Der stille Boom bei Goldaktien

  • James Luke
  • Schroders

MÜNCHEN – „Goldminenunternehmen erzielen Rekordmargen und haben solide Bilanzen aufgebaut“, erklärt James Luke, Fondsmanager Rohstoffe bei Schroders. Gleichwohl werden sie weiterhin zu niedrigen Bewertungen gehandelt. Doch allmählich beginne der Markt, darauf aufmerksam zu werden.

Das Interesse an Goldaktien habe in letzter Zeit zugenommen, sie würden einen stillen Boom erleben, sagt James Luke, Fondsmanager Rohstoffe bei Schroders. Er sage „still“, weil er weder von Seiten der Anleger noch von Seiten der Produzenten selbst viel Aufsehen bemerke. So könne auch das jüngste Interesse kaum darüber hinwegtäuschen, dass Goldfonds in den letzten 18 Monaten Nettoabflüsse in Höhe von ca. 5 Milliarden US-Dollar verzeichneten.

Und so fragen sich Anleger, die nicht in diesem Bereich investiert sind, ob sie den Anschluss verpasst haben, oder ob die Aufwärtsbewegung bereits wieder vorbei ist. Dem hält Luke entgegen, dass Goldaktien in diesem Jahr zwar um deutlich mehr als 50 % gestiegen sind, aber dennoch aus mindestens drei Hauptperspektiven immer noch günstig erscheinen.

Perspektive 1: Die Wertentwicklung von Goldaktien ist nach wie vor stark von den rekordhohen Cashflow-Margen entkoppelt

Die Erfahrung zeige, dass Goldaktien in Zeiten steigender Cashflow-Margen in der Regel besser abschneiden als Gold selbst und in Zeiten sinkender Margen schlechter. Seit Ende 2023 sind die Cashflow-Margen der Produzenten auf ein noch nie da gewesenes Niveau gestiegen, da der Bullenmarkt für Gold an Fahrt gewonnen hat, berichtet Luke. Mit 2000 US-Dollar je Feinunze Gold liegen fast 100 % über dem bisherigen Höchststand, der im COVID-Sommer 2020 erreicht wurde. Der Grund für diesen Margenanstieg sei wiederum verblüffend einfach: „Gold wird zunehmend als reines monetäres Vermögen bewertet, als nicht-schuldenbasiertes Geld.“

Entsprechend sei das Potenzial für Goldaktien, Goldbarren zu übertreffen, nach wie vor beträchtlich. Konkret müssten Goldaktien um weitere 30 % zulegen, um wieder das Niveau zum Goldpreis von 2020 zu erreichen.

Im zweiten Quartal 2025 generierten die Goldproduzenten ca. 50 % mehr freien Cashflow als unmittelbar vor Beginn der Berichtssaison erwartet worden war. Bei den jüngsten Treffen auf der Denver Gold Show zeigte sich, dass die Managementteams weiterhin äußerst besonnen sind und weder Wachstum noch höheren hinterherjagen. „Realistische Prognosen, Managementdisziplin und ein starkes makroökonomisches Umfeld für Edelmetallpreise haben eine transformative Wirkung.“

Perspektive 2: Nicht gestreckte Bewertungen und solide Bilanzen

„Im Rahmen unseres Anlageprozesses betrachten wir eine Reihe von Bewertungs- und Renditekennzahlen“, sagt Luke. Entsprechend müssten viele Seiten gelesen werden, um jede einzelne im Detail zu prüfen. Gleichwohl würden die Bewertungen durchweg angemessen ausfallen, selbst wenn man eine zukünftige Goldpreiskurve zugrunde lege, die deutlich unter den aktuellen Spotpreisen liegt. Tatsächlich werden die steigenden Aktienkurse weitgehend durch steigende Gewinnerwartungen ausgeglichen, die auf einer starken Cashflow-Generierung basieren.

Insbesondere findet Luke Gefallen an der Widerstandsfähigkeit, die verbesserte Bilanzen mit sich bringen. Sie geben den Unternehmen Spielraum, um Dividenden und Rückkäufe zu steigern und die Verschuldung zu reduzieren, was sich in den jüngsten Finanzergebnissen deutlich gezeigt habe.

Perspektive 3: Keine Anzeichen von „Manie“ in der Branche – ganz im Gegenteil

Die kumulative Reaktion von Anlegern mit Positionen in passiven und aktiven Goldminenfonds sei bis vor Kurzem gewesen, „die Rally zu verkaufen“, so der Schroders-Manager. Der Verkaufsdruck sei sogar in Rekordvolumina aufgetreten, wobei erst in jüngster Zeit das Interesse zugenommen habe.

Seit Ende 2022 bis etwa zum zweiten Quartal dieses Jahres sei der Goldmarkt vor allem von den östlichen Zentralbanken und – in geringerem Maße – von östlichen Haushalten und Anlegern bestimmt worden. Den Mangel an westlicher Beteiligung führt Luke auch auf die langjährige Underperformance der Goldaktien zwischen 2005 und 2015 zurück. Inzwischen seien aber fiskalische und geopolitische Faktoren die Treiber des aktuellen Bullenmarktes.

Das langfristige Argument für Gold

„Der Übergang von Gold von einem „Nischen“-Anlageobjekt zu einer eigenständigen Anlageklasse ist noch relativ jung“, sagt Luke. Befeuert wurde dies durch langfristige fiskalische und geopolitische Trends, die bei Weitem noch nicht gelöst sind. Diese lassen sich am besten als fiskalische Fragilität und eine geopolitische neue Weltordnung zusammenfassen.

Fiskalische Fragilität: Nicht tragbare Schulden- und Defizitentwicklungen, die vor allem durch demografische Trends und politische Lähmung verursacht wird, bedeuten eine Schwächung der Unabhängigkeit der Zentralbanken, höhere Inflationsziele, eine weitere Monetarisierung der Schulden und ein zunehmend erschüttertes Vertrauen in die „Sicherheit“ langfristiger Staatsanleihen oder sogar in die Existenz „risikofreier“ Vermögenswerte überhaupt.

Geopolitische neue Weltordnung: Eine anhaltende Abkehr von der Pax-Americana-Unipolarität und der internationalen Ordnung nach dem Zweiten Weltkrieg hin zu einer multipolaren Realität, die sich im Wettbewerb zwischen den USA und China herauskristallisiert.

„Der Punkt ist, dass die monetäre Nachfrage nach Gold – ein kleiner Markt von 400 Milliarden US-Dollar – aus verschiedenen gigantischen Kapitalpools durch die entstandene Unsicherheit stimuliert wurde und auch weiterhin stimuliert wird“, sagt der Experte. Zu diesen Kapitalpools zählt er die Reserven der Zentralbanken der Schwellenländer, die Einlagen der privaten Haushalte (insbesondere in China und dem Nahen Osten), institutionelles Anlagekapital (Stiftungen, Pensionsfonds, Family Offices) sowie zunehmend das „Kryptoversum“. Von diesen habe bislang nur die Nachfrage der Zentralbanken wirklich geboomt, und selbst dort sei die Nachfrage noch lange nicht erschöpft.

Das Interesse der Anleger beginne indes erst jetzt richtig zuzunehmen.

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