10 Thesen für 2026 – Fiskalimpulse und gelockerte Geldpolitik stützen Märkte
- Tilmann Galler
- J.P. Morgan AM
MÜNCHEN – „Mit Blick auf 2026 passt das Bild einer Dampflok: Der Kessel wird sowohl von fiskalischer als auch von geldpolitischer Seite noch einmal richtig aufgeheizt“, sagt Tilmann Galler von J.P. Morgan AM. Diese Kombination stütze die Wirtschaft, habe aber potenzielle Nebenwirkungen – etwa bezüglich der Inflation oder einer möglichen Vermögensblase. Seine „10 Thesen für das Jahr 2026“.
These 1: Dank Konjunkturpaketen bleibt das Rezessionsrisiko gering
In der traditionellen stabilitätsorientierten Fiskalpolitik wurden staatliche Ausgaben erhöht, um Krisen zu bekämpfen. In Boom-Phasen wurden die staatlichen Ausgaben in der Regel zurückgefahren. Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management, erinnert daran, dass US-Präsident Donald Trump sich bereits in seiner ersten Amtszeit von der Stabilitätsorientierung verabschiedet hat. So wurden 2017 trotz einer späten Konjunkturphase Steuersenkungen verabschiedet. Die expansive Fiskalpolitik wurde unter Präsident Biden fortgesetzt und scheint sich in der zweiten Amtszeit von Präsident Trump, trotz hohem Haushaltsdefizit, inzwischen fest zu etablieren. Die Neuausrichtung der Wirtschaftspolitik zu einer aktiven Fiskal- und Industriepolitik hat seit der Pandemie zunehmend auch in Europa immer mehr Unterstützer gefunden. „Wir bekommen auch im nächsten Jahr ohne Anzeichen einer Rezession eine beispiellose fiskalische Expansion, flankiert von einer sehr unterstützenden Geldpolitik“, ist Galler überzeugt.
These 2: Die Fed setzt weitere Zinssenkungen um
Trotz robustem Konsum zeigt der US-Arbeitsmarkt zunehmend Schwächen. Experte Galler sieht dabei Rationalisierungseffekte durch KI und Effizienzmaßnahmen im öffentlichen Sektor als Treiber. In diesem Umfeld könne die US-Notenbank die Zinsen weiter senken – bis zu einer Spanne von 3 bis 3,25 Prozent. Bemerkenswert sei, dass diese geldpolitische Unterstützung außerhalb einer Rezession erfolge. Eine Folge der günstigeren Zinsen könnte beispielsweise eine Belebung des Immobilienmarkts durch eine höhere Hypotheken-Nachfrage sein, was auch den Bausektor ankurbeln dürfte.
These 3: Technologie-Investitionsboom hält an
Tech-Investitionen werden laut Galler „immer dominierender“. Im ersten Halbjahr 2025 hätten sie ein Drittel zum US-Wirtschaftswachstum beigetragen. Da Cash-Flows und Bilanzqualität gerade bei den großen Tech-Unternehmen sehr positiv seien, sei keine Wiederholung der Dotcom-Blase zu befürchten. Risiken sieht Galler vielmehr in Rohstoffengpässen, Energieinfrastruktur und der unklaren Endnachfrage im KI-Zyklus. Es sei durchaus fraglich, ob die gewaltigen Investitionssummen für die KI-Anbieter den erhofften Ertrag auf das eingesetzte Kapital liefern werden. Ein Beispiel sei die geringe Nutzerzahl kostenpflichtiger KI-Abos im Vergleich zum Marktpotenzial. Entscheidend würde aber auch sein, welcher der Tech-Giganten die besseren Chips liefern könne.
These 4: Trügerische Ruhe an den Anleihenmärkten – Volatilität steigt
Kapitalmarktexperte Galler erwartet, dass 2026 die ruhige Marktphase bei Staatsanleihen endet. Die expansive Politik sei nicht im Interesse der Bond-Investoren, was zu „Druck am langen Ende“ führen könne. Länder wie Japan könnten bei zu expansiver Politik vom Markt diszipliniert werden – ähnlich dem „Liz-Truss-Moment“ in Großbritannien.
These 5: Südeuropa outperformt Bundesanleihen
In Europa finden aus Gallers Sicht derzeit tektonische Verschiebungen statt, denn die Grenzen zwischen Kern und Peripherie würden zunehmend verwischen. Dabei würden Staaten, die strukturelle Reformen verschleppen, vom Markt bestraft. Frankreich sei hierfür ein Beispiel: Spanien und Griechenland weisen niedrigere Renditen bei 10-jährigen Anleihen auf als Frankreich. Auch Deutschland könnte bei fortgesetzten Ausgaben höhere Risikoprämien zahlen. „Südeuropäische Anleihen werden auch 2026 Momentum haben“, sagt Galler.
Dass die südeuropäischen Länder so gut dastehen, habe auch mit den überraschend hohen Wachstumswirkungen des EU-Wiederaufbaufonds zu tun, wie der Experte betont. Italien erhielt 6 Prozent der Wirtschaftsleistung in Form von Zuschüssen und Sonderkrediten, perspektivisch bis zu 9 Prozent, bei Griechenland waren es bislang sogar bis zu 15 Prozent gemessen am BIP. Besonders dort, wo auch Strukturreformen konsequent umgesetzt würden, wie etwa in Spanien und Griechenland, wirkten die Mittel besonders gut.
These 6: Unternehmensgewinne steigen 2026
Dank stabiler Konjunktur erwartet Galler eine positive Gewinnentwicklung, was sowohl Aktienmärkte als auch Unternehmensanleihen stütze: „Solange Gewinne steigen, können Märkte mit höheren Bewertungen oder mit engeren Spreads gut leben.“
These 7: Carry dominiert Erträge bei Unternehmensanleihen
Die Spreads liegen aus Sicht von JP Morgan AM bereits am unteren Rand historischer Spannen. „Der Ertrag von Unternehmensanleihen wird 2026 stärker vom Carry kommen – nicht von sich einengenden Risikoaufschlägen“, erwartet Galler. Entscheidend bleibe aber, dass Gewinne stabil bleiben und Kupons bedient werden.
These 8: Hohe Dividenden schlagen High-Beta-Aktien
Nach der jüngsten Outperformance sehr risikoreicher Aktien erwartet der Kapitalmarktexperte für dieses Segment 2026 mehr Gegenwind. „Der so genannte High-Beta-Bereich dürfte zukünftig schwächer performen, da wir den Eindruck haben, dass aktuell in diesem Segment des Aktienmarktes zu optimistische Wachstumsaussichten eingepreist sind“, sagt er. Im Vorteil sieht er dagegen defensivere Titel, insbesondere dividendenstarke Unternehmen, für die ein stabiles Wachstumsumfeld ausreichend sein sollte.
These 9: Europäische Wachstumswerte (Granolas) outperformen Mag 7
Europa bezeichnet Galler weiterhin als attraktiv. Die sogenannten Granolas – große europäische Wachstumsunternehmen aus Gesundheit, IT und Konsum – böten vergleichbares Wachstum zu günstigeren Bewertungen. „Wir trauen den Granolas sogar zu, die Mag 7 zu schlagen. Wir sehen dort ähnliches Wachstum zu etwas günstigerem Preis“, führt Galler aus. Das Bewertungsniveau der Aktien aus Europa sei insgesamt „weit weg von Euphorie“. Bewertungssteigerungen waren in den vergangenen Jahren im Gegensatz zu den USA oder Ländern wir Taiwan oder Korea geringer ausgeprägt.
These 10: Lange Duration > kurze Duration
Als Absicherung gegen Bewertungsrisiken eigne sich eine längere Duration, kommt Galller zum Ende. „Alles mit längerer Laufzeit kann im Krisenfall auch Cash outperformen“, sagt Galler. In früheren Krisen hätten langlaufende Staatsanleihen aufgrund fallender Zinsen erhebliche Kursgewinne verbucht und konnten damit die negative Entwicklung der Aktien zumindest partiell kompensieren.
Fazit
Zusammenfassend geht Tilmann Galler von einem konstruktiven wirtschaftlichen Umfeld im Jahr 2026 aus. Dabei sei es wichtig, Risiken stärker zu beachten. Vor allem sei es relevant, das Portfolio stärker außerhalb des Tech-Bereichs zu diversifizieren, etwa in Europa. Zur breiteren Risikostreuung und Verbesserung des Risiko-Ertrags-Profils würden sich etwa Private Markets eignen. Inflationsrisiken könnten wiederum durch die Hinzunahme realer Vermögenswerte reduziert werden. Besonders Infrastruktur und Transport seien dabei hervorzuheben. Auch weil diese Investments bisher fast ausschließlich großen institutionellen Investoren vorbehalten waren, nun aber dank des neuen Vehikels der ELTIFS (European Long Term Investment Funds) zunehmend auch für breitere Anlegerschichten verfügbar seien und zusehends an Momentum und Relevanz gewinnen sollten.
