„China: ein System in der Krise“

  • Prof. Dr. Jan Viebig
  • ODDO BHF SE

FRANKFURT – In seinem aktuellen CIO View blickt Prof. Dr. Jan Viebig von ODDO BHF SE auf die Ursachen für den dramatischen Rückgang des Hang Seng China Enterprise Index (HSCEI) von über 12.000 Punkten im Februar 2021 auf nunmehr 5000 Punkte. Und er nennt Gründe, weshalb der chinesische Aktienmarkt derzeit mit Skepsis zu betrachten ist.

Ab hier folgt die Marktanalyse von Prof. Dr. Jan Viebig, Chief Investment Officer der ODDO BHF SE:

„In China werden missliebige Daten und politische Opponenten zunehmend vom öffentlichen Diskurs ausgeschlossen. Als Präsident Xi Jinping bei der Abschlusszeremonie des 20. Parteikongresses der KP im Oktober 2022 seinen Vorgänger im Amt, Hu Jintao, aus dem Saal führen ließ, hat er ein deutliches Zeichen gesetzt: Widerspruch ist unerwünscht. Die Zeit, in der sich China dem Westen langsam zu öffnen schien, ist vorbei.

Daraus folgt: Statistische Daten in China sind nicht vertrauenswürdig für Ökonomen, die Rückschlüsse auf die volkswirtschaftliche Entwicklung ziehen möchten, und für Investoren, die in China ihr Vermögen anlegen wollen.

Krise am Immobilienmarkt

Infolge der Krise am Immobilienmarkt ist die Bautätigkeit in China gegenüber dem Höchststand im Jahr 2020 jüngst massiv eingebrochen. Investoren sorgen sich, dass sich die Schieflage im Immobiliensektor auf andere Sektoren – insbesondere den Bankensektor, der großzügig Kredite verteilt hat – auswirken könnte.

Neben der Immobilienkrise tragen staatliche Eingriffe in das Wirtschaftsleben zur Verunsicherung von Verbrauchern und Investoren bei. Unter der Regierung Xi Jinping hat sich das Wirtschaftsleben zunehmend politischen Zielen unterzuordnen.

Effizienzprobleme bei Unternehmen

Die chinesischen Unternehmen sind traditionell von Effizienzproblemen geplagt, gerade auch die Staatsunternehmen. Die Kapitalrentabilität ist schwach. Die forcierte Unterordnung der privaten Wirtschaft unter staatliche Ziele ist Gift für den Unternehmenssektor und untergräbt das Vertrauen der Anleger.

In China liegen die Eigenkapitalrenditen des HSCEI bei rund 10 Prozent und damit ungefähr auf der Höhe der Eigenkapitalkosten. Die Folge: Trotz des kräftigen volkswirtschaftlichen Wachstums der Vergangenheit haben chinesische Unternehmen wenig Wert für Anleger geschaffen, da ihre Kapitaleffizienz zu niedrig war.

Chinesische Aktien niedrig bewertet

Chinesische Aktien handeln derzeit – gemessen am HSCEI – ungefähr zum 7-fachen der Gewinne. Sie sind damit auf Basis des Kurs-Gewinn-Verhältnisses niedrig bewertet. Die Regierung bereitet in diesen Tagen ein Maßnahmenpaket zur Stabilisierung des chinesischen Aktienmarktes vor. Neben dem Verbot von Leerverkäufen sollen über staatliche Pensionsfonds und Staatsunternehmen erhebliche Mittel – die Rede ist von 278 Milliarden US-Dollar – mobilisiert werden, um chinesische Aktien zu kaufen. Zusätzlich sollen wohl 43 Milliarden US-Dollar über staatseigene Investmentfirmen in den Markt geschleust werden.

Als ODDO BHF TRUST bleiben wir unserem Qualitätsansatz folgend skeptisch. Aber ganz werden wir uns vom chinesischen Aktienmarkt sicherlich nicht abwenden. Wenn die chinesische Regierung irgendwann beschließt, die Wirtschaft wieder stärker zu öffnen und Unternehmen weniger mit politischen Zielvorgaben zu gängeln, ergeben sich Chancen. Davon ist derzeit leider (noch) nichts zu spüren.“

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