Aktienmärkte sei.
Zweitens: Die Gewinnwachstumsrate des S&P 500 habe die Steigerungsraten des US-Verbraucherpreisindex in den letzten drei Jahrzehnten um fast das Vierfache übertroffen. „Das untermauert die Annahme, dass Aktienportfolios dazu geeignet sind, die Inflation auszugleichen“, so Jesch.
Für Anleihen erwartet Jesch, dass sich die derzeit inverse Renditekurve – die Renditen kurzlaufender Anleihen sind höher als die von langlaufenden – im zweiten Halbjahr beginnen könnte zu normalisieren, dank der erwarteten Zinssenkungen. „Wir favorisieren deshalb Staatsanleihen mit Laufzeiten von zwei bis fünf Jahren“, so Jesch. Positiv gestimmt ist er zudem für Euro-Unternehmensanleihen guter Qualität.
Konjunktur:
USA dürften von migrationsbedingtem Bevölkerungswachstum profitieren.
Das migrationsbedingte Bevölkerungswachstum in den USA dürfte die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr stützen, zusammen mit den erwartet niedrigeren Zinsen.
In der Eurozone deutet sich nach einer überraschend positiven Entwicklung im ersten Quartal eine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums an.
In Asien bleibt Indien der Wachstumschampion, wenn auch die Dynamik etwas abnimmt, da die Fiskalausgaben nach den Wahlen reduziert wurden.
Inflation: Preisanstieg schwächt sich leicht ab
Die Politik der US-Notenbank scheint allmählich ihre beabsichtigte Wirkung zu entfalten. Die Nachfrage geht zurück und die Inflation hat sich erneut etwas abgeschwächt, von 2,7 im April auf 2,6 Prozent im Mai.
Ein ähnliches Bild zeigt sich in der Eurozone, in der sich der Preisanstieg ebenfalls leicht abschwächte. Die Inflationsrate lag im Juni bei 2,5 Prozent, nach 2,6 Prozent im Mai.
Notenbanken: Zinssenkungen dürften nur vorsichtig angegangen werden
Die US-Notenbank dürfte auf weitere Fortschritte beim Rückgang der Inflationsraten warten, bevor sie mit Zinssenkungen beginnt. Wir halten einen ersten Zinsschritt im Dezember für möglich.
Die Europäische Zentralbank dürfte das Thema weiterer Zinssenkungen vorsichtig angehen, da sich die Inflation im Dienstleistungsbereich als hartnäckig erweist. Die nächste Zinssenkung könnte im September kommen.
Risiken: US-Wahl wohl eher kurzfristig ein möglicher Belastungsfaktor
In den USA könnte die bevorstehende Wahl kurzfristig für Volatilität an den Märkten sorgen, wobei die wirtschaftlichen Implikationen mittel- bis längerfristig eher gering ausfallen dürften.
Für die Eurozone dürften die Hauptrisiken in einem späteren Aufschwung des privaten Konsums, einer schwächer als erwartet ausfallenden globalen Nachfrage und in den möglichen negativen Auswirkungen des Handelskrieges zwischen den USA und China liegen. Dazu kommen die anhaltenden geopolitischen Risiken.
