Ausblick zur Jahresmitte: Mehr Chancen bei Aktien

  • Marc Pinto
  • Janus Henderson Investors

FRANKFURT – „Wir sind von den Perspektiven für Aktien weiterhin überzeugt“, sagt Marc Pinto von Janus Henderson Investors. „Unserer Ansicht nach ist das Potenzial in verschiedenen Marktbereichen noch überzeugender geworden.“ Einen besonderen Fokus verdienen Mega-Cap-Tech-Unternehmen ebenso wie Gesundheitstitel.

Ab hier folgt der Marktkommentar von Marc Pinto, Head of Americas Equities, und Lucas Klein, Head of EMEA and Asia Pacific Equities, Janus Henderson Investors:

„In Erwartung einer abkühlenden Inflation und eines verlangsamten Arbeitsmarktes rechneten die Märkte Ende letzten Jahres bis Mitte 2024 mit mehreren Zinssenkungen. Wir waren eher skeptisch und gingen davon aus, dass eine „harte Landung“ oder eine Rezession nicht das Basisszenario für die Wirtschaft sei und dass stabile US-Verbraucher und Gewinnwachstum den Aktienmarkt stützen könnten.

Die Märkte haben unsere Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern sogar übertroffen – so sehr, dass sich viele nun fragen, wie es mit dem Aktienmarkt weitergehen soll. Einige Entwicklungen liegen weit außerhalb ihres typischen Verlaufs. Außerdem sind wir uns darüber im Klaren, dass die hohen Zinssätze und die inverse Renditekurve der US-Staatsanleihen – ein historisch zuverlässiger Indikator für eine Rezession in den USA – anhalten und das Risiko einer Konjunkturabschwächung bestehen bleibt. Im Großen und Ganzen hat sich unser Ausblick für den europäischen sowie den US-Aktienmarkt 2024 jedoch nicht wesentlich geändert. Trotz des möglichen langsameren Wachstums sind wir von vielen langfristigen Trends, überzeugt und glauben, dass die Chancen für Aktienanleger, die sich auf Fundamentaldaten konzentrieren, eher noch steigen.

KI wird zunehmen und stärker werden

Wie schon 2023 ist künstliche Intelligenz (KI) auch dieses Jahr eines der wichtigsten Marktthemen. Allerdings hat die Branche begonnen, sich weiterzuentwickeln. Nur fünf der „Magnificent 7“ Mega-Cap-Tech-Unternehmen, die im letzten Jahr einen Höhenflug erlebten, haben auch 2024 weiter zugelegt. Unterdessen bekommen andere Aktien allmählich so etwas wie einen KI-Rückenwind zu spüren.

So haben sich seit Oktober 2023 die Versorger stark erholt: Der S&P 500® Utilities Sector legte um 29,5 % zu und übertraf damit den breiteren S&P 500® Index. Ein Aufschwung und die Aussicht auf sinkende Zinsen dürften einen Teil der Gewinne erklären (Versorger lagen 2023 so weit hinter dem Markt zurück wie seit Jahrzehnten nicht mehr).

Ein weiterer Grund könnte aber die zunehmende Erkenntnis sein, dass KI enormen Energiebedarf hat. Es wird erwartet, dass die Rechenzentren, die generative KI-Programme trainieren und hosten, bis 2030 schätzungsweise 8 % des Stromverbrauchs in den USA ausmachen werden, gegenüber 3 % im Jahr 2022. Dies könnte beträchtliche Investitionen in Energieinfrastruktur und Ertragswachstumspotenzial für Versorger bedeuten.

Wir beobachten ähnliche Entwicklungen in anderen Wirtschaftsbereichen, was darauf hindeutet, dass die Entwicklung der KI noch in den Kinderschuhen steckt. Daher glauben wir, dass Mega-Cap-Tech-Unternehmen, die weiterhin in KI investieren und innovativ sind, mehr Umsatz- und Free-Cash-Flow-Wachstum verzeichnen könnten.

Die fünf führenden Unternehmen der Mag 7 arbeiten intensiv am Ausbau ihrer ohnehin schon großen Wettbewerbsvorteile: In den ersten Monaten 2024 lag das Umsatzwachstum dieser Unternehmen im Jahresvergleich zwischen 13 % und 262 %. Die Unternehmensführungen kündigten für dieses Jahr KI-Investitionen in Höhe von insgesamt rund 200 Milliarden US-Dollar an. Dies sowie mögliche Zinssenkungen – die den Diskontsatz für künftige Gewinne senken würden – könnten bei diesen Aktien für weiteres Aufwärtspotenzial sorgen.

Gleichzeitig glauben wir, dass der Wert von zweitrangigen KI-Unternehmen zunehmen wird. Dazu gehören das gesamte Halbleiter-Ökosystem (von Herstellern hochentwickelter Chips bis hin zu Halbleiterausrüstern), Unternehmen, die nachhaltige Wassermanagementsysteme für Rechenzentren anbieten, Energie- und Elektrokomponentenlieferanten ... die Liste ist lang.

Bewertungslücken rücken ins Blickfeld

Die anhaltende Outperformance der US-Tech-Branche hat die weltweite Kluft bei den Aktienbewertungen noch vergrößert. Tatsächlich haben US-Aktien die Aktienmärkte der Industrieländer in den letzten 16 Jahren zumeist angeführt – einer der längsten Zeiträume seit Jahrzehnten. Infolgedessen liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von US-Aktien zwar meist über dem anderer Industrieländer, aber der Aufschlag übersteigt jetzt den Durchschnitt.

Europäische Märkte haben aufgeholt

Ermutigend ist jedoch, dass sich die Fundamentaldaten in anderen Märkten positiver entwickeln. In Bereichen, in denen Bewertung und Fundamentaldaten übereinstimmen, besteht die Möglichkeit, dass die Aktienkurse konsequenter steigen.

So wuchs das Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal 2024 in Großbritannien und der Europäischen Union schneller als erwartet. Auch die Inflationsraten gingen zurück, sodass die Schweiz im März und Schweden im Mai Zinssenkungen vornahmen. Und das Gewinnwachstum verbesserte sich, da überdurchschnittlich viele Unternehmen die Erwartungen der Analysten übertrafen.

So haben sich die europäischen Indizes im bisherigen Jahresverlauf weitgehend parallel zu den US-Indizes entwickelt. Es spricht einiges dafür, dass sich die positive Dynamik fortsetzen kann. Europa hat auch seine eigene Gruppe von führenden Mega-Caps in Sektoren wie dem Gesundheitswesen, der Halbleiterindustrie und dem Einzelhandel aufgebaut. Und ein Anstieg der Rüstungsausgaben um 62 % gegenüber dem letzten Jahrzehnt lässt die Auftragsbücher der europäischen Rüstungsunternehmen wachsen.

Chancen abseits der Mag 7

In den USA bestehen weiterhin Sorgen wegen überzogenen Bewertungen, aber es gibt Anlass, positiv zu denken. Während der nach Marktkapitalisierung gewichtete S&P 500 ein Forward-Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 21 aufweist, liegt das Forward-KGV der gleichgewichteten Version des Index bei vernünftigen 16, insbesondere angesichts des aktuellen Zinsniveaus. Der Unterschied spiegelt die große Gewichtung der Big-Techs im Referenzindex wider.

Für den Rest des S&P 500 ging das Gewinnwachstum im ersten Quartal durchschnittlich zurück, was zur Deckelung der Bewertungen beitrug. Dennoch dürfte sich die Gewinnentwicklung laut Konsensprognosen im weiteren Jahresverlauf wieder beschleunigen, sodass für das Kalenderjahr 2024 insgesamt ein positives Gewinnwachstum zu erwarten ist. Wir sehen das ähnlich, verweisen aber auch auf die Unsicherheiten bezüglich der Verbraucherausgaben, des Zeitpunkts und der Anzahl möglicher Zinssenkungen sowie der geopolitischen Spannungen. Deshalb sind wir nach wie vor der Meinung, dass sich die Anleger auf qualitativ hochwertige Unternehmen konzentrieren sollten, deren Wachstum nicht vom Konjunkturzyklus abhängt, die einen starken freien Cashflow generieren können und die einen angemessenen Verschuldungsgrad aufweisen.

Ein Sektor, der viele dieser Eigenschaften aufweist, ist unserer Meinung nach das Gesundheitswesen. Nach einer mehrjährigen Baisse werden viele Biotechnologietitel immer noch unter dem Cash-Wert ihrer Bilanzen gehandelt. Gleichzeitig blieb der Gesamtertrag des breiteren Gesundheitssektors 2023 um mehr als 20 Prozentpunkte hinter dem des S&P 500 zurück und litt unter einem starken Rückgang der Corona-bezogenen Produktverkäufe.

Und doch ist der Gesundheitssektor von Innovationen durchdrungen. Im vergangenen Jahr hat die Food and Drug Administration eine Rekordzahl von 73 neuen Medikamenten zugelassen. Diese Medikamente stehen nun am Anfang eines wahrscheinlich zehnjährigen Umsatzzyklus, auch in neuen Endmärkten mit einem Umsatzpotenzial von mehreren Milliarden US-Dollar. Kürzlich zugelassene GLP-1-Medikamente zur Behandlung von Diabetes und zur Gewichtsreduzierung beispielsweise erzielen bereits einen Jahresumsatz von über 30 Milliarden US-Dollar und dürften bis zum Ende des Jahrzehnts einen Umsatz von rund 100 Milliarden US-Dollar erreichen.

Ein guter Zeitpunkt für Fundamentalanlagen

Kurz gesagt, obwohl das erste Halbjahr 2024 in vielerlei Hinsicht überraschend war, hat es unserer Meinung nach dazu beigetragen, Chancen in Bezug auf Bewertung und Fundamentaldaten aufzuzeigen. Beides könnte in den nächsten sechs Monaten noch stärker in den Fokus rücken, da Anleger mit anhaltenden Inflationsmaßnahmen, geldpolitischen Schritten, geopolitischen Spannungen und Unsicherheiten im Zusammenhang mit den US-Wahlen rechnen. Wie wir jedoch eingangs sagten, sind wir von den Perspektiven für Aktien weiterhin überzeugt. Unserer Ansicht nach ist das Potenzial für Shareholder Value in verschiedenen Marktbereichen noch überzeugender geworden.“

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