80 % der US-Unternehmen übertreffen Ergebniserwartungen

  • Tim Murray
  • . Rowe Price

MÜNCHEN – Wenn Märkte auf Rekordhöhen steigen, stellt sich Anlegern unweigerlich die Frage, wie lange das noch so weitergehen kann, sagt Tim Murray von T. Rowe Price. Allerdings unterscheide sich der heutige Markt deutlich von den Konjunkturzyklus-Anstiegen, die in der Vergangenheit einer Korrektur vorausgingen. Er setzt darauf, dass derzeit die Gewinne die Bewertungen weiterhin stützen.

Der entscheidende Unterschied zu früheren Investmentzyklen bestehe darin, dass es sich derzeit um eine gewinngetriebene Rallye handele, präzisiert Tim Murray, Kapitalmarktstrategist bei T. Rowe Price. Denn obwohl die Aktienkurse weiter gestiegen sind, sei das erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis des S&P 500 im vergangenen Jahr gesunken. Mit anderen Worten: Die Bewertungen sind weniger anspruchsvoll geworden, obwohl die Märkte neue Höchststände erreicht haben. „Das ist ein deutlich anderes Umfeld als in früheren Phasen, in denen steigende Bewertungskennzahlen – und nicht verbesserte Fundamentaldaten – die Renditen antrieben“, ergänzt der Stratege.

Die jüngste Gewinnsaison bestätigt die Kursanstiege

Wie sich aktuellen Meldungen entnehmen lässt, konnten viele Unternehmen die Erwartungen übertreffen, und dies, obwohl die Analysten ihre Prognosen stetig nach oben korrigierten. Genauer gesagt haben mehr als 80 % der Unternehmen die Gewinnschätzungen übertroffen, was darauf hindeutet, dass die Unternehmensstärke weit über die größten AI-bezogenen Titel hinausreicht. Befürchtungen, wonach geopolitische Spannungen – einschließlich möglicher Störungen in der Straße von Hormus – die Konjunktur erheblich bremsen könnten, haben sich bislang noch nicht in den Unternehmensgewinnen niedergeschlagen.

Größere Transparenz bei KI-Investitionen

Auch die Debatte um künstliche Intelligenz habe sich weiterentwickelt, erklärt Murray. Investoren würden längst nicht mehr in Frage stellen, ob Hyperscale-Technologieunternehmen weiterhin massiv in KI investieren werden; stattdessen interessieren sie sich dafür, ob diese Investitionen letztendlich akzeptable Renditen erzielen können. Die Unternehmensführungen sind dem entgegengekommen und haben mit größerer Transparenz reagiert – sie haben detailliertere Angaben zur Umsatzgenerierung, zu erwarteten Amortisationszeiten, Abschreibungsannahmen und den wirtschaftlichen Grundlagen ihrer Investitionspläne gemacht. Diese zusätzlichen Informationen würden dazu beitragen, die Investoren davon zu überzeugen, dass KI-Ausgaben zunehmend wirtschaftlich fundiert sind.

Gleichwohl spiegele die jüngste Volatilität bei Technologieaktien eine gewisse Vorsicht wider. Einerseits sei das durch KI generierte Gewinnwachstum nach wie vor außergewöhnlich, andererseits lasse das Tempo des technologischen Wandels eine ungewöhnlich große Bandbreite an langfristigen Ergebnissen zu. Zudem hat die sich verbessernde Performance von Small-Cap- und Value-Aktien den Anlegern tragfähige Alternativen zu dem mittlerweile stark konzentrierten Technologiehandel geboten. Die daraus resultierende Rotation scheint indes in erster Linie durch Positionierung und Portfoliodiversifizierung getrieben worden zu sein und nicht durch eine nennenswerte Verschlechterung der Fundamentaldaten.
„Diese Unterscheidung ist wichtig“, sagt der Experte. Die Bewertungen von Wachstumsaktien hätten sich im vergangenen Jahr deutlich zurückgesetzt, während die Gewinnerwartungen weiterhin robust sind. „Die jüngste Schwäche im Technologiesektor deutet entsprechend nicht auf das Ende des KI-getriebenen Marktes hin, sondern gleicht zunehmend einer gesunden Neukalibrierung nach einer Phase starker Performance“, erklärt Murray.

Wichtiges Durations-Management bei Anleihen

Die bedeutendere strukturelle Frage könnte woanders liegen, ahnt der Experte. So würden Regierungen weiterhin erhebliche Mengen an Schuldtiteln ausgeben, während viele der weltweit größten Unternehmen Kredite aufnehmen, um KI-Infrastruktur und andere langfristige Investitionen zu finanzieren. Dies schaffe ein für Anleihen weniger günstiges Angebots-Nachfrage-Umfeld als das, was Anleger im vergangenen Jahrzehnt erlebten, und könnte den Aufwärtsdruck auf die Renditen aufrechterhalten. „In diesem Umfeld gewinnt das Management des Durationsrisikos zunehmend an Bedeutung, während das Beibehalten von Engagements in den Sektoren Rohstoffe und Energie wertvolle Widerstandsfähigkeit bieten kann, sofern Inflations- oder geopolitische Risiken wieder auftauchen.

Fazit

Rekordhochs verdienen zwar Beachtung, sind aber für sich genommen kein Signal dafür, dass sich die Märkte von den Fundamentaldaten abgekoppelt haben. „Solange die Gewinne die Bewertungen weiterhin stützen, sind Anleger möglicherweise besser beraten, sich auf die Qualität und Breite der Unternehmensrentabilität zu konzentrieren als auf das Niveau des Index selbst“, resümiert Murray.

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