Deutschland vor der Trendwende
- Vincenzo Vedda
- DWS
FRANKFURT – „Das 34-Punkte-Reformprogramm der Bundesregierung könnte zum großen Wurf reifen, gerade weil es eine Vielzahl kleiner Baustellen adressiert“, sagt Vincenzo Vedda, Chief Investment Officer der DWS. Dabei dürfte sich Geduld für Anleger auszahlen.
Anfang Juli überrascht edie Regierungskoalition die Märkte mit der Ankündigung eines umfangreichen Reformpakets, „dessen Realisierungschancen wir für hoch erachten“, erklärt Vincenzo Vedda, Chief Investment Officer der DWS. Das Paket überzeuge indes weniger durch fiskalische Entlastungen der Bürger und Unternehmen als durch einen Maßnahmenmix gegen Bürokratie, Investitionsstau und angebotsseitige Hemmnisse. Insofern biete die Kombination mit den bereits angestoßenen Investitionsprogrammen und der konjunkturellen Erholung Anlegern sowohl am Aktienmarkt als auch im Infrastrukturbereich langfristige Chancen.
Ein überraschend breites Maßnahmenpaket mit langfristigem Potential für Anleger
Dem vorgelegten „beeindruckend breiten Reformpaket“ bescheinigt Vedda das Potential, die deutsche Wirtschaft wettbewerbsfähiger zu machen. „Zusammen mit anderen schon beschlossenen oder bereits umgesetzten Maßnahmen hat das Paket die Chance, ähnlich nachhaltig zu wirken wie die Agenda 2010“, betont er.
In einer ersten Reaktion auf das Maßnahmenpaket der Berliner Regierungskoalition ließen deutsche Aktien drei Tage in Folge ihre europäischen Konkurrenten hinter sich. Aber wie geht es weiter? „Wir rechnen damit, dass die Börse das Paket im Rahmen der gesetzgeberischen Fortschritte weiter honorieren dürfte“, ist der CIO zuversichtlich. Allerdings könnten Reformen ihren vollen Effekt auf Wirtschaft und Börse oft erst über Jahre gestreckt zeigen.
Ausblick auf die deutsche Wirtschaft
Die deutsche Wirtschaft befand sich, allen Unkenrufen zum Trotz, 2025 bereits auf gutem Wege, wie Vedda erinnert, sei aber von den Strafzöllen Donald Trumps und den Folgen des Irankriegs ausgebremst worden. Derzeit sieht er sie jedoch erneut auf Expansionskurs, was sich etwa auch in den starken Auftragseingängen der Industrie vom Mai zeigte: plus 1,9 Prozent gegenüber dem Vormonat, und selbst ohne Großaufträge noch 1 Prozent. „Die Kombination aus Strukturreformen und konjunktureller Aufhellung sollte ein positives Umfeld für den Kapitalmarkt darstellen“, fasst der Experte zusammen. Und dies umso mehr, in dem Anleger derzeit nach Alternativen zu den US- und asienlastigen, hochbewerteten KI-Sektoren suchen.
Das Paket im Kontext und im Detail
Nach Veddas Einschätzung leidet Deutschland seit Langem an drei grundsätzlich verschiedenen Problemen, die in der öffentlichen Debatte oft vermengt werden.
1. Strukturelle, angebotsseitige Probleme: zu hohe Steuer- und Abgabenlast, überbordende Bürokratie und rigide Vorschriften im Arbeitsrecht.
2. Jahrzehntelange Unterinvestitionen: Verteidigung, (Energie-)Infrastruktur und Wohnungsbau müssen notgedrungen in kurzer Zeit lange Perioden der Unterinvestitionen aufholen.
3. Externe, konjunkturelle Belastungen: hohe Energiepreise auch infolge zweier Kriege, schwache Nachfrage nach Industriegütern aufgrund der globalen Rezession im Verarbeitenden Gewerbe, US-Zölle oder der Wandel Chinas vom Kunden zum Konkurrenten.
Auch wenn in der öffentlichen Debatte oft die strukturellen Schwächen für alle Probleme verantwortlich gemacht wurden, sei die Unterscheidung wichtig, denn nun sei eine Entlastung von allen drei Seiten zu erwarten.
Globale Konjunktur wieder auf stabilem Aufwärtspfad
„Wir glauben, dass die Talsohle der globalen Industrierezession durchschritten ist“, sagt der DWS-CIO. Es gebe global einen großen Nachholbedarf an Investitionen, die Gegenwinde würden schwächer (US-Zölle) und die Folgen des Irankrieges deutlich geringer ausfallen, als zumeist befürchtet. Der Ölpreis sei wieder deutlich gesunken und in Deutschland würden die Auftragseingänge seit einigen Monaten kräftig zulegen. Von daher dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis sich dies auch in einer steigenden Industrieproduktion niederschlägt, sagt Vedda.
Infrastruktur: Lange vernachlässigt, jetzt priorisiert
Die schwachen staatlichen Investitionen in Verteidigung und Infrastruktur haben die Regierungsparteien bereits vor dem Antritt der neuen Regierung adressiert, wie Vedda weiter ausführt. So werden sich die deutschen Verteidigungsausgaben, die zum Großteil nicht mehr auf die Schuldenbremse angerechnet werden, bis zum Jahr 2028 gegenüber 2022 verdreifachen und die Bundesregierung hat mit dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität ein Investitionspaket im Gesamtvolumen von 500 Milliarden Euro (rund elf Prozent vom Bruttoinlandsprodukt) auf den Weg gebracht, das über die nächsten zehn Jahre investiert werden soll.
Endlich auch Reformen auf der Angebotsseite
„Das nun verabschiedete Reformpaket – wir rechnen in weiten Teilen mit der Gesetzesform bis Ende des Jahres – ist unseres Erachtens ähnlich weitreichend und potenziell wirtschaftsfördernd wie das letzte große Reformpaket, die 2003 eingeführte Agenda 2010“, resümiert der DWS-Manager. Zur Erinnerung: unter ihr mauserte sich Deutschland vom „kranken Mann Europas“ zu Europas Musterschüler.
