Chinas vorsichtiger Aufschwung

  • Dr. Mirko Wormuth
  • DJE

FRANKFURT – Chinas Aktienmarkt verzeichnete jüngst einen deutlichen Aufschwung. DJE-Portfoliomanager Dr. Mirko Wormuth geht nun der Frage nach, was die Gründe dafür sind, wie die ersten Maßnahmen am angeschlagenen Immobilienmarkt greifen und welche Rolle der Trend zu mehr Reisen, Sport und Outdoor spielt.

Ab hier folgt die Marktanalyse von Dr. Mirko Wormuth, Aktienanalyst im Bereich Research & Portfoliomanagement und Co-Fondsmanager des DJE – Asien:

„Der chinesische Aktienmarkt konnte jüngst die stärkste monatliche Überperformance seit Ende 2022 verzeichnen, vor allem im Vergleich zu anderen Märkten in Asien und den Schwellenländern. So übertraf der MSCI China Index im April den MSCI Emerging Markets und den MSCI AC Asia ex-Japan um jeweils 6,2 Prozent und 5,3 Prozent. Auch der Shanghai Composite Index stieg und notiert jetzt fast 19 Prozent über seinem Tiefststand vom 5. Februar. Gleichzeitig setzte der Hongkonger Markt seine beeindruckende Serie fort mit einem Zuwachs von 16 Prozent.*  

Was ist für den jüngsten Aufschwung in China verantwortlich?

Die Gründe lassen sich einerseits in den niedrigen Bewertungen (nach langer Durststrecke) verorten, anderseits auch im Politischen. Fangen wir mit den politischen Entwicklungen an.

Das Politbüro hat getagt

Im April fand ein wichtiges Meeting des Politbüros statt, das neue Hoffnungen auf ein Umschwenken weckte, vor allem bezogen auf den kritischen Wohnimmobilienmarkt in China. Es wurde verkündet, dass es unabdingbar sei, „mit Maßnahmen darauf abzuzielen, den Wohnungsbestand zu reduzieren und die Qualität neuer Wohnungen koordiniert zu verbessern“. Viel wichtiger aber noch: Die Regierung gab bekannt, dass das lange aufgeschobene Dritte Plenum des 20. Zentralkomitees der Kommunistischen Partei (KP) nun endlich im Juli stattfinden wird.  

Das „Dritte Plenum“ kommt im Juli

Alle fünf Jahre hält die KP einen Nationalkongress ab, um unter anderem ein neues Zentralkomitee zu bilden, das als höchste Autorität der Partei dient, wenn der Kongress nicht tagt. Während seiner fünfjährigen Amtszeit trifft sich das Zentralkomitee in sieben Plenen, von denen vor allem das Dritte Plenum erhebliche Aufmerksamkeit auf sich zieht, da es oft entscheidende Änderungen der Wirtschaftspolitik einführt.

Eines der wichtigsten in Chinas jüngster Geschichte war das Dritte Plenum im Dezember 1978, als unter Deng Xiaoping eine entscheidende Ära der Reformen und wirtschaftlichen Transformation in China eingeläutet wurde. Diese Sitzung markierte den Beginn einer neuen politischen Richtung, die es ausländischen Unternehmen ermöglichte, überhaupt erst in China zu investieren, und legte den Grundstein für Chinas Aufstieg zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt.  

Nach dem Dritten Plenum im Jahr 2013 – dem ersten unter Xi Jinpings Führung – stieg der CSI 300 Index, der die Kursentwicklung an den beiden größten Börsen Festland-Chinas, Schanghai und Shenzhen, abbildet, innerhalb von 18 Monaten um mehr als 120 Prozent. Nach dem Dritten Plenum im Februar 2018 war die Wirkung nicht ganz so stark, aber der CSI 300 stieg dennoch um mehr als 50 Prozent in den darauffolgenden drei Jahren.

Bewegung auf dem Immobilienmarkt

Was tut sich am chinesischen Immobilienmarkt, der in den letzten Monaten stark unter Druck stand? Zunächst blieb er auch im April auf einem sehr niedrigen Niveau: Die 100 führenden Immobilienunternehmen Chinas erzielten einen Umsatz von lediglich 312 Milliarden Renminbi (RMB). Dass ist ein Rückgang um 45 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat – und auch 13 Prozent gegenüber dem Vormonat. Gleichzeitig haben bereits 35 chinesische Städte ihre Einschränkungen bezüglich des Immobilienerwerbs gelockert, während weitere 24 Städte diese vollständig gestrichen haben. Denn die derzeit wichtigste Maßnahme zur Lösung sind die sogenannten „White-Lists“. Hier werden über die staatlichen Banken liquide Mittel unter bestimmten Bedingungen an Immobilienentwickler zur Verfügung gestellt, um gezielt unvollendete, aber bereits von Endkunden bezahlte Wohnungsbauprojekte zu Ende zu bringen. Diese unvollendeten Projekte hatten das Vertrauen der Käufer schwer beeinträchtigt. Nach Angaben des Ministeriums für Wohnungswesen und Stadt-Land-Entwicklung wurden bis Ende März bereits fast 2000 Projekte in die Liste aufgenommen. Diese Projekte erhielten Kreditzusagen der Banken in einer Gesamthöhe von 469 Milliarden RMB. Das entspricht rund 65 Milliarden US-Dollar.  

Der Bereich ist deshalb so relevant, weil Immobilien zwischen 50 und 70 Prozent des Nettovermögens von chinesischen Haushalten darstellen und sie somit eine zentrale Größe für die Konsumneigung der Verbraucher sind. Trotz einer Sparquote, die mittlerweile 115 Prozent des BIP erreicht, zeigen sich die Haushalte bei Ausgaben weiterhin zurückhaltend. Das Wachstum des realen Einzelhandelsumsatzes in China fällt nach der Pandemie weiter deutlich moderater aus als in den 15 Jahren vor der Krise.  

Die neue „Neun-Punkte-Richtlinie“ des Staatsrats

Es liegt folglich im Interesse des Staates, die Ausgabebereitschaft der Verbraucher anzukurbeln und das früher traditionell in Immobilien investierte Geld dem Kapitalmarkt zugänglich zu machen. In der jüngsten Veröffentlichung des Staatsrats Mitte April wurden weitreichende Reformpläne für den Aktienmarkt dargelegt, die im Rahmen einer Neun-Punkte-Richtlinie eine Reihe von Maßnahmen vorsehen. Zu diesen zählen die Förderung höherer Dividendenausschüttungen, der Ausbau des Anlegerschutzes, strengere Überprüfungsmechanismen bei Börsengängen sowie die Überarbeitung der Delisting-Standards. Diese Maßnahmen müssen jetzt vom neuen Chef der Regulierungsbehörde umgesetzt werden.  

Total Shareholder Return Policy in China

Die ersten Schritte sind ermutigend. Beispielsweise haben Unternehmen des chinesischen A-Aktienmarktes, an dem Aktien nur in RMB gehandelt werden können, in den ersten vier Monaten dieses Jahres Aktien im Wert von 73,2 Milliarden RMB zurückgekauft. Das ist ein deutlicher Anstieg gegenüber den 21,4 Milliarden RMB im Vergleichszeitraum des Vorjahres 2023. An der Börse Hongkong wurden im ersten Quartal bereits Rückkäufe im Wert von mehr als 10 Milliarden US-Dollar (für B-Aktien) bekannt gegeben. Um die Dimensionen zu verdeutlichen: Das gesamte Bargeldvolumen der Unternehmen im MSCI China entspricht rund der Hälfte der Marktkapitalisierung des MSCI Asien ex-Japan Index bzw. 12 Prozent des MSCI AC World (exkl. Finanzwerte).

Tencent und Alibaba

Schauen wir auf zwei bekannte Unternehmen: Die Handelsplattform Alibaba hat nach eigenen Angaben die Geschwindigkeit der Aktienrückkäufe deutlich erhöht. Zwischen Januar und März 2024 erwarb das Unternehmen 524 Millionen Aktien im Wert von 4,8 Milliarden US-Dollar. Dies stellt eine signifikante Steigerung gegenüber dem Durchschnitt der letzten drei Quartale von 2,6 Milliarden US-Dollar dar. Durch die Rückkäufe reduzierte sich die Gesamtzahl der Aktien um rund 5 Prozent. Wenn man die Rückkäufe der letzten zwölf Monate sowie die Dividenden berücksichtigt, ergibt sich eine Rendite von 8 Prozent.  

Zudem hat der Internet-Konzern Tencent seine Dividende auf 3,40 Hongkong-Dollar (HKD) erhöht (2,40 HKD im Jahr 2022) und beabsichtigt, im Jahr 2024 Aktien im Wert von mindestens 100 Milliarden HKD zurückzukaufen (49 Milliarden HKD im Jahr 2023). Das ergibt eine Rendite von fünf Prozent.

Chinas Marktbewertung

Trotz der jüngsten Marktrallye wird der MSCI China aktuell immer noch 54% unter seinem Höchststand von Februar 2021 gehandelt und ist mit dem 1,2-fachen des Buchwerts bewertet – der lag im Oktober 2007 schon mal bei 5,3. Das geschätzte Kurs-Gewinn-Verhältnis des MSCI China notiert aktuell bei 9,9x, was einen 20-prozentigen Discount im Vergleich zum MSCI Emerging Markets bedeutet. Diese Bewertung bewegt sich am unteren Ende des Spektrums, das seit dem Jahr 2017 beobachtet wurde. Da ist also weiterhin ordentlich Luft nach oben. Vergessen darf man dennoch nicht, dass das aktuelle makroökonomische Umfeld wesentlich deflationärer ist als in den meisten vorangegangenen Perioden.  

Trend zu mehr Reisen, Sport und Outdoor

Geben die chinesischen Verbraucher denn gar kein Geld mehr aus? Doch! Das Thema Reisen, Sport und Entertainment hat nach dem Ende der Pandemie einen anhaltenden Aufschwung bewirkt. Besonders Radfahren, Wandern und Camping sind zu Spitzenreitern avanciert. Laut Daten von Xiaohongshu, einer führenden sozialen Medienplattform, verzeichneten die Beiträge zu Radfahren und Wandern zwischen Januar und Oktober des vergangenen Jahres einen Anstieg um das Vier- bzw. Dreifache. Im März 2024 zeigte sich ein überdurchschnittliches Wachstum bei den Einzelhandelsumsätzen für Sport- und Freizeitartikel, die um 19 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen sind, verglichen mit einem moderaten Anstieg von 3,1 Prozent bei den gesamten Einzelhandelsumsätzen. Sportartikelhersteller waren ein klarer Profiteur dieses Trends.

Sogar stärker noch hat die Sehnsucht nach Reisen zugenommen. An den jüngsten chinesischen Feiertagen wie Chinese New Year oder kürzlich der sogenannten Golden Week zum 1. Mai wurden bereits wieder die Reisezahlen aus dem Jahr 2019 übertroffen. Das Segment der internationalen Reise hinkt dabei noch etwas hinterher, da noch nicht alle Flugverbindungen wieder eingerichtet sind. Doch auch das wird nur eine Frage der Zeit sein. Ein großer chinesischer Online-Reiseanbieter ist hier am besten positioniert, um von diesen Entwicklungen zu profitieren. Interessant ist das Unternehmen auch deshalb, weil es mit seiner vor allem in Südostasien immer populärer werdenden App das andere große Investoren-Thema in China bespielen kann: Going global.

Kurzum, der chinesische Verbraucher ist quicklebendig. Er gibt das Geld nur an anderen Stellen und generell vielleicht besonnener als früher aus. Jetzt ist es die Aufgabe der Investoren herauszufinden, was genau diese Trends sind und dort zu investieren.“

*Quelle: Bloomberg. Alle Index-Angaben auf Basis lokaler Währung. Stand: 30.04.2024.

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