Ausblick 2024: Rückbesinnung auf das Potenzial der Schwellenländer

  • Alejandro Arevalo
  • Jupiter Asset Management

FRANKFURT – In den vergangenen Jahren haben Schwellenmärkte zum Teil heftige Turbulenzen erlebt, räumt Alejandro Arevalo von Jupiter Asset Management ein. „Für 2024 erwarten wir jedoch ein viel positiveres, ruhigeres Umfeld mit weniger Schocks für die Märkte, insbesondere für die Schwellenländer“, sagt er.

Ab hier folgt die Marktanalyse von Alejandro Arevalo, Investment Manager im Emerging-Market-Debt-Team bei Jupiter Asset Management:

„In den vergangenen Jahren standen Risikoanlagen durch wiederholte Schocks stark unter Druck – von Covid-19 über den Krieg in der Ukraine bis hin zur hohen Inflation und der starken Zinsstraffung nach mehreren Jahren sehr niedriger Zinsen, vor allem in den Industrieländern. Diese Themen haben den entwickelten und aufstrebenden Märkten zu schaffen gemacht und zu heftigen Turbulenzen geführt. Für 2024 erwarten wir jedoch ein viel positiveres, ruhigeres Umfeld mit weniger Schocks für die Märkte, insbesondere für die Schwellenländer.

Angesichts der Tatsache, dass andernorts höhere Renditen zu erzielen waren und viele Investoren sich mit den Renditen von US-Staatsanleihen zufriedengegeben haben, waren Schwellenländeranleihen in letzter Zeit weniger gefragt. Der Konsens ist jedoch, dass die Zinsen in den Industrie- und Schwellenländern ihren Höchststand erreicht haben und wahrscheinlich ab 2024 sinken werden. Davon sollten Schwellenländeranlagen profitieren. Tatsächlich sehen wir bereits Hinweise auf eine Stimmungswende, was die Maximierung der Gesamtrendite und laufenden Erträge angeht.  

Das Umfeld verbessert sich

Wir glauben, dass viele der Risiken, mit denen Schwellenländeranleihen in den letzten Jahren konfrontiert waren – Makrorisiken, geopolitische Risiken, höhere Zinsen in den Industrieländern und nennenswerte Abflüsse aus der Anlageklasse –, im Jahr 2024 abnehmen oder ganz wegfallen werden. Dadurch dürfte sich auch der Fokus der Anleger wieder stärker von den negativen externen Marktfaktoren auf die positiven internen Faktoren in den Schwellenländern verlagern.

Viele Marktteilnehmer treibt derzeit vor allem die Frage um, ob die US-Wirtschaft auf eine harte oder weiche Landung zusteuert. Aus Sicht der Schwellenländer halten wir diese Frage jedoch für weniger relevant. Natürlich könnte es im schlimmsten Fall zu einem Marktausverkauf in den Industrieländern mit einer gewissen Ansteckung der Schwellenländer kommen. Weitaus wichtiger als alles andere ist aus unserer Sicht jedoch, dass wir in jedem Fall sinkende Zinsen sehen werden. Davon sollten Schwellenländeranleihen letztlich profitieren.

Rückläufige Inflation und Zinsen

Den allgemeinen Erwartungen zufolge wird die Inflation in den meisten Schwellenländern bis Ende 2024 wieder auf den Zielwert der jeweiligen Zentralbanken zurückkehren. Auch wird davon ausgegangen, dass der Höchststand der Leitzinsen, wie in den Industrieländern, größtenteils erreicht ist. Da die Zentralbanken in den Schwellenländern zudem deutlich früher mit Zinserhöhungen begonnen haben, verfügen sie über ein großzügiges Polster positiver Realzinsen und damit einen potenziell größeren Spielraum für eine Lockerung ihrer Geldpolitik und Maßnahmen zur Ankurbelung der Konjunktur.

Wir gehen zwar davon aus, dass sich das Wachstum in den Schwellenländern zu Beginn des neuen Jahres etwas abschwächen wird. Was das Wachstumsgefälle betrifft, erwarten wir jedoch eine nachhaltige Rückkehr zu einem stärkeren Wachstum gegenüber den Industrieländern.  

Wachstumsschwäche in China

Ein weiterer Belastungsfaktor ist das zuletzt schwächere Wachstum der chinesischen Wirtschaft verbunden mit dem Platzen der Spekulationsblase am chinesischen Immobilienmarkt. Erfreulicherweise hat beides jedoch kaum Auswirkungen auf die Schwellenländer insgesamt gehabt. Darüber hinaus sind wir überzeugt, dass die Talsohle in Bezug auf die chinesischen Märkte und Marktstimmung durchschritten ist. Wir rechnen hier im Jahresverlauf 2024 mit einer Aufhellung, zumal die chinesische Regierung zunehmend gewillt zu sein scheint, der Wirtschaft mit einer expansiven Geld- und Fiskalpolitik unter die Arme zu greifen.

In den letzten Jahren waren die Ausfallraten in den Schwellenländern überdurchschnittlich hoch, was vor allem auf die Sorgen über den chinesischen Immobiliensektor und den anhaltenden Krieg in der Ukraine zurückzuführen war. Allerdings erwarten wir für 2024 auch einen deutlichen Rückgang der Ausfallraten, die sich angesichts der nachlassenden Risiken wieder dem langfristigen Durchschnitt annähern dürften.

Schnelle Rückkehr bei Schwellenländeranleihen im Jahr 2024?

Angesichts des sich aufhellenden Umfelds und der vielen positiven Treiber der Anlageklasse rechnen wir im kommenden Jahr mit erneuten Zuflüssen in Schwellenländeranleihen, die nach einer derartigen Stimmungswende in der Regel zudem sehr schnell neue Anlagegelder anziehen. Ohne den Zeitpunkt der Zuflüsse vorhersagen zu wollen – oder zu können –, gehen wir davon aus, dass die Anleger noch 2024 in diese Anlageklasse zurückkehren werden, und haben uns entsprechend positioniert.  

Risiken im Blick

Dabei behalten wir weiterhin auch die Risiken genau im Auge. Im Jahr 2024 stehen in den Schwellenländern viele Wahlen an und wir sind uns der Risiken bewusst, die mit der dadurch bedingten politischen Unsicherheit einhergehen. Dennoch scheinen die Schwellenländer, wie bereits erwähnt, weniger anfällig für eine Ansteckung zu sein als in der Vergangenheit. Dadurch sind auch die Auswirkungen politischer Risiken auf die Anlageklasse tendenziell begrenzt.

In den Industrieländern finden im Jahr 2024 ebenfalls mehrere wichtige Wahlen mit potenziell weitreichenderen Auswirkungen statt, allen voran die Präsidentschaftswahlen in den USA. Traditionell kommt es nach US-Wahlen in den Schwellenländern jedoch häufig zu einer Erleichterungsrallye, wenn die allgemeine Verunsicherung, die Wahlperioden mit sich bringen, ein Ende hat.

Abgesehen von den politischen Entwicklungen sind extreme Wetterereignisse eines der wesentlichen Risiken für die Schwellenländer. Die Zentralbanken haben sich zuletzt vermehrt zu El Niño geäußert, da das Klimaphänomen potenziell erhebliche Auswirkungen auf die Lebensmittelpreise in den Schwellenländern haben könnte und der Lebensmittelanteil an den Verbraucherausgaben in diesen Ländern besonders hoch ist. Wir werden diese Risiken in den kommenden Monaten weiter genau beobachten.

Regionale Faktoren stärker im Fokus

Mit Blick auf 2024 wird sich die Aufmerksamkeit der Marktteilnehmer wieder stärker auf regionale Faktoren verlagern – den Wachstumsvorsprung der Schwellenländer gegenüber den Industrieländern, die nachlassende Inflation, die Unabhängigkeit der Zentralbanken und das über alle Schwellenländer hinweg starke Konsumwachstum.

In bestimmten Teilen der Schwellenländer stimmen die Bewertungen derzeit nicht mit den Fundamentaldaten überein: Die Risikoaufschläge sind höher – dabei haben sich die Fundamentaldaten in den letzten Jahren nicht so stark verschlechtert, wie die Märkte erwartet hatten. Angesichts der Kombination von hohen Risikoaufschlägen und starken Fundamentaldaten mit einem potenziellen Rückenwind aus mehreren Richtungen im Jahr 2024 sind wir zuversichtlich, was den Ausblick für die Anlageklasse im kommenden Jahr angeht.

Favorisierte Branchen

Die verbesserten lokalen Rahmenbedingungen haben uns dazu veranlasst, stärker von globalen Exportunternehmen in Bereiche umzuschichten, die von der Entwicklung der lokalen Wirtschaft und einer stärkeren Verbrauchernachfrage profitieren sollten. Neben Konsumsektoren gehören dazu auch die Telekommunikations- und Versorgungsindustrie sowie der Bankensektor. Auch in diesem Umfeld bleiben wir bei unserer Überzeugung, dass ein diversifizierter und zugleich selektiver Ansatz entscheidend ist.“

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