Critical Minerals – und ihre weitreichenden Auswirkungen

  • Vincenzo Vedda
  • DWS

FRANKFURT – „Kritische Mineralien spielen eine immer wichtigere Rolle bei der Entwicklung von Elektromobilität, erneuerbaren Energien und Digitalisierung – und sind somit entscheidend für die Gestaltung zukünftiger Trends“, sagt Vincenzo Vedda, Chief Investment Officer der DWS. Er beschreibt weitreichende Folgen für Geopolitik, Industriepolitik und die langfristige Kapitalallokation.

„Critical Minerals stehen unter starkem Nachfragedruck, was sich zunehmend auch in geopolitischen Spannungen widerspiegelt. Ihr Bedeutungsgewinn – insbesondere bei den Seltenen Erden – geht dabei über eine klassische Rohstoffmarkt‑Dynamik hinaus und markiert einen strukturellen Wendepunkt. Sie sind zentrale Inputfaktoren für Elektrifizierung, Digitalisierung und sicherheitsrelevante Anwendungen.

Gleichzeitig ist die Substituierbarkeit begrenzt, während die Wertschöpfungsketten durch hohe technologische und regulatorische Eintrittsbarrieren gekennzeichnet sind. Vor diesem Hintergrund gewinnen Critical Minerals sowohl wirtschafts‑ als auch sicherheitspolitisch an strategischer Bedeutung.

Strategische Relevanz

Die Kombination aus hoher strategischer Relevanz und begrenzter Ersetzbarkeit führt zu einem breiten, strukturellen Nachfrageschub. Die Energiewende erhöht dauerhaft den Bedarf an Metallen für Elektromotoren, Windkraftanlagen und Stromnetze. Parallel verstärkt der Ausbau digitaler und KI‑basierter Infrastrukturen die Nachfrage nach Netzinfrastruktur und spezialisierten Vorprodukten.

Hinzu kommt eine sicherheitspolitische Komponente: Moderne Verteidigungs‑, Luft‑ und Raumfahrtsysteme sind auf Hochleistungsmagnete und weitere Komponenten angewiesen, die ebenfalls auf Seltenen Erden basieren. Diese drei Nachfragetreiber wirken weitgehend unabhängig voneinander, werden politisch unterstützt und sind langfristig angelegt – kurzfristige zyklische Schwankungen einzelner Endmärkte verändern die strukturelle Ausgangslage nicht.

Unelastisches Angebot

Während die Nachfrage robust ist, bleibt das Angebot unelastisch. Viele Seltene Erden und andere Critical Minerals sind geologisch begrenzt und erfordern eine komplexe, kapitalintensive und zugleich umweltbelastende Aufbereitung. Der zentrale Engpass liegt dabei weniger im Abbau als in den nachgelagerten Wertschöpfungsstufen, insbesondere bei Raffination, Separierung und der Herstellung permanenter Magnete. Diese Segmente haben sich über Jahrzehnte hinweg geografisch und technologisch konzentriert – eine Struktur, die selbst mit ambitionierten Investitionsprogrammen nur langsam aufzulösen sein dürfte.

Der Vorteil Chinas

Diese Konzentration verleiht Critical Minerals eine geopolitische Bedeutung, die weit über klassische Handelsabhängigkeiten hinausgeht. China kontrolliert nicht nur wesentliche Teile der Förderung, sondern vor allem die technologisch sensiblen und wertschöpfungsintensiven Stufen der Lieferketten. Bei schweren Seltenen Erden existieren außerhalb Chinas kaum industrielle Alternativen. Exportkontrollen, Lizenzregime und Technologieeinschränkungen haben Critical Minerals zu einem strategischen Machtinstrument gemacht. Für Europa und die USA ergibt sich daraus eine strukturelle Verwundbarkeit, die selbst durch industriepolitische Initiativen nur schrittweise reduziert werden kann.

Auswirkungen für die Kapitalmärkte

Für Kapitalmärkte entsteht daraus ein Spannungsverhältnis zwischen kurzfristigen Marktpreisen und langfristiger Versorgungssicherheit. Aktuell tiefe oder sehr volatile Preise spiegeln die strukturelle Knappheit nur unzureichend wider, während die für neue Projekte außerhalb bestehender Machtzentren notwendigen Incentivierungspreise deutlich höher liegen.

Für Anleger bedeutet dies, über die allgemeinen Rohstoffpreisentwicklungen hinauszuschauen und sich darauf zu konzentrieren, an welchen Stellen der Wertschöpfungskette es zu Engpässen und Preissetzungsmacht kommt. Unternehmen aus dem Bergbau und der Verarbeitung, die über einen gesicherten Zugang zu strategischen Ressourcen, technologische Kompetenz und verlässliche Geschäftspartner verfügen, könnten vor diesem Hintergrund relativ besser aufgestellt sein, um die langfristige Nachfrage zu bedienen – auch wenn der Weg dorthin von Schwankungen geprägt ist.

Critical Minerals – dauerhafte strukturelle Transformation

Insgesamt schlussfolgern wir, dass der Aufstieg der Critical Minerals kein Ausdruck eines neuen Rohstoff‑Superzyklus ist, sondern einer dauerhaften strukturellen Transformation. Er markiert den Übergang von einer traditionellen zu einer digitalen Wirtschaft sowie von einem Fokus auf globalisierte Effizienz hin zu einer Wirtschaftsordnung, in der Resilienz, Redundanz und strategische Kontrolle wieder zentrale Prinzipien werden – mit weitreichenden Folgen für Geopolitik, Industriepolitik und die langfristige Kapitalallokation.“

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