Comeback der Staatsanleihen

  • Mark Nash
  • Jupiter AM

MÜNCHEN – Staatsanleihen gewinnen dank eines höheren Nominalwachstums an Attraktivität, während Unternehmensanleihen Risiken zunehmend unterbewerten, betont Mark Nash von Jupiter AM. Er sieht den Markt „an der Schwelle zu einem tiefgreifenden makroökonomischen Regimewechsel“ und prognostiziert eine strukturelle Neuausrichtung.

„Die Phase nach der globalen Finanzkrise war geprägt von Globalisierung, schwachen Ausgaben, geringem Nominalwachstum und niedriger Inflation“, erinnert Mark Nash, Investmentmanager bei Jupiter Asset Management. Dank der Anleihekaufprogramme der Zentralbanken seien die Renditen niedrig geblieben und die zugrunde liegenden Haushaltsrisiken der Staaten wurden in diesem Umfeld effektiv kaschiert.

Der Inflationsschock nach der Covid-Pandemie legte diese Schwachstellen offen, ergänzt der Experte. Lieferkettenbrüche zeigten die Grenzen der Globalisierung auf, höhere Zinsen gepaart mit schwachem Wachstum schürten Bedenken hinsichtlich der Bonität von Staaten, Anleger forderten höhere Risikoaufschläge für Staatsanleihen.

Deglobalisierung als neues Paradigma

Zudem habe sich das makroökonomische Umfeld seitdem weiterentwickelt. Trumps „America first“-Politik und die durch seinen Handelskrieg verursachten Turbulenzen führten dazu, dass sich die Ausgaben breiter über die Volkswirtschaften verteilen. Zunehmende geopolitische Unsicherheiten und der technologische Wandel zwingen wiederum Regierungen zu höheren Investitionen, um ihre Souveränität zu sichern. „War Globalisierung nach der globalen Finanzkrise selbstverständlich, lautet das neue Stichwort jetzt Deglobalisierung“, konstatiert Nash.

Gleichzeitig dürfte die Kombination aus produktivitätssteigernden KI-Anwendungen und Vollbeschäftigung die Sorgen über alternde Gesellschaften und Arbeitskräftemangel mildern. Regierungen könnten von stärkerem Nominalwachstum und höheren Steuereinnahmen profitieren, was die Sorgen um die fiskalische Tragfähigkeit reduziert – und ein positives Umfeld für Staatsanleihen schaffen würde, so der Investmentmanager weiter.

Das globale Nominalwachstum dürfte dank geopolitischer Strukturveränderungen relativ robust bleiben, so seine Einschätzung. Da die Länder nach größerer strategischer Autonomie streben, sollten höhere Verteidigungsausgaben und Maßnahmen zur Lieferkettensicherheit auch die Wirtschaftstätigkeit ankurbeln – insbesondere außerhalb der USA.
Außerdem würden gesunde Arbeitsmärkte und eine Inflation oberhalb der Zentralbankziele das Nominalwachstum stützen. Diese Kombination aus solider Realwirtschaft und anhaltendem Preisdruck spreche für ein stabiles globales Wachstum, was einige Zentralbanken zu weiteren Zinsschritten veranlassen könnte, auch wenn der Straffungszyklus kurz ausfallen dürfte.

Höhere Realzinsen als Risiko für Unternehmen

„Unternehmensanleihen profitierten nach der globalen Finanzkrise stark von Niedrigzinsen und niedriger Inflation, während hohe Staatsverschuldungen die Attraktivität von Staatsanleihen schmälerten“, beschreibt Nash. Viele Unternehmen hätten genau dieses Umfeld genutzt, um ihren Verschuldungsgrad rasch abzubauen und ihre Bilanzen zu verbessern, was ihre Attraktivität bei Investoren steigerte. Auch das Ausbleiben einer Rezession lenkte Kapital in den Anleihemarkt.

Dieser relative Vorteil drohe sich nun umzukehren. Starkes Nominalwachstum sei zwar positiv für Unternehmen, doch höhere Realzinsen würden potenziell die Ausfallrisiken steigern. Zudem würden Unternehmensanleihen von einem teuren Bewertungsniveau starten, während die KI Unsicherheit darüber schaffe, welche Geschäftsmodelle tragfähig bleiben.

Kreditrisiken unterbewertet, Staatsrisiken überbewertet

Überdies würden Unternehmen – insbesondere aus dem Tech-Sektor – beginnen, wieder mehr Fremdkapital aufzunehmen. Demnach gehe es nicht darum, dass der Markt für Unternehmensanleihen vor einem starken Einbruch steht, sondern darum, dass er sich an ein Umfeld anpassen muss, in dem er nicht mehr der Hauptzielort für Kapitalströme ist.
Auch beim Verschuldungsgrad deute sich ein relativer Wandel an: Staaten könnten dank höherem Nominalwachstum besser dastehen, während einige Unternehmen – insbesondere große Technologiekonzerne, die umfangreiche Investitionen tätigen – ihre Verschuldung erhöhen und zusätzliches Anleiheangebot an den Markt bringen.

Relativer Wert

Bei dem Strukturwandel geht es also letztlich um relative Werte und Risiken. Staatsanleihen würden bereits höhere Renditen bieten, während staatliche Kreditrisiken mit steigendem Nominalwachstum sinken. Unternehmensanleihen stünden hingegen höheren Zinsen, Ausfallrisiken und Unsicherheiten durch technologische Disruption gegenüber. Nach einer langen Phase, in der Anleger Unternehmensanleihen bevorzugten, dürfte das Kapital nun vermehrt in Staatsanleihen zurückfließen. Der Grund dafür: „Anleger messen den Renditen und der Duration von Staatsanleihen wieder mehr Bedeutung bei.“

Staatliche Emittenten böten zudem eine fundamentale Sicherheit, die einzelnen Unternehmen fehlt. Regierungen werde es in einigen Jahren garantiert noch geben – welche Unternehmen den technologischen Wandel überleben, sei jedoch weniger klar, so das Kalkül.

„Insgesamt weicht unsere strukturelle Sicht auf die Anleihemärkte deutlich vom Konsens ab, wird aber durch die Preisentwicklung anderer Anlageklassen gestützt“, resümiert Nash. Die Korrekturen bei Gold und Bitcoin sowie unaufgeregte langfristige Inflationserwartungen würden die Einschätzung stützen – und gegen den sogenannten Debasement-Trade sprechen. Zumal auch steigende Realzinsen am kurzen Ende das Vertrauen in ein anziehendes Nominalwachstum unterstreichen würden. „Während Aktien- und Anleihemärkte bereits voll eingepreist oder überbewertet sind, bietet das sich abzeichnende Szenario Chance für eine Diversifikation in Staatsanleihen“, schließt der Experte.

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