Boom bei Ethereum – Unternehmen greifen zu
- Jens Klatt
- XTB
MÜNCHEN – Das Krypto-Asset Ethereum hat im vergangenen Monat eine beeindruckende Rally hingelegt, die den Kurs auf über 3000 Euro trieb. Jens Klatt, Analyst beim Online-Broker XTB, hat festgestellt, dass nicht nur Privatinvestoren und Staaten auf den Geschmack gekommen sind, sondern zunehmend auch Unternehmen. Ein Trend mit Zukunftspotenzial.
„In den letzten Jahren hat sich die Integration von Kryptowährungen in Unternehmensbilanzen als strategischer Schachzug etabliert“, sagt Jens Klatt, Analyst beim Online-Broker XTB. Den Anfang machte Bitcoin, so seine Beobachtung. Und während Bitcoin sich längst als digitales Gold etabliert habe, gewinne nun auch Ethereum (ETH) zunehmend an Bedeutung als Treasury-Asset. Eine Entwicklung, die digitale Assets seiner Einschätzung nach für institutionelle Investoren attraktiver macht. Gleichzeitig dürfte dies allerdings dem Krypto-Markt auch einen weiteren Boost verschaffen. Doch warum wird gerade jetzt Ethereum zu einem beliebten Unternehmens-Investment?
Passive Erträge durch Staking machen Ethereum attraktiv
Ethereum unterscheide sich in mehrfacher Hinsicht grundlegend von Bitcoin, wie der Experte erklärt. So biete Ethereum seit dem Übergang zu Proof-of-Stake im September 2022 nicht nur die Funktion eines digitalen Assets, sondern ermögliche es Unternehmen auch, durch das sogenannte Staking, also die Möglichkeiten der Blockchain aktiv zu nutzen, laufende Erträge zu erzielen. „Diese Fähigkeit macht Ethereum besonders attraktiv für Unternehmen, die ihre Reserven nicht nur absichern, sondern zugleich ertragsbringend einsetzen möchten“, sagt Klatt. Damit biete Ethereum im aktuellen Umfeld, in dem klassische Anlageformen wie Staatsanleihen durch Inflation und Zinspolitik an Attraktivität verlieren, eine renditestarke Alternative.
Als „besonders prominentes Beispiel für diese Entwicklung“ führt der Experte SharpLink Gaming (SBET) an. Das an der Nasdaq gelistete Unternehmen kündigte im Mai 2025 an, eines der größten bekannten Ethereum-Treasuries im Umfang von 425 Millionen US-Dollar aufzubauen. Die Umsetzung verantwortet Consensys, eines der führenden Blockchain-Unternehmen unter Leitung von Ethereum-Mitgründer Joseph Lubin, der zeitgleich zum Vorsitzenden von SharpLink ernannt wurde. Bis Juli 2025 hielt das Unternehmen 360.807 ETH im Gegenwert von rund 1,3 Milliarden US-Dollar, wobei nahezu der gesamte ETH-Bestand von SharpLink gestaked wird.
Im Durchschnitt erhalten Unternehmen, abhängig von der Netzwerkaktivität, rund drei bis fünf Prozent an Staking-Dividende, wie Klatt präzisiert. Konkret heißt das: Seit Juni 2025 generierte SharpLink rund 567 ETH an Staking-Belohnungen, derzeit monatlich ein siebenstelliger Betrag in US-Dollar. Den Anlegern scheint das zu gefallen: Die Aktie (SBET) stieg in sechs Monaten um über 350 %.
Erlöse aus Börsengängen für Krypto-Käufe geplant
Ein weiteres Beispiel ist The Ether Machine, ein Unternehmen, das ebenfalls auf Ethereum als strategisches Asset setzt. Das Unternehmen plant darüber hinaus eine Nasdaq-Notierung mit einer Treasury von rund 400.000 ETH, was derzeit einen Gegenwert von rund 1,5 Milliarden US-Dollar bedeutet. Die Erlöse aus dem Börsengang sollen in weitere Akquisitionen fließen.
Die Beispiele zeigen, dass verschiedene Unternehmen Ethereum nicht mehr nur als Spekulationsobjekt, sondern als ernsthaften Baustein institutioneller Finanzstrategien betrachten. Nach Klatts Berechnungen halten Unternehmen wie SharpLink, BitMine Immersion Technologies und andere börsennotierte Firmen mittlerweile über 500.000 ETH, was seiner Ansicht nach verdeutlicht, wie schnell sich Ethereum als Treasury-Asset institutionalisiert.
Weitere Vorteile von Ethereum-Assets
Ein weiterer Punkt, in dem sich Ethereum neben den laufenden Erträgen durch Staking von anderen digitalen Assets abhebt, ist vor allem die technologische Relevanz. „Als führende Plattform für Smart Contracts, dezentrale Finanzanwendungen und Blockchain-Infrastrukturen ermöglicht Ethereum Unternehmen, sich nicht nur finanziell, sondern auch operativ im Blockchain-Sektor zu positionieren“, beschreibt der Experte. So plane SharpLink beispielsweise, sein Engagement im Ethereum-Ökosystem zu vertiefen, etwa durch die Nutzung dezentraler Finanzinstrumente oder Gaming-Anwendungen auf Ethereum-Basis.
Auch auf regulatorischer Ebene hat sich die Lage zuletzt deutlich gebessert. Mit dem im Juli 2025 verabschiedeten „GENIUS Act“ haben die USA die steuerliche Behandlung von Staking-Erträgen als aufgeschobenes Einkommen rechtlich klargestellt, erklärt Klatt. Das schaffe Planungssicherheit für Unternehmen und reduziere rechtliche Risiken, die lange Zeit als Hemmnis für ein Engagement im Kryptosektor galten. In Kombination mit den positiven Impulsen durch ETF-Zuflüsse und der gestiegenen Marktakzeptanz ergebe sich ein zunehmend stabiles Umfeld für Unternehmen, die ETH in ihre Bilanz integrieren möchten.
Volatilität am Krypto-Markt als Risikofaktor
Doch trotz aller Vorteile ist der Einsatz von Ethereum als Treasury-Asset nicht frei von Risiken. Insbesondere die hohe Volatilität des ETH-Kurses könne zu erheblichen Bilanzschwankungen führen. Als SharpLink bekannt gab, durch eine Kapitalerhöhung bis zu sechs Milliarden US-Dollar zur weiteren ETH-Akquisition aufzunehmen, reagierte der Markt empfindlich: Die Aktie verlor zeitweise rund 20 Prozent, wie der Experte erinnert. Auch technische Risiken wie mögliche Angriffe auf Staking-Infrastrukturen oder langfristige regulatorische Eingriffe stellen potenzielle Gefahren dar. Darüber hinaus besteht eine hohe Abhängigkeit von der Kursentwicklung. SharpLink kaufte ETH zu einem durchschnittlichen Preis von 3238 US-Dollar. Sollte der Kurs deutlich unter diese Marke fallen, drohen signifikante Bewertungsverluste.
Digitale Assets als Ergänzung der Unternehmens-Anlagen
Ethereum-Treasuries markieren nach Ansicht des Krypto-Experten einen Paradigmenwechsel in der Unternehmensfinanzierung. Während Bitcoin sich als digitales Gold etabliert habe, entwickle sich Ethereum zu einem Kapitalinstrument, das durch passive Erträge und ein ausgereiftes Krypto-Ökosystem überzeugt. Dabei würden Unternehmen wie SharpLink und The Ether Machine zeigen, wie sich neue Finanzmodelle daraus entwickeln lassen. Sollte der Trend anhalten – und vieles spricht dafür – könnte Ethereum sich schon bald in deutlich mehr Unternehmensbilanzen wiederfinden. Nicht als Ersatz für klassische Assets, sondern als strategische Ergänzung in einer zunehmend digitalen Finanzwelt.
